Irans "Weblogestan"

Tausendundein Kanal der Freiheit

Der iranische Blogger Arash Abadpour beschreibt, wie sich die persische Blogosphäre in den vergangenen Jahren immer mehr politische Freiräume erobern und technisch versierter in Erscheinung treten konnte - allen staatlichen Repressionen zum Trotz.

Der iranische Blogger Arash Abadpour beschreibt, wie sich die persische Blogosphäre in den vergangenen Jahren immer mehr politische Freiräume erobern sowie technisch versierter öffentlich in Erscheinung treten konnte - allen staatlichen Repressionen zum Trotz.

Blogger in einem Internetcafé in Teheran; Foto: DW/dpa
Irans Blogosphäre hat sich immer mehr zu einem unübersichtlichen Netzwerk von Communities und Nutzern entwickelt, welche das Regime immer weniger beeinflussen und kontrollieren kann.

​​ Willkommen im persischen "Weblogestan", der digitalen Welt, in der Menschen zu politischen Aktivisten werden, sich verlieben und ihre eigene Kultur und Sprache erschaffen, und das alles, während sie ihren heißen Tee schlürfen und mit anderen Hand auf ihrer Tastatur tippen.

Dies ist die Geschichte von dem, was die persischen Blogger erreicht haben: Heute, acht Jahre nach Salman Jarriris erstem Blogeintrag, kann heute niemand genau sagen, wieviele persische Blogs tatsächlich existieren.

Dieser Artikel will dem Weg zwischen Inhalt und Rezipienten im Weblogestan folgen. Auf dieser Reise werden einige Elemente der persischen Blogosphäre aufgeschlüsselt und kurz diskutiert - mit dem Ziel dem Leser einen Eindruck der persischen Blogosphäre zu geben, aus welchen unterschiedlichen Ablegern sie besteht, und was ihre Hauptdarsteller charakterisiert.

Basar der kommunikativen Möglichkeiten

In seinem wunderbaren Buch "Die Kathedrale und der Basar" hat Eric Raymond die offene Gemeinschaft der Blogosphäre als eine Geschenk-Kultur identifiziert. Im Gegensatz zu Kommandos und Hierarchien, herrscht hier eine Kultur des Gebens, Teilens, Schenkens.

Es gibt keinen halbwegs ordentlichen Bericht darüber, ob persische Blogger ein erwähnenswertes Einkommen durch ihre Blogs erzielen. Es gibt allerdings Blogger, die zunächst nur durch ihre Blogs bekannt waren und dann eine journalistische Karriere begonnen haben.

​​ Viele Blogger geben persönliches Interesse an Diskussionen und dem Aufbau einer Community als Hauptgrund für das Bloggen an. Blogger erreichen Popularität, wenn sie Inhalte von guter Qualität liefern - das scheint das führende Modell in Weblogestan zu sein.

Die persische Blogosphäre ist wie ein Basar und hat wie dieser keinen zentralen Aufbau. Die verschiedenen Angebote gehen auf unterschiedliche inhaltliche Produktions-Routinen zurück. Das zeigt sich vor allen Dingen im Zusammenhang mit Aktivitäten bei Facebook, Friendfeed und Google, die ebenfalls als Blogging betrachtet werden können.

Das Fehlen einer zentralen Organisation kann tatsächlich als sehr wichtiger Faktor in Bezug auf das Überleben der persischen Blogosphäre betrachtet werden. Diese Struktur hat es den Behörden unmöglich gemacht, die persische Blogosphäre in eine "sichere Zone" umzustrukturieren.

Die politische Dimension von Audios und Videos

Der Inhalt persischer Blogs besteht zumeist aus Text, teilweise ergänzt durch Bilder. Meistens fungieren die Bilder als dekorative Elemente, die die Meinung der Blogger untermauern. Während man noch die Chance hat, Inhalte in den wenigen unabhängigen Zeitungen zu veröffentlichen, gibt es keinen unabhängigen Radio- oder Fernsehsender im Iran. Daher ist die Verbreitung von individuellen Audio- und Videoinhalten einzig auf das Internet beschränkt.

Internetnutzerin in Teheran; Foto: AP
Individuell und unübersichtlich: Die persische Blogosphäre ist wie ein Basar und kennt wie dieser keine zentralen Strukturen

​​ Im Verlauf der letzten Wahlen im Iran im Juni 2009 wurden in der Kampagnen von Mir Hossein Mussawi, dem Kandidaten der Reformisten, oft Kurzvideos eingesetzt. Die Kampagne wurde in kleinformatigen Videodateien unter dem Titel "Behauptungen und Statistiken" veröffentlicht.

In diesen Videos wurden offizielle Statistiken benutzt, um damit einige Behauptungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu widerlegen. Die Videos wurden bei YouTube eingestellt und kreisten später im gesamten Netz.

Im Rahmen der Kampagne wurden außerdem komprimierte Kopien der Videos produziert, die dann über Bluetooth ins mobile Netz übertragen wurden, so dass sie von der iranischen Bevölkerung auf ihren Mobiltelefonen gesehen werden konnten. Dies war eine kreative Umnutzung der Technologie, denn vorher wurde die Bluetooth-Einrichtung der Telefone nur benutzt, um an private Videos zu kommen, die pornographische Inhalte hatten.

Auch ist die starke Nutzung von Feeds und deren Ausspielung auf verschiedene Plattformen ein wichtiger Weg, die Zensur durch die Behörden zu umgehen. Die gegenwärtigen Diskussionen in Blogs zeigen, dass der überwiegende Teil der jungen Generation im Iran problemlos in der Lage ist, mit den neuen Technologien, wie zum Beispiel Blog Feeds oder Filter, umzugehen.

Protestplattform "Balatarin"

Seit einiger Zeit hat sich in Weblogestan ein weiteres neues Instrument mit Namen Balatarin ("The Highest") etablieren können. Links, die hier geposted werden, werden sofort bei "Balatarin" veröffentlicht. Wenn sie dann nicht nur Kommentare, sondern auch genügend positive Bewertungen anderer Nutzer erhalten, landen sie automatisch auf der "Balatarin"-Startseite.

​​ Die Idee, die "Balatarin" zu Grunde liegt, ist eine Mischung aus Angeboten wie reddit, digg, newsvine und del.icio.us. "Balatarin" hat sich seit den Wahlen im Iran im Juni 2009 zu einer der bekanntesten persischen Webseiten entwickelt. Die Seite wurde unter anderem auch dafür genutzt, Protestaktionen gegen das Regime zu koordinieren.

Texte, aber gelegentlich auch Videoinhalte die in einem der Tausenden persischen Blogs veröffentlicht werden, erreichen heutzutage das Publikum durch ein kompliziertes Labyrinth von Diensten und sozialen Netzwerken.

Die Heimtücke der Regierungsfilter, niedrige Breitband-Verbindungen, Strafverfolgungen der Blogger sowie andere soziale und technische Probleme waren und sind zwar große Hindernisse für die persischen Blogger, sie haben jedoch auch dazu beigetragen, dass eine Gemeinschaft von Menschen mit verschiedenen sozialen und politischen Meinungen und Interessenfeldern entstehen konnte.

Zensur als Chance?

Der iranische Blogger Arash Abadpour; Foto: &copy Arash Abadpour
Arash Abadpour: "Die persische Blogosphäre ist gewissermaßen ein "Leuchtfeuer der Freiheit", auf das das iranische Regime nur geringen Einfluss hat"

​​ Die persischen Blogger haben die Kritik des Staates als Chance genutzt, um jede Gelegenheit der unzutreffenden und geradezu lächerlichen Berichterstattung der Nachrichten der staatlichen Medien aufzudecken. So erfanden einige Blogger den Spitznamen "Farce News" für die Nachrichtenagentur "Fars News" .

Als Resultat ist das Bloggen zu einer technologischen Plattform der iranischen Jugend geworden, die eine breite Themenpalette von privaten, sozialen und politischen Gedanken einschließt.

Zudem haben die persischen Blogger sehr regelmäßig und zielgerichtet den Staat angegriffen. Dies führte schließlich dazu, dass zahllose Blogger schikaniert und eingeschüchtert wurden, was auch Fälle von Selbstzensur in Weblogestan hervorrief.

Während der Staat auf die Macht der Einschüchterung der persischen Blogosphäre setzt, hat das Netzwerk jedoch auch gelernt, mit dieser heiklen Situation umzugehen. Die vielen verschiedenen Netzwerke - und die damit einhergehende Verbreitung der Inhalte sowie die geographische Verbreitung-, erschwert es der Regierung letztlich, die große Gruppe der Blogger umfassend und dauerhaft zu kontrollieren.

Außerdem befähigt der Fortschritt der technischen Entwicklung die Blogger dazu, unterschiedliche Netzwerke aufzubauen, die machmal parallel laufen und eine Überwachung durch den Staat unmöglich machen.

Während die Regierung zwar in der Lage ist, gegen die Proteste auf den iranischen Straßen hart durchzugreifen, hat sie letztlich ein geringe Kontrolle darüber, was in den Köpfen der Leute vor sich geht. Die persische Blogosphäre ist daher gewissermaßen ein "Leuchtfeuer der Freiheit", auf das das iranische Regime nur geringen Einfluss hat.

Arash Abadpour

© Deutsche Welle 2010

Arash Abadpour arbeitet derzeit als Programmierer in Kanada und schreibt seine Dissertation in Informatik. Er blogt unter der Name "Kamangir" auf Englisch und Persisch.

Qantara.de

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