Interview mit Udo Steinbach

Moderate Kräfte als Bündnispartner gewinnen

Nach Ansicht des Nahostexperten Udo Steinbach befinden sich die islamischen Gesellschaften in einem Konflikt zwischen Modernisierern und rückwärtsgewandten Potentaten. Die westliche Politik sollte daher die Eliten ermutigen, Konzepte zeitgemäßer Säkularität im islamischen Kontext zu entwickeln. Mohammed Khallouk hat sich mit Udo Steinbach unterhalten.

Udo Steinbach; Foto: dpa
Nahostexperte Udo Steinbach: "In der islamischen Welt muss eine Säkularisierungsdebatte geführt werden."

​​ Seit dem 11. September 2001 nimmt die Debatte über den Islamismus und den radikalen Islam einen breiten Raum in der globalen Medienlandschaft ein. Stellt dieses Phänomen tatsächlich eine immer größere Bedrohung dar oder wird nicht bisweilen auch übertrieben?

Udo Steinbach: Zunächst einmal sollte man sich klar machen, dass es eine Bedrohung gibt. Wir sprechen also nicht von einer künstlichen Gefahr, sondern von einer tatsächlichen Bedrohung, die wir hier in Europa erlebt haben und zwar in Spanien 2004, in England 2005, aber auch hier in Deutschland – auch wenn sie noch nicht akut geworden ist – und gleichermaßen in der islamischen Welt, ob wir nach Marokko oder nach Algerien, nach Palästina, in den Irak schauen, bis nach Indonesien. Auch dort gibt es beinahe tagtäglich Anschläge, die motiviert sind, die begründet bzw. aus dem Islam heraus gerechtfertigt werden.

Worum geht es bei diesem Konflikt?

Steinbach: Es handelt sich um eine ideologische Auseinandersetzung, eine konkret politische, gewalttätige Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gesellschaftskonzepten. Auf der einen Seite haben wir hier das im weitesten Sinne westliche demokratische Modell in Europa natürlich und vollständig implementiert. In der islamischen Welt gibt es vielfältige Ansätze, dies zu implementieren – nicht nachzuahmen, aber vielmehr demokratische Prozesse zu installieren.

Gegen diese Form einer westlich geprägten Moderne richtet sich das Konzept der Gewalttäter, die sagen, wir müssen zurück zu einer "islamischen Ordnung". Das Islamische Gesetz muss zu 100 Prozent wiederhergestellt werden. Also, als wirklich legitime Gesellschaft gilt hier nur eine "islamische".

Einige Kritiker meinen, die Politik westlicher Staaten, insbesondere der USA, trage wenig zur Bekämpfung eines gegen die freiheitliche Ordnung gerichteten Islamismus bei. Andere meinen sogar, sie verstärke die Ressentiments gegen den Westen in den islamischen Ländern. Teilen Sie diese Auffassung?

Steinbach: Auch hier glaube ich, müssen wir differenzieren. Wir sollten das Entstehen jener Feinde der freiheitlichen Ordnung nicht ausschließlich der westlichen Politik anlasten. Dies ist nicht allein aus den Fehlleistungen westlicher Politik zu erklären. Vielmehr richtet sich der radikale Islamismus zunächst einmal gegen die Unzulänglichkeiten, welche die eigenen Ordnungen im arabischen Raum - und im gesamten islamischen Raum - aufweisen. Auf der anderen Seite hat die westliche Politik natürlich immer wieder dazu beigetragen, jenen Kräften Wind in die Segel zu blasen, die gegen den Westen angetreten sind.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Steinbach: Das erleben wir tagtäglich: Ich glaube, wir können tatsächlich fast statistisch ermessen, wie der Aufmarsch der Amerikaner seit 2002 gegen den Irak zu einer Eskalation, einer bis dahin nicht da gewesenen Eskalation der Gewalt geführt hat – und zwar im gesamten Raum zwischen Marokko und Indonesien. Die Palästinapolitik ist tagtäglich geeignet, den radikalen Kräften sozusagen Legitimation zu verschaffen.


Zunehmende islamistische Gewalt - nicht nur in Europa, sondern auch in der muslimischen Welt: Terroranschlag vom Mai 2003 im marokkanischen Casablanca

​​ Im Augenblick erleben wir eine immer aggressiver werdende Rhetorik gegen den Iran wegen dessen Atomprogramms. Und ich glaube, was wir falsch machen, was die westliche Politik falsch macht, ist, dass wir nicht einen politischen Ausgleich suchen mit den Kräften in der gesamten islamischen Welt, die in der gleichen Weise wie der Westen selbst von der Aggressivität dieser islamistischen Kräfte betroffen sind.

Wir bekämpfen die radikalen Kräfte ausschließlich über Sicherheitspolitik und das Militär. Was wir nicht ausreichend versuchen, ist erstens eine politische Lösung der Konflikte herbeizuführen und zweitens uns diejenigen Kräfte in der islamischen Welt – und sie stellen die Mehrheit – zu Alliierten zu machen, die in der gleichen Weise wie wir in diesem Zivilisationskonflikt betroffen sind.

Welche Beziehung sollte die politische Öffentlichkeit in den islamischen Staaten zur Religion einnehmen, um einerseits die Zivilgesellschaft aufzubauen und andererseits die Werte der europäischen Aufklärung zur Geltung zu bringen?

Steinbach: Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass der Islam in der ganzen islamischen Welt einen großen Stellenwert besitzt. Jeder Versuch, die Religion aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, ist zum Scheitern verurteilt.

Auf der anderen Seite glaube ich, dass auch in der islamischen Welt – wenn auch unter islamischem Vorzeichen – eine Debatte darüber geführt werden muss, welche Rolle die Religion konkret in der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft, in der Politik spielen kann; das heißt: Es muss eine Säkularisierungsdebatte geführt werden.

Symbolbidl Moschee; Foto: DW/dpa
Steinbach plädiert für eine Modernisierung des Islams und die Stärkung der Säkularisierungsdebatte in der muslimischen Welt.

​​ Das Wort "Säkularisierung" ist weitestgehend unter muslimischen Intellektuellen, Theologen, Rechtsgelehrten noch immer ein Unwort. Man identifiziert Säkularisierung als "la diniya", d.h. also "keine Religion zu haben". Und das ist eine falsche Grundeinstellung. Es geht hier nicht darum, die Religion vollständig aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen – wie dies in Europa versucht worden ist und zum großen Teil gelungen ist –, sondern darum, eine Verbindung von Religion und Gesellschaft zu finden, die aber die Pluralität, die sich in islamischen Ländern durchaus entwickelt hat, nicht unterdrückt. Diese Säkularisierungsdiskussion muss offen geführt werden, und dagegen sträuben sich noch viele muslimische Aufklärer.

Das zweite ist, dass natürlich eine Modernisierungsdebatte des Islams geführt werden muss – und zwar radikaler als zuvor. Diese Debatte wird mit unterschiedlicher Intensität geführt. Es gibt Länder, in denen die Diskussion um die Anpassung des Islams an moderne Gesellschaftsstrukturen sehr weit gediehen ist: Denken wir etwa an die Türkei, wo sich in den letzten Jahrzehnten Beachtliches entwickelt hat. Eigentümlicherweise gibt es das auch in Iran, wo Philosophen und Rechtsgelehrte darüber diskutieren, wie man Religion und Pluralität miteinander verbinden kann. Im arabischen Raum ist das bisher sehr unterschiedlich.

Die Frage muss also gestellt werden: Wie können wir die Religion erneuern, so dass sie mit der realen Pluralität, die islamische Gesellschaften aufweisen, kompatibel ist? Und diese Diskussion wird nicht nur nicht geführt, vielmehr sind auch die Regierenden, die führenden Machthaber selbst, gar nicht daran interessiert, eine solche Diskussion zu führen, weil sie dann Gefahr laufen, ihre Macht zu verlieren.

Wie kann der Westen diesen innerislamischen Konflikt zugunsten der Erneuerer beeinflussen?

Steinbach: Der Westen sollte sich nicht auf die militärische Bekämpfung islamistischer Gewalttäter beschränken, sondern die islamischen Eliten dazu animieren, ein Konzept für eine akzeptable Säkularität im islamischen Kontext zu suchen. Zugleich gilt es, zu einem zeitgemäßen Islamverständnis zu gelangen, das Pluralismus und gesellschaftspolitischer Modernisierung einen geeigneten Rahmen bietet.

Interview: Mohammed Khallouk

© Qantara.de 2008

Udo Steinbach zählt zu den weltweit führenden Experten für den Nahen und Mittleren Osten. Nach seiner Tätigkeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und der Deutschen Welle war er von 1976-2006 Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Zurzeit lehrt er am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg.

Qantara.de

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