Interview mit Olivier Roy zur Umwandlung der Hagia Sophia

„Es ist leichter, Steine zu islamisieren als Seelen"

Die Bilder vom ersten Freitagsgebet in der Hagia Sophia seit 86 Jahren haben international für heftige Reaktionen gesorgt. Doch was bedeutet die erneute Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee für die Türkei? Darüber sprach Eren Güvercin mit dem renommierten französischen Politikwissenschaftler Olivier Roy.

Herr Roy, welche Motivation hat Erdogan, die Hagia Sophia erneut in eine Moschee umzuwandeln?

Olivier Roy: Es steckt keine religiöse Motivation dahinter, seine Ziele sind rein ideologischer Natur. Warum kommt dieser Schritt gerade jetzt und nicht bereits vor 20 Jahren, als Erdogan an die Macht kam? Für ihn symbolisiert die Umwandlung der Hagia Sophia eine Rückkehr zum „osmanischen Paradigma“, das seine Außenpolitik seit dem Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu 2016 dominiert. Dennoch hat diese osmanische Referenz keine Entsprechung in der Innenpolitik, die weitgehend auf einer konservativen Version des Nationalismus basiert. Damit inszeniert Erdogan lediglich am Jahrestag des Vertrags von Lausanne von 1923, der die neue türkische Republik begründet hat, eine vermeintliche Rückkehr zum „Osmanismus“.

Was will er mit dieser Entscheidung kompensieren?

Roy: Er will über seine wachsende Unbeliebtheit hinwegtäuschen. Und die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist auch ein Zugeständnis an die nationalistische Rechte, auf deren Tagesordnung dieses Ziel schon immer stand. Erdogan hat die letzten Kommunalwahlen in Ankara und Istanbul verloren. Seine Partei hat sich nach dem Austritt von unabhängigen Köpfen wie Ahmet Davutoğlu, Abdullah Gül und Ali Babacan zu einer Clan- und Familienorganisation entwickelt.Paradoxerweise kontrollierte die AKP niemals das religiöse Feld. Der religiöse Arm der AKP wurde jahrelang von der Gülen-Bewegung geprägt, die Erdogan aber hintergangen hat. Das hat ihn noch paranoider gemacht. Es gelang ihm nicht, die Gesellschaft zu „islamisieren“, außer in einigen eher marginalen Punkten. Sein einziges religiöses Instrument ist die Religionsbehörde Diyanet, eine staatliche Bürokratie, die nicht in der Lage ist, die Jugend zu mobilisieren oder eine religiös- spirituelle Wiederbelebung zu fördern.

Der französische Islamismusforscher Olivier Roy; Quelle: YouTube
Nach Angaben von Olivier Roy gab es in der türkischen Bevölkerung keine große Begeisterung für die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. „Istanbul hat über 16 Millionen Einwohner. Daran gemessen, hielt sich die Teilnahme am ersten Freitagsgebet in der neuen Moschee in Grenzen“, sagt er im Qantara-Interview.

"Die Erzählung des politischen Islam ist schon lange gescheitert"

Die Hagia Sophia ist seit Jahrzehnten ein Symbol, an dem sich der politische Islam in der Türkei abarbeitet. Der islamistische Politiker Necmettin Erbakan in der Vergangenheit und Erdogan heute propagieren, dass die „Befreiung“ der Hagia Sophia ein wichtiger Schritt für den politischen Islam in der Türkei und in der gesamten islamischen Welt sei, um wieder zu alter Stärke zu finden…

Roy: Es ist leichter, Steine ​​zu islamisieren als Seelen. Anscheinend gab es wenig Begeisterung in der Bevölkerung für die erneute Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Istanbul hat über 16 Millionen Einwohner. Daran gemessen, hielt sich die Teilnahme am ersten Freitagsgebet in der neuen Moschee in Grenzen. Und auch im Rest des Landes gab es keine wirklich großen Menschenansammlungen, um dieses Spektakel zu feiern.

Die Erzählung des politischen Islam ist schon lange gescheitert. Ich würde sie mit rechten Bewegungen in Europa und speziell in Polen vergleichen, die von einer „christlichen Identität“ sprechen. Der politische Islam stellt eine Mischung aus Notalgie und Zwang dar, aber er hat kein Programm zur Mobilisierung der Jugend oder für die Zukunft. Religiöse Populisten – ob in der Türkei oder Europa – verlieren die großen Städte, die Intelligenzia und die Jugend.

Darüber hinaus ist Erdogans Türkei kein Leuchtfeuer für den politischen Islam im Nahen Osten. Die arabische öffentliche Meinung kauft die „osmanische“ Erzählung nicht. Die Demonstranten in den Straßen von Algier, Khartum oder Bagdad fordern Demokratie. Die Umwandlung der Hagia Sophia und andere Träumereien lassen sie kalt.

Keine populäre religiöse Mobilisierung

Also ist das Spektakel rund um die Hagia Sophia keine Demonstration der Stärke?

Roy: Es ist ein Zeichen der Schwäche. Viele haben die Partei verlassen, und den Typus des muslimischen Intellektuellen der 80er und 90er Jahre, der den politischen Islam in der Türkei geprägt hat, gibt es heute nicht mehr. Das Wirtschaftswunder der 2000er Jahre ist tot. Und wir haben keine populäre religiöse Wiederbelebung in der Türkei. Nichtstaatliche religiöse Netzwerke wie die Gülen-Bewegung wurden zerschlagen, andere wiederum halten Abstand, wie etwa die verschiedenen Nakschibandi-Orden. Mit einem Wort: Erdogans Aktivismus wird nicht durch eine Mobilisierung der Bevölkerung unterstützt, auch wenn er immer noch eine einigermaßen stabile Wählerbasis hat.

Diese Art der „religiösen“ Eskalation wird zudem die Isolation der Türkei im Nahen Osten verstärken. Sie wird die Europäische Union, die Russen und die USA immer mehr vor den Kopf stoßen, ohne neue Verbündete zu gewinnen. Und das zu einer Zeit, in der türkische Militäraktivitäten in Syrien, Libyen und den Kurdengebieten das Land immer mehr in unruhiges Fahrwasser bringen.

Wenn man sich die Jugend besonders im konservativen und religiöseren Teil der türkischen Gesellschaft anschaut, sieht man zwei Tendenzen: Ein Teil ist durch die AKP-Propaganda sehr stark ideologisiert, aber immer mehr religiöse Jugendliche sind aufgrund des autokratischen Systems und der Vetternwirtschaft unter Erdogan desillusioniert…

Roy: Wir müssen auf die Trends schauen, aber der populäre islamische „Moment“ liegt eindeutig hinter uns. Der erste Wahlsieg der AKP ermöglichte es religiösen Menschen, als „Gläubige“ in den öffentlichen Raum einzutreten, aber die Bürokratisierung des Islam durch den Staat hat die meisten praktizierenden Muslime wieder entfremdet. Sie sind nicht unbedingt gegen die AKP und könnten diese Partei vielleicht weiter wählen, aber sie sind zu einer privateren und unpolitischeren Religiosität zurückgekehrt.

Wieder einmal hat Erdogan die Unterstützung der Tarikats (Sufi-Orden) verloren, denn auch wenn diese sich nicht der politischen Opposition zuwenden, halten sie sich einfach aus der Politik heraus, was für die Türkei etwas Neues ist. Ich denke, man hat die Auswirkungen des Putsches durch die Gülen-Bewegung und die anschließende Unterdrückung nichtstaatlich-religiöser Akteure unterschätzt. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Spannungen zwischen Erdogan und der Intelligenzia in Bezug auf die Meinungsfreiheit und ignorieren, was in der konservativ-religiösen Bevölkerung vor sich geht.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2020

Olivier Roy ist französischer Politik- und Islamwissenschaftler, der als politischer Berater, Diplomat und UN-Gesandter wirkte und unter anderem 1994 die OSZE-Mission in Tadschikistan leitete. Gegenwärtig ist er Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Fiesole, Italien. Zuletzt erschien 2017 sein Buch "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors" im Siedler Verlag.

 

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