Interview mit der Migrationsexpertin Rita Süssmuth

"Mit Vielfalt umgehen lernen"

Wenn sich in den nächsten Jahren nichts an der Einwanderungspolitik ändert, wird sich die europäische Bevölkerung nach 2025 drastisch verringern. Annika Zeitler sprach mit der Migrationsexpertin und ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Das jüngste Flüchtlingsdrama vor der südeuropäischen Insel Lampedusa Anfang Oktober 2013, als 360 Flüchtlinge ertranken, zeigte wieder, mit welchen Folgen Europa sich gegenüber Einwanderern abschottet. Tatsächlich braucht die alternde EU-Gesellschaft aber über kurz oder lang mehr Einwanderung. Mit der Euro-Krise hat es schon viele Menschen aus südeuropäischen Staaten nach Deutschland gezogen. Die Zuwanderung hat 2013 Rekordwerte erreicht. Viele Zuwanderer und Flüchtlinge bringen Wissen und Werte aus der Heimat mit. Doch in Deutschland wird die Vielfalt oft als Bedrohung empfunden.

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Welche Willkommenskultur brauchen wir in Deutschland?

Rita Süssmuth: Bei uns war der Begriff "Willkommenskultur" bis vor kurzem noch ein Fremdwort. Daran müssen wir weiter arbeiten, miteinander und nicht nur nebeneinander. Das ist mit vielen Chancen, aber auch mit Problemen verbunden. Ich wünsche mir für Deutschland und Europa eine offenere Kultur gegenüber Migranten, Zuwanderern und Flüchtlingen. Es gibt leider immer noch viele, die sagen, ich will mit diesen Problemen nichts zu tun haben, das kostet unser Land zu viel Geld. Auf dem Papier gibt es die "Willkommenskultur" schon, doch sie richtet sich in erster Linie an Arbeitsmigranten. Zuwanderung ist aber nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung.

Rettungsaktion der italienischen Marine vor der Küste Siziliens, 28.11.2013; Foto: picture-alliance/ dpa
Traurige Realität: Täglich legen überfüllte Flüchtlingsboote in Nordafrika ab und steuern auf die "Festung Europa" zu. Nicht wenige dieser unsicheren Überfahrten enden mit Schiffbruch und zahllosen Toten. Hilfsorganisationen wie Pro Asyl werfen den EU-Ländern vor, auch nach solchen Bootskatastrophen im Mittelmeer ihre bisherige Abschottungspolitik weiter zu perfektionieren.

Was muss in Deutschland dafür getan werden?

Süssmuth: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir haben es noch lange nicht geschafft: Mich ermutigen immer wieder die Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, wie zum Beispiel gerade erst in Hamburg. Da konnte ein junger Mann mit Hilfe von anderen vor der Abschiebung geschützt werden. Diese Hilfe kann von der Kirche sein, aber auch von den Nachbarn, von Sport- oder sonstigen Vereinen. Sie haben "Willkommenskultur" verstanden und heißen die Menschen willkommen. Sie warten nicht auf den Staat und die Politiker, sondern agieren einfach selbst. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir gut ausgebildete Migranten an Deutschland binden können. Ich habe in Spanien noch vergangene Woche gefragt: Wie ist es bei Euch? Wandern viele Migranten ab? Nein, war die Antwort.

Sie sprechen die direkte Hilfe der Bürger und Vereine an, aber was müsste sich zum Beispiel in den deutschen Behörden ändern?

Süssmuth: Im öffentlichen Dienst fehlt es uns an Vielfalt; es fehlt an Fremdsprachen. Wir könnten hier noch viel mehr von unseren Migranten, die bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, profitieren, wenn wir sie dort gezielt einsetzen. Wir müssen ihre Qualifikationen wertschätzen, indem wir sie entsprechend ihrer Ausbildung in die Berufswelt einordnen.

Dann fehlt in der Bundesrepublik nach wie vor eine zentral gesteuerte Zuwanderung nach Berufsqualifikation, Sprachkenntnissen und Beziehung zu unserem Land, wie es in Kanada, Großbritannien, der Tschechischen Republik oder in Österreich bereits gemacht wird. Doch dieses so genannte kanadische Punktesystem wird nach wie vor bei uns abgelehnt. Wir müssen der Vielfalt gerecht werden und mit Vielfalt umgehen lernen. Die Frage ist auch vielmehr, wer sich hier eigentlich integrieren muss, die Migranten oder die Einheimischen?

Müssen wir auch bei den Flüchtlingen nachfragen, welche Fachkenntnisse sie haben?

Süssmuth: Ich möchte dieser Form von Identifizierung und Selektion nicht folgen. 'Hast du die richtige Sprache, den richtigen Beruf, dann wirst du aufgenommen.' Aber wenn Sie an Lampedusa oder Syrien denken, dann steht doch im Mittelpunkt, dass es sich um humanitäre Flüchtlinge handelt. Wir müssen diesen illegalen Grenzüberschreitungen anders begegnen. Papst Franziskus hat für die Opfer von Lampedusa einen Kranz ins Meer geworfen. Ich hätte mir gewünscht, er hätte zehn Flüchtlinge in den Vatikan aufgenommen. Wir brauchen auch eine neue Flüchtlingskultur. Aber das darf nicht das Kriterium sein, Arbeitsmigrant ja, Flüchtling nein. Das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen, denn im Augenblick praktizieren wir das so.

Afrikanische Flüchtlinge in der St. Pauli Kirche in Hamburg; Foto: Reuters
"Botschaft der Hoffnung": Pastor Sieghard Wilm öffnete Anfang Juni die Pforten der St. Pauli-Kirche in Hamburg für über 80 Flüchtlinge aus Lampedusa. Als der Senat die jungen Männer aufforderte, sich einem Asylverfahren zu stellen, an dessen Ende die mögliche Abschiebung drohte, protestierten viele Bürger der Hansestadt für ein Bleiberecht der Flüchtlinge.

Die Vielfalt der Religionen halten die meisten Deutschen für eine Bereicherung. Dennoch findet die Mehrheit, dass der Islam nicht zu Deutschland passt. Hat Deutschland zu wenig für die Integration getan?

Süssmuth: Seit den Terroranschlägen vom 11. September und der Sicherheitspolitik aus dem Jahr 2001 kennen wir Muslime nur noch als gefährlich, auch wenn die überwiegende, ganz große Mehrheit ihren Glauben friedlich lebt wie andere das Christentum, den Buddhismus oder andere Religionen. Wir stehen uns viel näher als wir wissen und denken. Natürlich gibt es Unterschiede in unserer Glaubenslehre, aber es sind nicht alle militante Kämpfer.

Haben die Deutschen Angst vor Migranten, und davor ihre Kultur zu verlieren?

Süssmuth: Wir sind längst keine homogene Gesellschaft mehr, sondern vielmehr eine vielseitige. Und Vielfalt bedeutet doch nicht, die eigene Kultur zu verlieren. Sondern es bedeutet sogar, Potentiale, die wir vielleicht verloren haben, zurückzubekommen, nicht nur in ökonomischen und innovativen Bereich, sondern vor allem auch im sozialen. Wir tun immer so, als wäre alles aus unserer europäischen Kultur entstanden, dabei haben wir einen großen Teil von woanders übernommen. Wie halten wir es mit Menschen, die anders sind als wir? Wir müssen von Anfang an lernen sie zu respektieren. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für Europa insgesamt.

Das Interview führte Annika Zeitler.

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Klaudia Prevenzanos/DW & Arian Fariborz/Qantara.de

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