Interview mit der Islamwissenschaftlerin Sarah Albrecht

Lassen sich islamische Werte im säkularen Rechtsstaat besser realisieren?

Den Muslimen wird immer wieder unterstellt, dass sie pauschal die Scharia über das Grundgesetz stellen. Im Interview mit Jannik Deckers erklärt die Islamwissenschaftlerin Sarah Albrecht, weshalb dieser Vergleich hinkt und welchen Stellenwert die Scharia für Muslime im Westen wirklich einnimmt.

Die Scharia ist anders als viele Politiker in Deutschland denken kein gebundenes Gesetzbuch, sondern ein hochkomplexes System der islamischen Normenlehre, welches religiöse Vorschriften enthält. Sind die Normen und Werte, die die Scharia vermittelt, mit dem Grundgesetz Ihrer Ansicht nach vereinbar?

Sarah Albrecht: Das kommt natürlich darauf an, was man unter der Scharia versteht. Wie Sie schon sagen, ist die Scharia kein festgeschriebenes Gesetzeswerk, sondern sie umfasst die gesamte islamische Normenlehre, das heißt ethische, rituelle, moralische und auch rechtliche Bestimmungen sowie die Methoden der Interpretation und Herleitung konkreter Vorschriften.

Wenn man sich verschiedene Aspekte der Scharia wie Speisevorschriften, den Gebetsritus oder andere gottesdienstliche und ethische Fragen anschaut, dann widersprechen diese sicher nicht rechtlichen Vorgaben, die man aus dem Grundgesetz ableiten kann. Bei einzelnen rechtlichen Bestimmungen kommt es natürlich darauf an, wie sie interpretiert werden und in welchen Fällen derlei Regelungen überhaupt Anwendung finden.

Denn abgesehen davon, dass beispielsweise strafrechtliche Aspekte der Scharia selbst in islamisch geprägten Ländern heutzutage nur bedingt angewandt werden, verpflichtet die Scharia nach Ansicht der Mehrheit islamischer Gelehrter die Muslime seit jeher dazu, das an ihrem Wohnort geltende Recht zu achten. Sprich, Rechtstreue gilt als religiöses Gebot.

Sarah Albrecht: Islamwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin; Foto: Sarah Albrecht
Sarah Albrecht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin mit den Forschungsschwerpunkten Islamisches Recht und Normativität, Islam in Minderheitenkontexten, insbesondere in Europa. Vor Kurzem ist ihre Studie "Wie islamisch ist Europa?" bei der Bertelsmann Stiftung erschienen. Sie betont, dass Muslime bereits oft vielfältige und pragmatische Wege gefunden haben, um ihre religiösen Normen und ihre Religiosität mit dem Leben in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Wenn nun Politiker aus dem rechtspopulistischen Spektrum, aber auch darüber hinaus, immer wieder anmahnen, die Scharia dürfe hierzulande keine Geltung haben, dann bezeugt das in vielen Fällen sicher ihr mangelndes Verständnis davon, was die Scharia eigentlich ist. Es unterstellt zugleich aber auch eine inhärente Unvereinbarkeit islamischer Normen mit hiesigen gesellschaftlichen Vorstellungen. Das Schlagwort "Scharia" dient dabei oft bloß als Platzhalter für das vermeintlich Andere oder Bedrohliche, das der sogenannten christlich-abendländischen Leitkultur entgegenstehe.

Wie stehen Muslime in Deutschland zur Demokratie im Allgemeinen?

Albrecht: Den Muslimen wird immer wieder unterstellt, dass sie pauschal die Scharia über das Grundgesetz stellen. Zum einen hinkt dieser Vergleich natürlich aus den eben genannten Gründen. Zum anderen impliziert er häufig, dass sie daher demokratische Grundwerte ablehnen. Wenn man sich jedoch einzelne Studien anschaut, wie z.B. den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung 2015, bei dem Muslime u.a. gefragt worden sind, ob die Demokratie für sie eine gute Regierungsform darstellt, haben 90 Prozent derjenigen Muslime, die sich selbst als sehr religiös bezeichnen, die Frage mit ja beantwortet.

Welche Aspekte der Scharia sind für Muslime in ihrem Alltag von Bedeutung?

Albrecht: Das kommt natürlich ganz darauf an, wen man fragt. Schaut man sich zum Beispiel Fatwas des "Europäischen Fatwa-Rates" an, einem Gelehrtengremium, das sich speziell mit der Interpretation der Scharia in Europa befasst, dann lassen sich da bestimmte Schwerpunkte ablesen. In den Fragen, mit denen sich Muslime an diesen Rat wenden, geht es z.B. häufig um rituelle Fragen rund um die Umsetzung oder Anwendung von Gebet, Fastenzeiten, Kleider- und Speisevorschriften etc. im Rahmen einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft.

Bertelmanns-Studie: "Wie islamisch ist Europa?"; Foto: Bertelsmann Stiftung
"Wie islamisch ist Europa?" Sarah Albrecht thematisiert die aktuellen innermuslimischen Diskussionen über die Vereinbarkeit islamischer Normen in mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaften.

Für einige dieser Muslime stellen sich wegen des im klassischen islamischen Recht verankerten Zinsverbots auch Fragen finanzieller Art: Wie kann man das in einem Land praktizieren, in dem die allermeisten Banken nur verzinste Kredite anbieten? Darüber hinaus kommt auch dem familiären Bereich, also Fragen die sich mit klassischen, islamischen Vorstellungen rund um Eheschließung, Scheidung oder Erbschaft befassen, eine gewisse Bedeutung zu.

Das sind einige Bereiche, die manchen Muslimen wichtig sein können. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es unter Muslimen in Deutschland, und natürlich unter Menschen, die lediglich als solche markiert, also wahrgenommen werden, auch eine breite Masse gibt, die derlei normativen Fragen eine geringe Bedeutung zuschreibt und sich nicht alltäglich über diese Themen Gedanken macht. Genauso, wie sich auch Christen oder Angehörige anderer Religionen nicht ständig mit kirchenrechtlichen oder theologischen Fragen auseinandersetzen.

In Ihrer Studie "Wie islamisch ist Europa?" geht es zum Teil um das sogenannte "Minderheiten-Fiqh", also die Scharia-Auslegung im Minderheitenkontext. Was genau ist damit gemeint?

Albrecht: Hier geht es um eine Debatte, die größtenteils von muslimischen Gelehrten und Intellektuellen geführt wird, die sich seit den 1980er Jahren verstärkt mit der Frage auseinandersetzen, wie die Scharia für Muslime, die in einem Minderheitenkontext wie z.B. in Nordamerika oder in Westeuropa leben, zu interpretieren ist und anwendbar gemacht werden kann.

Diese Gelehrten betonen immer wieder, dass es sich hierbei keineswegs um eine moderne oder postmoderne Diskussion handelt, sondern um das Bemühen, historische, islamrechtliche und ethische Diskussionen in den heutigen gesellschaftlichen Kontext zu übertragen.

Schließlich hat es ja schon seit der Frühzeit des Islam immer Muslime gegeben, die unter nichtmuslimischer Herrschaft oder im Minderheitenkontext gelebt haben. Innerhalb dieses Diskurses geht es also darum, auf Grundlage historisch gewachsener Methoden des Fiqh, also der Scharia-Interpretation, Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu finden, die sich aus dem Leben im Westen ergeben können.

Tariq Ramadan ist ein prominenter Kritiker des "Minderheiten-Fiqh". Wie ist das folgende Zitat von ihm zu verstehen: "Es gibt Gesetze von Nicht-Muslimen, die in ihrem Geist islamischer sind als Gesetze in islamischen Ländern".

Albrecht: Damit greift Tariq Ramadan eine Diskussion auf, die in den letzten Jahren immer stärker geführt worden ist, und zwar geht es dort um die "Maqasid", die sogenannten höheren Ziele der Scharia. Also um die Frage, was eigentlich die übergeordneten ethischen Intentionen der Scharia sind.

Tariq Ramadan und andere muslimische Gelehrte und Intellektuelle, die sich seiner Meinung anschließen, würden diese Frage folgendermaßen beantworten: Im Prinzip gibt es eine Reihe von fünf bis sechs übergeordneten Zielen oder Intentionen der Scharia. Kurz zusammengefasst ist das der Schutz und die Förderung von Leben, Religion, Familie oder Nachkommenschaft sowie Intellekt, Würde und Eigentum. Diese Ziele gilt es zu schützen.

Islamwissenschaftler Tariq Ramadan; Foto: picture-alliance/dpa/A. Estevez
Tariq Ramadan ist ein Schweizer Islamwissenschaftler mit ägyptischen Wurzeln. Darüber hinaus ist er Publizist und Kritiker des "Minderheiten-Fiqh". Er ist der Meinung, dass die Ziele der Scharia in westlichen, säkularen Staaten besser umgesetzt werden können als in vielen islamisch geprägten Ländern. Seine These lautet: "Es gibt Gesetze von Nicht-Muslimen, die in ihrem Geist islamischer sind als Gesetze in islamischen Ländern."

In westlichen Ländern, in Nordamerika oder in Westeuropa, werden diese Ziele deutlich besser umgesetzt als dies in vielen islamisch geprägten Ländern der Fall ist, sagt Tariq Ramadan. Nehmen wir das Beispiel Schutz und Förderung des Intellekts, was häufig mit dem Bildungssystem bzw. dem Zugang zu Bildung gleichgesetzt wird. Oder Sicherheit für Leib und Leben, oder auch die Freiheit, seine Religion zu leben. In all diesen Bereichen sehen manche Intellektuelle und Gelehrte die Ziele der Scharia in Europa und Nordamerika viel besser gewahrt als in islamisch geprägten Ländern. Einige kommen daher auch zu dem Schluss, dass westliche Staaten letztlich "islamischer" seien als manch ein selbsternannter "islamischer Staat".

Könnte ein westlicher Staat, in dem Muslime leben, ihre Religion frei ausüben können und den Schutz des Staates genießen, Ausgangspunkt für Reformimpulse oder sogar Neu-Interpretationen islamischer Normen werden?

Albrecht: Viele MuslimInnen würden das sicherlich bejahen. Wenn man sich das konkreter in Deutschland anschaut, wird es spannend werden zu beobachten, inwiefern Impulse von den vor einigen Jahren gegründeten Instituten für Islamische Theologie ausgehen werden. Dabei bleibt abzuwarten, inwiefern die dort geführten Debatten es ermöglichen werden, in muslimische Communities hineinzuwirken bzw. inwieweit Muslime in Deutschland diese Diskussionen überhaupt als relevant erachten.

Abseits dieser normativen Debatten haben allerdings die Muslime über Jahrzehnte hinweg bereits vielfältige, oft pragmatische Wege gefunden, um ihre religiösen Normen und ihre Religiosität mit dem Leben in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Interview: Jannik Deckers

© Qantara.de 2016

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