Die iranisch-deutsche Autorin Siba Shakib; Foto: Giacomo Terracciano

Interview mit der iranisch-deutschen Autorin Siba Shakib
"Der Verlust der Heimat ist ein großer Schmerz“

Die iranisch-deutsche Autorin und Filmemacherin Siba Shakib kam in Teheran zur Welt und schreibt in ihren Bestsellern über Themen wie Herkunft und Vergangenheit. Mit Qantara.de spricht sie über ihren neuen Roman "Der Kirschbaum, den sie ihrer Mutter nie schenkte" sowie über Heimat, Religion und die aktuelle Debatte zur Identitätspolitik. Ein Interview von Schayan Riaz

Frau Shakib, in Ihrem Roman kommt das Wort Heimat oft vor. Dabei geht es um den Iran und um Italien, wohin sich Ihre Protagonistin zurückzieht. Welchen Bezug haben Sie zu diesem Wort?

Siba Shakib: Das Motiv des Romans ist der Verlust. Heimat ist für mich mit Verlust verbunden. Ich meine das nicht im folkloristischen Sinne, sondern den faktischen Verlust eines Ortes, zu dem man nicht mehr gehören kann. Als ich den Iran für mein Studium verlassen habe, bin ich mit einem Koffer los, in den Semesterferien wollte ich wieder zurück. Ich hatte nicht vor, in Deutschland oder Amerika zu bleiben. Ein paar Semester lang ist das gut gegangen, doch plötzlich hieß es: Du kannst nicht mehr nach Hause. Dadurch ist ein großer Schmerz, ein Vakuum entstanden. Unter anderem davon wollte ich in diesem Roman erzählen. Der Begriff Heimat ist für mich sowohl negativ als auch positiv besetzt.

Wann waren Sie das letzte Mal im Iran?

Shakib: Vor 20 Jahren. Mir fällt ein absurder Vergleich ein: Wenn man sich trennt, gibt es oft diese Vorstellung, dass es noch einen letzten Geschlechtsakt oder ein Abschiedsritual geben muss, damit man endgültig damit abschließen kann. Ich dachte immer, nächstes Jahr oder irgendwann gehe ich zurück, ich hatte also kein Abschiedsritual. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis ich mit dem Iran abschließen konnte. Aber ich idealisiere das Land nicht. So vieles läuft dort gerade falsch: Die Vermischung von Religion und Regierung, die Korruption, der Missbrauch von Drogen, Notprostitution und so vieles mehr.

"So ehrlich und so nah wie möglich“

Ich bin ein nichtreligiöser, nein, ich bin ein antireligiöser Mensch, und ich sehe die Nachteile und Schwächen unserer Kultur. Und trotzdem wurde ich aus alldem herausgerissen und ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass ich damit abschließen muss.

Was meinen Sie mit antireligiös? Man kann doch auch nichtreligiös sein, aber nicht gegen Religion.

Shakib: Mich macht es wütend, dass so viele Menschen durch Religion klein und unwissend gehalten werden.

Buchcover von Siba Shakibs "Der Kirschbaum, den sie ihrer Mutter nie schenkte"; Quelle: Bertelsmann Verlag
Ein eindringlicher Roman über die heilende Kraft des Geschichtenerzählens: Die Protagonistin Anoush steht an einem Wendepunkt: Ihre Freundin Anouk, wie sie selbst Tochter eines Iraners und einer Deutschen, mit der sie in Teheran aufwuchs, hat sich das Leben genommen. Für Anoush bleibt die Zeit stehen. Sie zieht sich in ihr kleines Haus in den italienischen Marken zurück, um die traumatischen Erinnerungen zu verarbeiten. Dann taucht plötzlich eine geheimnisvolle Frau bei ihr auf, die sagt, sie habe ihr Gedächtnis verloren. Beide Frauen erzählen sich ihre Geschichte und können wieder zu sich selbst zu finden.

Dann haben Sie kein Problem mit der Religion an sich, sondern mit ihrer Instrumentalisierung?

Shakib: Doch, ich habe ein Problem mit Religion an sich. Je gebildeter eine Gesellschaft ist, desto leichter fällt es den Menschen, sich von Religion als einer kollektiven Pflichtübung und Fessel zu befreien. Religion wird dann immer mehr zur Privatsache. Säkulare Gesetze treten in den Vordergrund und gewinnen an Bedeutung. Je unfreier eine Gesellschaft dagegen ist, desto mehr religiöse Gesetze und Regeln können ihr aufgezwungen werden und den Alltag bestimmen.

Ihre Hauptfigur hat viele Selbstzweifel. Mal geht es um ein Buch, das sie nicht fertig schreiben, mal um einen Dokumentarfilm, den sie nicht zu Ende bringen konnte. Reflektieren Sie dadurch auch Ihre eigene Arbeit und Karriere?

Shakib: Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, muss ich immer erklären, dass ich oft und viel gescheitert bin, um heute dort zu sein, wo ich stehe. Es war ein Bedürfnis für mich zu erzählen, dass Erfolg, was immer das bedeutet, viel Arbeit, Leid und Schmerz kostet, oder kosten kann.

In meinem Fall hat meine Arbeit immer viel mit meinem eigenen Erleben und Leben zu tun. Wissen Sie, es hat zehn Jahre gedauert, diesen Roman zu schreiben, weil ich versucht habe, so ehrlich und so nah wie möglich an der Welt in uns drinnen zu sein.

Werden Ihre Werke auch in den Ländern gelesen, in denen sie spielen?

Shakib: Interessanterweise ja. Der Verlag wollte meine Bücher im Iran verkaufen, doch wir mussten feststellen, dass es sie dort bereits gab. Sie waren bereits übersetzt, hatten ISBN-Nummern, ein schönes Cover. Es gab halt nur keine offizielle Lizenz. Aber das ist okay. Mir ist wichtig, dass die Bücher in Pakistan, im Iran, in Afghanistan gelesen werden. Wenn die Tantiemen nicht gezahlt werden, ist das in diesem Fall nicht so schlimm.

"Kritik muss konstruktiv bleiben“

Was wünschen Sie sich am meisten, wenn Sie für eine überwiegend deutsche Leserschaft über diese Länder schreiben? Möchten Sie den deutschen Lesern diese Länder näherbringen?

Shakib: Wenn ich anfange zu schreiben, habe ich nur eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen wird. Insofern weiß ich manchmal auch nicht, welche Länder vorkommen werden. Erst beim Schreiben wird mir klar, wie ich eine Geschichte erzählen möchte. Meine Hauptintention ist, meine Leser an die Innenwelten meiner Heldinnen heranzuführen. Aber klar, es ist schön, wenn mir gelingen sollte, europäischen Leser einen besseren Einblick in fremde Kulturen, und eine andere Perspektive als die in den Nachrichten zu vermitteln. Dabei geht es nicht darum, das Elend anderer Länder zu beschreiben, sondern wie Menschen damit umgehen.

Seit einiger Zeit diskutieren wir in Deutschland über den Begriff “Identitätspolitik". Wie beurteilen Sie als iranisch-deutsche Autorin, die ihr erstes Buch vor fast 20 Jahren veröffentlich hat, diese Entwicklung?

Shakib: Zum Glück diskutieren wir diese Themen schon länger. Allerdings sahen Minderheiten früher keine Berechtigung, ihre Belange laut auszusprechen. Andererseits finde ich Begriffe wie "alter weißer Mann“ absurd. Dann ist er halt alt, weiß und ein Mann und sagt Dinge, die einem nicht gefallen oder die nicht richtig sind. Warum können wir uns nicht höflich und konstruktiv damit auseinandersetzen? Ausschlussverfahren sind nicht richtig. Kritik muss konstruktiv bleiben und die Kritisierten einbeziehen, damit Veränderung stattfinden kann.

"Alte, weiße Männer können auch Richtiges sagen“

Aber sollte man nicht zurechtgewiesen werden, wenn man etwas Falsches sagt?

Shakib: Nicht mit Attributen wie "alt" oder "weiß", das ist falsch. Was hat denn “alter, weißer Mann” damit zu tun, dass er etwas Falsches sagt? Schließlich gibt es auch alte, weiße Männer, die Richtiges sagen. Wenn wir schon so klug sein wollen, Fehler anderer zu benennen, sollten wir so differenziert darauf reagieren, dass wir nicht in die gleiche Falle tappen.

Frauen im Iran; Foto: picture-alliance/Zuma Press/R. Fouladi
Der Verlust der Heimat schmerzt, auch wenn diese Heimat eine schwierige ist. Vor 20 Jahren war Siba Shakib zuletzt im Iran. "Wenn man sich trennt, gibt es oft diese Vorstellung, dass es noch einen letzten Geschlechtsakt oder ein Abschiedsritual geben muss, damit man endgültig damit abschließen kann,“ sagt Shakib im Interview mit Schayan Riaz. "Ich hatte kein Abschiedsritual. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis ich mit dem Iran abschließen konnte. Aber ich idealisiere das Land nicht. So vieles läuft dort gerade falsch: Die Vermischung von Religion und Regierung, die Korruption, der Missbrauch von Drogen, Notprostitution und so vieles mehr.“

Wenn man jahrzehntelang Diskriminierungen ausgesetzt ist, dann finde ich es persönlich in Ordnung, wenn man etwas ruppiger im Umgang ist. Sonst hört einem ja keiner mehr zu. Schwarze Menschen haben auch heute noch tagtäglich mit Rassismus zu tun, und nicht nur sie.

Shakib: Die Frage ist, was ist das große Ziel. Die Schritte zum Ziel dürfen nicht so sein, dass man sich selbst den Weg zum Ziel verbaut. Wenn ein Mensch wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse etwas sagt, das nicht richtig ist, dann konzentriere ich mich auf das, was er gesagt hat (Thierse hatte im Februar 2021 in einem Beitrag für die FAZ die Identitätspolitik kritisiert, Anm. der Red.). Nicht darauf, dass er als weißer Mensch keine Berührungspunkte mit bestimmten Kulturen hatte. Damit beleidige ich ihn nur, erreiche aber nichts.

Lassen Sie uns noch ein wenig über das Buch sprechen. Sie haben für Ihren Roman einen schönen Titel ausgewählt, was ist die Geschichte dahinter?

Shakib: Der Titel ist ein Teil meiner Biografie, bzw. der Biografie meiner Mutter. Sie erzählte, dass sie als kleines Kind oft hungrig war und zum Beispiel Kirschen zwar pflücken musste, sie aber nicht essen durfte. Das hat mich sehr getroffen und traurig gemacht, also habe ich ihr gesagt, dass ich ihr, wenn ich groß bin, einen Kirschbaum schenken werde. Dann kann sie so viele Kirschen essen, wie sie will. Als ich ihr und meinem Vater dann eine Wohnung kaufte, habe ich im Garten einen Kirschbaum gepflanzt.

Hatten Sie, anders als die Hauptfigur im Roman ein gutes Verhältnis zu Ihrer Mutter? Immerhin haben Sie ihr eine Wohnung mit Kirschbaum gekauft.

Shakib: Es war und ist ein sehr konfliktreiches Verhältnis. Leider ist es zwischen Mutter und Tochter ja oft nicht einfach. Im Roman habe ich zahlreiche autobiografische Momente verarbeitet. Das hat mich viel Mut gekostet. Aber ich glaube, ich habe die Pflicht und bin es meinen Leser schuldig, mein Leben preiszugeben und zwar ehrlich und auf einer so tiefen Ebene wie nur möglich.

Schayan Riaz

© Qantara.de 2021

Siba Shakib, "Der Kirschbaum, den sie ihrer Mutter nie schenkte", Bertelsmann 2021

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