Interview mit dem saudischen Regisseur Mahmoud Sabbagh

"Eine Generation von Anti-Helden"

Mahmoud Sabbaghs anarchische Komödie "Barakah meets Barakah" spielt in der saudischen Hafenmetropole Djiddah und steht sinnbildlich für eine neue, internetaffine Generation und ihre Erwartungen. René Wildangel hat sich mit Mahmoud Sabbagh unterhalten.

Herr Sabbagh, Ihr Film wagt sich an viele kontroverse Themen der heutigen Realität in Saudi-Arabien heran. Wie war das möglich?

Mahmoud Sabbagh: Als ich mit dem Film begonnen habe, hatte ich keine "romantische Komödie" im Blick - wie es auf der Berlinale heißt, wo der Film gezeigt wurde. Es gibt ja gar kein saudisches Kino, ich musste mich bei den verschiedensten Genres bedienen. Ich würde es einen "coming-of-age" Film nennen. Es hat Züge einer absurden Komödie. Die Komödie benutze ich als Taktik. Der Nahe Osten geht durch düstere Zeiten, es geht meist um Terrorismus, den "Islamischen Staat" und ähnlich deprimierende Themen. Mit einer Komödie erreicht man eher die Herzen der Menschen.

Ich komme aus dem Journalismus. Seit den 1930er Jahren gibt es im Journalismus in Saudi-Arabien auch liberale Stimmen. Vor zehn Jahren begann ich als Kolumnist der Zeitung "Al-Watan" zu arbeiten, ein relativ progressives Blatt. Da gibt es durchaus Raum zur Kritik an der Regierung, den religiösen Institutionen, der Strafjustiz oder anderen rückwärtsgewandten Aspekten der saudischen Gesellschaft. Das ist mein Hintergrund und das versuche ich jetzt auf den Film zu übertragen.

Es gibt auch eine Unterground-Szene und eine Kultur der Kritik, zum Beispiel auf YouTube. Das entwickelt sich nach und nach. Es hat mit dem 11. September begonnen, als in Saudi-Arabien vermehrt Fragen aufkamen: Warum beteiligen sich junge Männer aus unserem Land an Selbstmordattentaten? Langsam wurde mehr Kritik laut, es wurden mehr Fragen zugelassen. Und dann kam der Arabische Frühling, der auch an Saudi-Arabien nicht spurlos vorübergegangen ist, besonders in den sozialen Medien. Auch in Saudi-Arabien kamen die Debatten an, und das hat auch Auswirkungen für die Kunst.

In dem Film nehmen Sie die Zensur und die Behörden aufs Korn. Gibt das keinen Ärger?

Sabbagh: Darum geht es ja. Wir kommen von unten, aus der Bevölkerung. Wir suchen unseren eigenen Weg. Da muss man manchmal tricksen, manchmal Umwege gehen und klug agieren. Ich nutze Comedy und Satire. Zum Beispiel habe ich mich entschlossenen, manche Szenen im Film zu zensieren. Wenn man in Saudi-Arabien eine DVD kauft, in der es Nacktszenen gibt oder Alkohol vorkommt, dann wird das von der Zensur verpixelt, so dass man nichts mehr erkennen kann. Wenn man mit einer saudischen Fluglinie fliegt, passiert mit Filmen an Bord dasselbe. Wir sind daran gewöhnt und hinterfragen das gar nicht mehr.

Filmplakat "Barakah meets Barakah" auf der Berlinale; Quelle: El-Housh Productions
Filmen gegen alle Widerstände: In "Barakah yoqabil Barakah" (Barakah Meets Barakah) von Mahmoud Sabbagh geht es um den Wert der Freiheit, über die Rolle der Frauen in der saudischen Gesellschaft und über die Frage nach Selbstverwirklichung trotz kultureller Beschränkungen.

Deshalb habe ich das in dem Film ad absurdum geführt. Damit sich die Leute fragen: Warum machen wir das eigentlich? Das ist doch verrückt. Natürlich gibt es einige absolut rote Linien. Die kommen aber mehr aus der Gesellschaft als vom Staat. Es gibt auch Graubereiche und wir versuchen da Einfluss zu nehmen; wir testen die Grenzen, versuchen auch mal zu schockieren.

Es herrschen gegenwärtig schlimme Zeiten für die arabische Welt. Da scheint es eine Art nationalen Konsens in Saudi-Arabien zu geben: vielleicht ist unsere Regierung nicht besonders effizient, aber sie funktioniert noch und die Alternative könnte gefährlich sein. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass Länder wie Syrien oder Libyen einmal so aussehen werden wie heute? Wir stellen den Status Quo in Frage, aber wir tun das auf verantwortliche Weise.

In Extremsituationen kann die Kunst eine besondere Energie entfalten. Trifft das auch auf Saudi-Arabien zu?

Sabbagh: Wer heute Djiddah besucht, kommt in eine faszinierende Stadt. Dort gibt es zahllose talentierte junge Menschen beiderlei Geschlechts, die versuchen, ihre Unzufriedenheit und ihre Energie in der Kunst auszudrücken. Es gibt keine Kunstinstitutionen, keine finanzielle Förderung, keine offizielle Kulturszene. Doch inmitten dieses Chaos entstehen auch Chancen. Ich musste mit meinem Film auch neue Wege beschreiten. Ständig habe ich das Drehbuch umgeschrieben, bis ich mir schließlich dachte: Jetzt ist das Ganze wirklich originell und stellt etwas Eigenes dar. Das ist toll, aber vielleicht auch ein bisschen egoistisch, denn wovon ich als Künstler profitiere, darunter leidet die Gesellschaft.

Wer sind Ihre Vorbilder in der Region oder international?

Sabbagh: Mich haben junge Regisseure in den USA beeinflusst, die Filme über "Anti-Helden" und jenseits traditioneller Erzählformen machen. Es geht nicht mehr um den "Batttle of Algier" oder die Erhabenheit der Religion. Unsere Generation hat wenig Heldenhaftes. Wir sind eher eine Generation von Anti-Helden. Wir sind die Generation der Enttäuschten. Das spiegelt sich wahrscheinlich mehr im Formalen als in den Drehbüchern der Filme.

Ich persönlich hatte großes Glück mit der Einladung zur Berlinale. Ich hatte überhaupt keine Connections. Es ist eine riesige Chance, sich mit anderen Filmemachern aus der Region auszutauschen und sich von der Arbeit der anderen inspirieren zu lassen.

Wie haben Sie den Film finanziert und wo geht er in den Verleih?

Sabbagh: Na ja, es ist noch etwas früh, um darüber zu reden. Aber eine Finanzierung gab es praktisch nicht. Ich habe mich für arabische Filmfunds beworben, aber abgelehnt, es war ja auch mein erster Spielfilm. Umso mehr habe ich versucht, andere Unterstützungen zu bekommen, zum Beispiel aus dem privaten Umfeld. Für den Film hatten wir nur ein kleines Budget. Daher wurde quasi in einer Guerillaaktion fertiggestellt. 95 Prozent der Mitwirkenden im Film haben ohne Vertrag mitgewirkt. Es sind überwiegend Freunde gewesen. Und das ist schon etwas Besonderes. Man hält durch für Momente wie bei der Premiere in Berlin. Es war gigantisch auf der Berlinale, ein großes deutsches Kinopublikum zu erleben, das über saudischen Humor lacht.

Fatima AlBanawi and Hisham Fageeh in ″Barakah meets Barakah″ (photo: El-Housh Productions)
Das andere Gesicht Saudi-Arabiens: Der Regisseur Mahmoud Sabbagh wollte eine Geschichte über die Jugend und das Leben im Land erzählen, wie in den Produktionsnotizen zu lesen ist. "Ich wollte ein helleres Bild von Saudi-Arabien und seinen Menschen zeigen." Er würde den Film auch gerne in seiner Heimat öffentlich zeigen, was bislang jedoch unmöglich ist.

Kann der Film in Saudi-Arabien gezeigt werden?

Sabbagh: Öffentliche Filmvorführungen sind verboten. Doch es gibt auch Ausnahmen. Viele Wohlhabende haben ihr Privatkino zu Hause. Aber im öffentlichen Raum fehlt das bis heute. Vielleicht wird mal irgendwo ein Film gezeigt wie "Ibn Battutas Reise nach Mekka". Aber das zählt nicht. Wir werden versuchen, den Film zu zeigen und das geht auch einher mit dem offiziellen Bekenntnis des Staates zu mehr Reformen und Einbeziehung der jüngeren Generation. Wir testen das aus und versuchen Veränderungen anzustoßen.

Djiddah hatte in den 1950er, 60er und 70er Jahren eine lebendige Kinoszene. Meist wurden ägyptische, amerikanische oder italienische Filme gezeigt. Unsere Kultur beruht derzeit ausschließlich auf Konsum. In Zeiten fallender Ölpreise ändert sich das, Saudi-Arabien muss auch selbst produzieren, das hat auch Auswirkungen auf die Kunst. Mein Film ist Teil dieser Veränderungsprozesse.

Ist das Internet das zentrale Mittel dieser Veränderung?

Sabbagh: Ich kann das nicht abschließend bewerten. Natürlich ist das Internet als alternative Form jenseits der staatlichen Restriktionen bedeutend, viele Talente finden eine Plattform auf Soundcloud, YouTube, usw. Das ist wichtig. Aber das Netz ist schnelllebig, und manchmal geht es nur um "Like" oder "Dislike" oder darum, anderen zu gefallen und Konsens zu erzielen. Das Kino ist da tiefgängiger. Es dauert viel länger, einen Film zu machen und ein Film bleibt für immer. Das Internet ist ein wichtiges Mittel, aber es sollte nie das Einzige sein.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die neue Generation echte Veränderung schaffen kann?

Sabbagh: Ich habe das Gefühl, dass sie viel aktiver sind. Sie wollen ihre Meinung äußern und ihre eigene Zukunft gestalten. Dazu müssen sie verstärkt zusammenarbeiten. Ich fände wichtig, dass es mehr regionale Kooperation gibt und sich mehr Institutionen beteiligen, die nicht in nationalen Kategorien denken. Daran fehlt es, davon brauchen wir mehr.

Das Interview führte René Wildangel.

© Qantara.de 2016

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.