Interview mit dem Islamtheologen James Morris

Ibn Arabi – ein Lehrmeister des Paradoxen

James Morris, Professor für Islamische Theologie an der Universität Boston, erklärt im Gespräch mit Claudia Mende, warum die Schriften des Philosophen und Mystikers Ibn Arabis bis heute nachwirken und die produktivste theologische Antwort auf fundamentalistische Auffassungen des Islam bieten.

Herr Morris, Ibn Arabi (1165 -1240) gilt bis heute als der einflussreichste Autor in der arabischen Geschichte überhaupt. Können Sie das erklären?

James Morris: Die Antwort ist paradox. Alle seine Werke sind in einem sehr gelehrten Arabisch verfasst. Sie setzen eine umfassende Bildung voraus, über die nur ein kleiner Kreis von Gelehrten verfügte.

Gleichzeitig wurde Ibn Arabi trotzdem weit über die arabisch-sprechende Welt hinaus einflussreich. Wie kann das sein? Die Antwort liegt in seiner Methode, religiöse Lehren auf ihre spirituelle Erfahrung zurückzuführen, also auf Erfahrungen, die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten teilen. Damit hat er eine Art universeller "Phänomenologie des Geistes" entwickelt und Formen einer spirituellen Erkenntnis formuliert, zu der alle Menschen einen Zugang finden können.

Spielt die Poesie eine entscheidende Rolle in der Rezeption?

Morris: Es gibt zwei Gründe für diese erstaunliche Rezeption. In der Tat haben Dichter und Musiker seine Texte übernommen und in die neuen Sprachen des Islam übertragen, der nach den Mongolenstürmen im 13. Jahrhundert zur Weltreligion wurde. Diese Transformation begann mit dem Persischen und ging dann weiter in die neuen muslimischen Kulturen in Afrika und Asien.

Ein Beispiel: In Indonesien haben seine Schriften dazu geführt, dass die Schattenspiele (Wayang), die für die religiöse Unterweisung wichtig waren, populär wurden. Ibn Arabis Texte lieferten eine Verteidigung der spirituellen Kreativität in der Kunst der Schattenspiele gegen all jene mit einer sehr engen Sicht von Religion. Bis heute finden in der gesamten islamischen Welt Dichter, Künstler und Menschen, die ein spirituelles Leben führen, dezidierte Begründungen für ihr Schaffen oder ihr Leben in den Schriften Ibn Arabis.

Historische Zeichnung Ibn Arabis; Foto: Arab48
"Ibn Arabis Verständnis erlaubt es uns, Bedeutungen zu sehen, die in den vorherrschenden Vorstellungen nicht vorkamen und die Ibn Arabi für einen neuen Kontext angepasst hat. Das wortwörtliche, göttlich inspirierte Verständnis ist bei ihm gleichzeitig ein spirituelles Verständnis, das für jeden einzelnen Menschen unterschiedlich eingefärbt ist", so James Morris.

Gibt es noch einen weiteren Grund?

Morris:  Zu Lebzeiten Ibn Arabis stand die muslimische Welt politisch in der Gefahr, zwischen Mongolen und christlichen Kreuzfahrern zerrieben zu werden. Nach seinem Tod 1240 in Damaskus aber breitete sich der Islam sehr schnell nach Asien, in den Balkan und nach Westafrika aus. Träger dieser Ausbreitung waren vor allem die Sufi-Orden (tariqas).

Hinter der Gründung lokaler Sufi-Orden stand immer eine Handvoll charismatischer Individuen (die sog. awliya, Freunde Gottes), deren Praxis und Verständnis des Islam andere Menschen anzog. Die meisten dieser Sufi-Orden praktizieren das dhikr (Gedenken Gottes) in einem Ritual mit Poesie und Musik verbunden mit Pilgerfahrten und Festivals in lokalen Sprachen (meist in arabischer Schrift geschrieben) und Bräuchen. Wer heute die Bedeutung dieser populären Poesie und Musik verstehen will, zum Beispiel bei den Feiern zur Geburt des Propheten Mohammed muss auf die Interpretationen von Ibn Arabi zurückgreifen.

Wie ist sein Einfluss auf die moderne Welt?

Morris: Es gibt eine ganze Kette der Wirkungsgeschichte bis heute. Zum Beispiel war der persische Dichter Hafis, rund ein Jahrhundert später, vollkommen von Ibn Arabi geprägt. Hafis wurde dann von Goethe gelesen, der wegen ihm Persisch lernte. Nicht nur der "West-östliche Diwan", sondern vor allem "Faust" steht in der Tradition des Koranverständnisses von Hafis. Wenn wir heute die Faust-Geschichte in der Version von Wim Wenders in seinem Film "Himmel über Berlin" sehen, dann ist dieser Film so nah an koranischen Erzählungen, dass ich ihn in meinen Seminaren verwende, um meinen Schülern den Koran zu erklären.

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