Interview mit dem Iran-Experten Bahman Nirumand

"Alle glaubten Khomeinis Versprechen"

Vor 35 Jahren kehrte Ayatollah Khomeini aus dem Exil in den Iran zurück. Thomas Latschan sprach mit dem Iran-Experten Bahman Nirumand über Khomeinis Rolle in der Islamischen Revolution und seine Bedeutung für den Iran heute.

Herr Nirumand, vor 35 Jahren stürzten revolutionäre Kräfte den Schah von Persien. Sie waren damals kurz zuvor selbst aus Deutschland in den Iran zurückgekehrt, haben die Ereignisse hautnah miterlebt. Wie würden Sie die Revolutionsbewegung und die Stimmung im iranischen Volk zu Anfang der Revolution beschreiben?

Bahman Nirumand: Die Stimmung war ungeheuer euphorisch. Alle waren mit Hoffnungen auf ein besseres Leben erfüllt. Die Islamische Revolution war ja im Grunde eine antidiktatorische Revolution. Und die Parole der Revolution hieß zunächst: "Freiheit und Unabhängigkeit!" Der Ruf nach einer "Islamischen Republik" kam erst in den letzten Monaten als dritte Parole hinzu. Alle waren so euphorisch: Ich habe niemals - nicht einmal im Film - solche Szenen gesehen wie im Iran in den paar Wochen vor und nach dem Sturz des Schahs.

Der Unmut gegen den Schah und die regierende Elite hatte sich jahrelang aufgestaut. Was war der Funke, der 1978/1979 das Fass zum Überlaufen brachte?

Nirumand: Darüber gibt es viele Theorien. Meine ist, dass es nicht die Armut war, die in weiten Teilen des Landes herrschte. Es waren zwei andere Dinge, die sich miteinander verbunden haben: Zum einen war der Iran durch die Öleinnahmen zu einem wirtschaftlich wichtigen Land geworden. In der Folge hat sich ein großer Mittelstand gebildet, und dieser Mittelstand forderte politisches Mitspracherecht. Das war nach meiner Auffassung der eigentliche Motor der Revolution. Die ersten Proteste gingen ja auch vom Mittelstand aus, von Staatsangestellten, von Lehrern und Studenten, von Schriftstellern und Juristen. Deswegen war die wichtigste Parole "Freiheit!, und die zweitwichtigste war "Unabhängigkeit!", weil der Iran in große Abhängigkeit von den USA geraten war. Diese Abhängigkeit war auch ein Motiv, wogegen man rebellierte.

 Ayatollah Khomeini bei einer Konferenz in Frankreich; Foto: © Getty Images/Afp/Marcel Binh
Symbolfigur der Islamischen Revolution: In seinem Exil in Paris konnte Ayatollah Khomeini in den Fokus der Weltöffentlichkeit rücken und seine Botschaften an seine Anhänger richten.

Welche Rolle spielte Ayatollah Khomeini aus dem Exil heraus für die Protestbewegung im Iran? Und warum war gerade er so eine zentrale Figur?

Nirumand: Dass sich die Islamisten an die Spitze der Bewegung setzen konnten, hing mit vielen Zufällen zusammen. Sehr wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass Khomeini aus dem irakischen Exil in Nadschaf ausgewiesen wurde - und das auf Druck des Schahs. Er ist dann nach Paris übergesiedelt und stand plötzlich im Rampenlicht der gesamten Medien und des weltweiten Interesses. Von da aus konnte er seine Botschaften an die Gläubigen richten.

Der zweitwichtigste Grund war, dass die islamische Gemeinde gut organisiert war: Es ist Khomeini gelungen, die mehr als 100.000 Geistlichen im Iran zu Parteikadern zu machen, die Moscheen zu Parteizentren und die Gläubigen zum Fußvolk. So wurde Khomeini binnen weniger Monate zum unumstrittenen Führer der Revolution, und alle glaubten seinen Versprechen, dass im Iran bald das Paradies herrschen würde.

Als der Schah gestürzt war, deutete sich da bereits an, in welche Richtung sich diese Revolution entwickeln würde? Immerhin wurde mit Mehdi Bazargan ein liberaler Politiker zum Übergangs-Regierungschef gewählt.

Nirumand: Das war ein sehr kluger Schachzug von Khomeini. Bazargan war zwar religiös orientiert, aber liberal. Er gehörte der aufgeklärten Strömung im Iran an. Dennoch wurde schon in den ersten Wochen klar, wohin der Zug fährt. Auch die erste Frage, die man dem Volk im Referendum stellte: "Islamische Republik? Ja oder Nein", war schon ein Versuch, sich zwar auf legalem, aber auch sehr trügerischem Wege durchzusetzen. (Es handelte sich um eine Volksabstimmung zu einer neuen islamischen Verfassung für den Iran, die nur zwei Monate nach Khomeinis Rückkehr, am 30./31. März 1979, abgehalten wurde, Anm. d. Red.)

"Nein" bedeutete, man wäre für den Erhalt des schon gestürzten Regimes, also der Monarchie. Und dagegen waren 90 Prozent der Iraner. Und was hieß "Ja"? Niemand wusste, was eine "Islamische Republik" überhaupt sein soll. Auch diejenigen, die das vorschlugen - Khomeini und seine Gefolgschaft - hatten überhaupt nicht erläutert, was sie unter diesem Begriff verstehen. Die Leute dachten: "Ja, Republik ist ganz gut, das wollen wir. Und Islam? Ja gut, wir sind ja ein islamisches Land." Dass das Ziel eine totale Islamisierung des Landes war, das sagte damals niemand.

Iran-Experte Bahman Nirumand;Foto: picture-alliance/dpa-Zentralbild
Bahman Nirumand ist iranisch-stämmiger Publizist, politischer Analyst und Autor mehrerer Bücher, darunter auch einer politischen Biographie Ayatollah Khomeinis. Nirumand war zur Zeit der Islamischen Revolution selbst in Teheran.

Wann haben Sie selbst realisiert, dass die Revolution kippt?

Nirumand: Das war beim ersten Angriff gegen die Presse, und zwar gegen die Zeitung "Ayandegan". Das war damals eine sehr renommierte Zeitung, für die vor allem liberale, linke und fortschrittliche Journalisten schrieben. Es war die Zeitung mit der größten Auflage im Land. Sie hatte angefangen, demokratische Forderungen zu stellen, um zu verhindern, dass der Iran sich zu einem komplett islamischen Land entwickelt. Khomeini wagte noch nicht, die Zeitung zu verbieten - er sagte (am 10. Mai 1979, Anm. d. Red.) nur, er würde sie gar nicht mehr lesen.

Als Reaktion darauf erschien die Zeitung am nächsten Tag mit völlig leeren Seiten - und hatte ihre größte Auflage. Dennoch wurde die Redaktion gestürmt. (Offiziell geschlossen wurde die Redaktion Anfang August 1979, Anm. d. Red.) Und dann die Angriffe auf die Buchhandlungen, auf die Verlage. Es ging nun gegen die Intellektuellen, gegen die kulturellen Einrichtungen, die sich eine freie Gesellschaftsordnung vorstellten und nicht eine enge wie die islamische.

Danach setzte Khomeini seinen Machtanspruch rigoros durch. Warum hatten die anderen Oppositionsgruppen ihm so wenig entgegenzusetzen?

Nirumand: Diese Entwicklung entlarvte sich immer mehr und hatte schon im ersten Jahr das Volk gespalten. Es war noch nicht klar, welche Seite sich durchsetzen würde: Die Linken, Liberalen und Demokraten waren auch sehr stark. Die Entscheidung kam mit dem Iran-Irak-Krieg (1980-1988), als Saddam Hussein - ermuntert durch den Westen - den Iran angriff. Das war, wie Khomeini gesagt hat, "ein Geschenk des Himmels": weil dadurch jede Opposition mit dem Hinweis auf den äußeren Feind liquidiert werden konnte, weil Hunderttausende an die Front geschickt werden konnten, und weil auch die Arbeitslosigkeit, die damals schon ein großes Problem war, damit zum größten Teil beseitigt wurde. Vor allem aber konnten die Islamisten ihre Ideologie des Märtyrertums, des Sterbens für das Vaterland, durchsetzen. Der Krieg lieferte die Entscheidung darüber, wohin der Iran sich entwickeln würde.

Märtyrer-Friedhof in Iran; Foto: Hartmut Niemann
Ein Mann betet am Grab für die Opfer des Iran-Irak-Krieges (1980-1988). Sie werden in der Islamischen Republik als "Märtyrer“ verehrt.

Glauben Sie, dass die Revolution Khomeini veränderte, dass er seine Ziele nach und nach anpasste? Oder hatte er von vornherein eine Islamische Republik in der Form im Sinn, wie wir sie heute sehen?

Nirumand: Ich glaube, Khomeini hat selbst anfangs nicht geglaubt, dass er diese Macht bekommen würde. Das merkt man auch bei seinen Reden in Paris. Als er seine erste Rede im Iran hielt, hörte sich das schon ganz anders an. Ihm schwebte erstens eine islamische Gemeinde vor, die sich über die ganze islamische Welt ausstreckt. Zweitens wollte er die gesamte Kultur im Iran und auch das Leben islamisieren.

Eigentlich war die Islamische Revolution auch eine Kulturrevolution: Der Schah hatte versucht, den Iran zu verwestlichen. Das bedeutete aber nicht Freiheit und Demokratie, sondern Konsumwahn und Oberflächlichkeit. Dass der Iran seine eigene Kultur dafür aufgab, war nicht nur für die Islamisten schlimm - dagegen waren alle.

Deswegen hat Khomeini da einen sehr wichtigen Nährboden für kulturelle Veränderungen gefunden. Die Menschen waren bereit dafür. Khomeinis Kulturkampf richtete sich zunächst gegen die Verwestlichung des Landes, aber dann setzte er sich fort zwischen den säkularen Kräften und den Islamisten. Und dieser Kampf dauert bis zum heutigen Tag an.

Wie stark wirkt Khomeini heute noch in der iranischen Gesellschaft nach?

Nirumand: Er spielt immer noch eine sehr große Rolle. Er war immerhin der Führer einer Revolution, die von den Massen unglaublich stark getragen wurde. Anfangs standen 90 Prozent der Iraner hinter Khomeini - auch die Linke, weil man gesehen hat, dass man ohne diese islamische Kraft den Schah nicht stürzen kann. Khomeini wird dieser Sturz der Monarchie als Verdienst angerechnet. Deswegen ist er noch immer angesehen. Aber über seine Ideen wird selbst im islamischen Lager heute offener diskutiert. Nicht direkt als Kritik, das wagt man nicht, aber viele, die ihre Ansichten heute äußern, unterscheiden sich sehr von Khomeini, auch im islamischen Lager, etwa bei der gesamten Reformbewegung.

Interview: Thomas Latschan

© Deutsche Welle 2014

Bahman Nirumand ist iranisch-stämmiger Publizist, politischer Analyst und Autor mehrerer Bücher, darunter auch einer politischen Biographie Ayatollah Khomeinis. Er lebt in Berlin.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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