Interview mit Corry Guttstadt

Die Türkei, die Juden und der Holocaust

Die Turkologin Corry Guttstadt hat eine Studie über den Umgang der türkischen Regierung mit ihren jüdischen Mitbürgern während des Holocaust vorgelegt. Damit greift sie ein Thema auf, das bislang von der internationalen Holocaust-Forschung kaum behandelt wurde. Sonja Galler hat sich mit ihr unterhalten.

Corry Guttstadt; Foto: privat
Guttstadt: "Das Osmanische Reich war lange Immigrationsziel für Juden, die vor der Reconquista in Spanien und Pogromen in Osteuropa flohen. Eine Verklärung als 'multikulturelles Paradies' ist allerdings absurd."

​​ Heute leben rund 20.000 Juden in der Türkei, was gerne auf die tolerante Haltung gegenüber der jüdischen Minderheit zurückgeführt wird. Den Auftakt dieser Erfolgsgeschichte macht in vielen Darstellungen die Aufnahme verfolgter sephardischer Juden im Osmanischen Reich, in dessen Fußstapfen später die Türkei trat…

Corry Guttstadt: Nun, auch im Iran leben heute etwas mehr als 20.000 Juden. Eine Zahl allein taugt nur bedingt als Indikator einer gesicherten, antisemitismusfreien Situation. Für die Türkei muss unterstrichen werden, dass dort heute nur noch 20.000 Juden leben – im Vergleich zu den geschätzten 120.000 bis 150.000, die nach Ende des 1. Weltkriegs in diesem Gebiet lebten. Sowohl vor als auch nach dem 2. Weltkrieg, vor allem nach der Gründung Israels 1948, verließ die überwiegende Mehrheit der Juden die Türkei. Dies war in den Jahrhunderten zuvor anders.

Das Osmanische Reich war über Jahrhunderte ein Immigrationsziel für Juden, die etwa vor der Reconquista in Spanien als auch vor Pogromen in Osteuropa auf osmanisches Gebiet flohen. Eine Verklärung als "multikulturelles Paradies" ist allerdings absurd und ahistorisch.

Juden unterlagen als Nichtmuslime zahlreichen Beschränkungen. Sie mussten, wie auch Christen, eine Kopfsteuer zahlen und sich den Muslimen gegenüber demütig zeigen. Zum anderen gab es in der Situation der Juden in der 600-jährigen osmanischen Geschichte zahlreiche Schwankungen.

Die Zeit der Judenverfolgung auf der iberischen Halbinsel fiel in die Expansionsphase des Reiches, dessen Herrscher ein Interesse daran hatten, die urbane Bevölkerung zu vergrößern, und die Sepharden auch deshalb gern aufnahmen, weil sie wichtige berufliche Kenntnisse mitbrachten. Juden, die bereits vor der osmanischen Eroberung in Anatolien und auf dem Balkan gesiedelt hatten, wurden hingegen – ebenfalls aus bevölkerungspolitischem Interesse – zwangsumgesiedelt und unterlagen erheblichen Beschränkungen.

Wie erging es den Juden zur Zeit der türkischen Staatsgründung?

​​Guttstadt: Die Gründung der Republik Türkei 1923 bildete den Schlusspunkt unter den langen Zerfallsprozess des Osmanischen Reiches, das in einer ganzen Reihe von Kriegen gegen die christlich-europäischen Großmächte den Großteil seines Territoriums verloren hatte. Die Situation der Juden zu dieser Zeit war widersprüchlich, denn im Gegensatz zu den christlichen Balkanvölkern verfolgten sie keine separatistischen Ziele. Sie wurden schon von den osmanischen Herrschern gegenüber europäischen Protesten bezüglich der Armeniermassaker gern als "Vorzeigeminderheit" benutzt.

Juden ihrerseits waren zur gleichen Zeit häufig antisemitischen Angriffen der christlichen Minderheiten ausgesetzt und daher auf den Schutz des Staates angewiesen. So betrachteten die Juden sich zunächst mehrheitlich als Verbündete der kemalistischen Bewegung und hatten überwiegend positive Erwartungen an die neue Republik.

Diese Hoffnungen wurden schnell enttäuscht, da sich der rigide Nationalismus der jungen Republik, trotz Anpassungsversuchen und Treubekundungen von jüdischer Seite, schnell auch gegen Juden richtete. Maßgeblich für die Politik der frühen Republik war das Projekt der "Türkisierung" von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

So betrachtete die kemalistische Führung die Rechte, die den nichtmuslimischen Minderheiten im Vertrag von Lausanne zugesichert worden waren, als Fortsetzung der Einmischung der imperialistischen Großmächte. Sie setzte nichtmuslimische Religionsgemeinschaften unter Druck, "freiwillig" auf diese Rechte zu verzichten. Auch Juden wurden sukzessive aus zahlreichen Berufen und Wirtschaftszweigen verdrängt. Dies alles veranlasste viele Juden zur Emigration, vor allem nach Frankreich, aber auch die in die USA, nach Italien oder Deutschland.

Wie verhielt sich der türkische Staat, dem bis kurz vor Ende des 2. Weltkrieges gelang, seine "Neutralität" zu bewahren, ab Kriegsbeginn gegenüber Juden im eigenen Land?

Guttstadt: Ich denke, wir müssen hier zwischen Antisemitismus und dem minderheitenfeindlichen Nationalismus, der sich neben anderen Gruppen auch gegen Juden richtete, unterscheiden: Zum einen gelangten während der 30er Jahre antisemitische Schriften wie die "Protokolle der Weisen von Zion" in die Türkei und wurden übersetzt.

Cevat Rıfat Atilhan, den man als Ziehvater des islamistischen Antisemitismus in der Türkei bezeichnen kann, gab nach einem Besuch in Deutschland in Istanbul die antisemitische Zeitung Millî İnkîlâp (Nationale Revolution) heraus, die Hetzkarikaturen aus dem Stürmer direkt übernahm. Diese Zeitschrift und andere Schriften wurden zwar für eine gewisse Zeit verboten, dennoch markiert dies den Einzug des modernen Antisemitismus in die Türkei.

Die "Protokolle" wie auch "Mein Kampf" erlebten bis heute zig Neuauflagen. Zu den nationalistischen Maßnahmen, die neben Juden auch Kurden, Armenier und Griechen trafen, gehörten Zwangsumsiedlungen oder die so genannte Vermögenssteuer. Letztere war verbunden mit der Beschlagnahme des Besitzes derjenigen, die nicht in der Lage waren, die willkürlichen und häufig astronomischen Summen aufzubringen, sowie die Verschleppung zur Zwangsarbeit in ostanatolische Lager.

Auch wenn sich diese Maßnahmen in keiner Weise mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung vergleichen lassen, erschütterten sie das Vertrauen der Juden in die Republik so grundlegend, dass 1947/48 die Mehrheit der verbliebenen Juden die Türkei verließ.

Und wie erging es den in Europa verstreut lebenden jüdischen Bürgern türkischer Herkunft?

Guttstadt: Zu Kriegsbeginn lebten etwa 25.000 bis 30.000 Juden türkischer Herkunft in Europa, die meisten von ihnen in Frankreich. Nur etwa 10.000 von ihnen hatten noch die türkische Staatsbürgerschaft, die während des Holocaust dann lebensentscheidend wurde.

So gab es viele Menschen, die zwar als "osmanische Staatsbürger" nach Europa gekommen waren, deren Geburtsorte aber in der Folgezeit an andere Staaten gefallen waren. Auch gab es in Frankreich die Möglichkeit, relativ unkompliziert die französische Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die kemalistische Republik begann bereits ab Beginn der 30er Jahre, die Staatsangehörigkeit von im Ausland lebenden Bürgern zu überprüfen und vor allem Nichtmuslimen zu entziehen.

Diese Ausbürgerungspolitik, die sich anfänglich als normale Konsequenz der staatspolitischen Neuordnung bezeichnen ließe, richtete sich während des Holocausts dann ganz überwiegend gegen Juden. Im Oktober 1942 stellte Deutschland der türkischen Regierung ein Ultimatum zur Repatriierung ihrer jüdischen Staatsbürger aus den deutsch besetzten Staaten.

Doch die Regierung in Ankara war vor allem darum besorgt, eine massenweise Rückkehr türkischer Juden zu verhindern und bediente sich der Massenausbürgerung. Als besonders fatal erwies sich, dass nach türkischem Recht Personen, die entweder von sich aus die Staatsangehörigkeit gewechselt hatten oder ausgebürgert worden waren, nie wieder türkischen Boden betreten durften, auch nicht als Tourist oder Flüchtling.

Außerdem hatte die Türkei 1938 einen geheimen Erlass verabschiedet, der "ausländischen Juden, die in ihren Heimatländern Restriktionen unterworfen sind", "unabhängig davon, welcher Religion sie aktuell angehören", die Einreise in die Türkei untersagte. Damit übernahm die Türkei die Kriterien der antijüdischen deutschen Gesetzgebung und den mit Deutschland verbündeten Staaten.

Was wusste die türkische Regierung zum damaligen Zeitpunkt über die Ereignisse im deutschen Machtbereich und über das Schicksal der dort lebenden türkischstämmigen Juden?

Guttstadt: Die Deutschen haben den türkischen Behörden natürlich nicht gesagt, dass die nicht repatriierten Juden deportiert und ermordet würden, sondern haben dies als "Unterwerfung unter die allgemeinen Judenmaßnahmen" verklausuliert. Allerdings war die Türkei ein Ort, an dem es konkrete Informationen über die Massenvernichtung gab, denn zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen hatten Vertreter in Istanbul. Journalisten berichteten von dort aus über die systematische Ermordung von Juden.

Eröffnungsfeier der bei einem Anschlag zerstörten Neve Schalom Synagoge in Istanbul; Foto: AP/Murad Sezer
Guttstadt: "Bei der Türkei hat es sich während der NS-Zeit nicht um ein wichtiges Exilland für verfolgte Juden gehandelt" - heute zählt die jüdische Gemeinde in der Türkei rund 20.000 Mitglieder.

​​ Juden, die aus KZs oder Ghettos entkommen waren und nach Istanbul gelangten, wurden von Hilfskomitees befragt und versorgt. Ihre Berichte wurden aus Istanbul an andere Stellen überall auf der Welt weitergeleitet. Sowohl die Journalisten als auch die jüdischen Aktivisten wurden mit Sicherheit vom türkischen Geheimdienst überwacht. Im März 1943 berichtete die türkische Regierungszeitung Ayın Tarihi über den Massenmord der Deutschen an den Juden. Mehrere der in Europa lebenden türkischen Juden wandten sich mit Hilferufen an die türkische Regierung.

Rund 3000 Juden türkischer Abstammung wurden während der Schoah in deutsche Konzentrationslager deportiert. Inwiefern ist die Türkei für ihr Schicksal verantwortlich zu nennen?

Guttstadt: Verantwortlich für die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung dieser Menschen sind die Deutschen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Versuche in Deutschland, die Geschichte erneut umzuschreiben und dem deutschen "Opfer"-Diskurs, verwahre ich mich gegen jede Relativierung der deutschen Schuld. Die Türkei hätte weit mehr Juden repatriieren können und ihre Grenzen für Flüchtlinge öffnen können. Trotz der Angebote von Hilfsorganisationen, die entstehenden Kosten zu übernehmen, lehnte die türkische Regierung meist ab. Allerdings war die Türkei bei weitem nicht das einzige Land, das sich passiv verhielt.

Auch über innertürkische Diskussionen und Kritik an der offiziellen Politik gegenüber den Juden können wir nur spekulieren, solange die türkischen Archive verschlossen sind. Man muss sich vergegenwärtigen, dass das damalige türkische Regime diktatorisch war, es gab ein Einparteiensystem, die Presse war gleichgeschaltet und unterlag strenger Zensur. Die jüdische Gemeinde war durch die Maßnahmen der 40er Jahre ebenfalls völlig eingeschüchtert und verarmt.

In der offiziellen türkischen Selbstdarstellung dominiert das Bild von der Türkei als rettender Hafen europäischen Judentums.

Guttstadt: Aufgrund der engen Beziehungen zu Deutschland hatte die Türkei eigentlich sehr weitgehende Möglichkeiten, ihre im Ausland lebenden Juden zu retten. Einzelne türkische Diplomaten haben davon zum Teil sehr engagiert Gebrauch gemacht.

In Paris erreichten türkische Konsuln mehrfach die Freilassung bereits inhaftierter türkischer Juden. Auch die damaligen Konsuln in Mailand und in Wien schützten einzelne Juden. Auch wenn diese Akte nicht immer aus humanitären Motiven erfolgten, sondern einige Konsuln daran verdient haben mögen, zeigt es, welch großer Handlungsspielraum vorhanden war. Häufig reichte es, die türkische Staatsangehörigkeit jüdischer Personen zu bestätigen, um sie vor der Deportation zu bewahren.

Auch die Aufnahme deutsch-jüdischer Wissenschaftler an türkischen Universitäten wird gerne als humanitärer Akt erwähnt. Wie bewerten Sie diese Ereignisse?

Guttstadt: In der Tat fand ab Herbst 1933 eine beachtliche Zahl deutsch-jüdischer Wissenschaftler und Künstler Anstellungen in der Türkei, wo sie eine herausragende Rolle beim Neuaufbau von Universitäten, Krankenhäusern, Theatern usw. spielten.

Auch wenn die Aufnahme dieser hochkarätigen Personen nicht aus humanitären, sondern aus Nützlichkeitserwägungen erfolgte, gab die türkische Regierung diesen Menschen Arbeit, gestattete in den meisten Fällen den Nachzug von Familienangehörigen und bewahrte sie vor der Verfolgung des NS-Regimes. Dennoch hat es sich bei Türkei nie um ein wichtiges Exilland für verfolgte Juden gehandelt. Zahlenmäßig tauchen die wenigen Flüchtlinge, denen die Türkei Einlass gewährte, in keiner einschlägigen Statistik auch nur auf.

Interview: Sonja Galler

© Qantara.de 2009

Corry Guttstadt: "Die Türkei, die Juden und der Holocaust", Verlag Assoziation A, Berlin-Hamburg 2008. 520 Seiten, 26 Euro.

Verwandte Themen
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.