Interreligiöses Projekt "Erinnerte Zukunft"

Mit Religion gegen Religionskriege

In Deutschland kann es passieren, dass Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Jemen Tür an Tür mit Landsleuten wohnen, die im Bürgerkrieg auf der anderen Seite standen. Wie können Geflüchtete die Konflikte ihrer Heimat hinter sich lassen? Susanne Kaiser stellt das Projekt "Erinnerte Zukunft" vor.

Er hatte Verletzte versorgt, als Bomben auf Aleppo fielen. Deshalb kam ein junger Arzt in Syrien ins Gefängnis, weil unter den Verwundeten auch Gegner des Assad-Regimes waren. In Syrien gilt das als Hochverrat. Fünf Monate lang wurde er dort verhört und gefoltert, fünf Monate lang wusste seine Familie nicht, was mit ihm passierte. Nach seiner Freilassung gab er alles auf und floh über die Türkei nach Deutschland.

Hier traf er auf Menschen, die wie er die Schrecken des Krieges gesehen hatten. Zum Beispiel ein Ingenieur aus dem Irak, dessen jüngerer Bruder in Mossul vom IS erschossen wurde. Damals, im Irak, war der junge Mann streng religiös, viele der Konflikte sah er nur durch die konfessionelle Brille. Heute sieht er den religiösen Fanatismus als größtes Problem in seiner Heimat.

Doch wie können die beiden ihre Erlebnisse hinter sich lassen, wie den Zwist ihrer Herkunftsregion überwinden? Diese Fragen stellen sie sich gemeinsam in einem Projekt der Katholischen Akademie, das Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zusammenführt, die sich in den Religionskriegen ihrer Heimatländer als Feinde gegenüber standen.

Geteilte Erinnerungen

"Erinnerte Zukunft" nennt die Katholische Akademie ihr Projekt. Dahinter steht der Gedanke, dass Religion nicht allein als Teil des Problems begriffen werden darf, sondern ebenso Teil einer Lösung sein kann. Deshalb soll an das gemeinsame Erbe von Christentum und Islam, von Schiiten und Sunniten erinnert werden und an die langen Zeiten in der Geschichte, in denen ein friedliches Neben- und Miteinander von unterschiedlichen Religionsgemeinschaften gelebt wurde.

Der italienische Jesuit Paolo dall Oglio in Mar Musa; Foto: Arian Fariborz
Pilgerort für Christen und Muslime aus der ganzen Welt: Als der italienische Jesuit Paolo dall Oglio 1982 auf die Ruinen aus dem 6. Jahrhundert stieß, war er fasziniert von dem Ort und gründete 1991 eine eigene Ordensgemeinschaft. Fast 30.000 Menschen pilgerten zwischenzeitlich jedes Jahr nach Mar Musa. 2013 wurde Paolo dall Oglio in der nordsyrischen Stadt Raqqa entführt. Seitdem fehlt jedes Lebenszeichen von ihm.

So blickt der Nahe Osten auf eine reiche Tradition an interreligiösen Beziehungen zurück. Beispielsweise pflegten die muslimischen Abbasidenkalifen zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert eine ausgeprägte Kultur der theologischen Debatte zwischen Muslimen und Christen, die in ihrem Reich zu Hause waren. Dabei spielte auch die griechische Philosophie eine Rolle für die islamische Theologie.

Aber es gibt auch weitaus jüngere Beispiele für die friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. In Syrien etwa konnten noch vor wenigen Jahren Christen und Muslime problemlos nebeneinander wohnen. Sogar an neuen Formen einer gemeinsamen Glaubenspraxis wurde gearbeitet.

Im syrisch-katholischen Kloster Mar Musa etwa widmete sich der Jesuitenpater Paolo Dall'Oglio dem Dialog mit dem Islam und entwickelte ganz neue Ansätze der Verbindung von christlicher und muslimischer Tradition. Leiten ließ er sich von "der Liebe zu den Muslimen und dem Islam". Auch zwischen Sunniten und Schiiten kam es vor dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien noch nicht in dem Maße zu konfessionellen Konfrontationen wie heute.

Diese Verflechtungsgeschichte greift das Projekt "Erinnerte Zukunft" auf. Die Hoffnung ist, dass durch das gemeinsame Erbe das Potential zur Versöhnung von Religion in den Vordergrund tritt und so der Schritt gemacht werden kann, von dem, was trennt, hin zu dem, was eint. Die Erinnerung an das friedliche Zusammenleben, wie es einst war, soll die Zukunft im Nahen Osten mitbestimmen.

Dialog statt Konfrontation

Diese Zukunft beginnt auch hier, in Deutschland, mit den Menschen, die irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren werden. Doch noch leben sie bei uns und deshalb muss schon in Deutschland nach Wegen für ein friedliches Miteinander gesucht werden. Das betrifft nicht allein die konfessionellen Konflikte von Flüchtlingen untereinander, sondern das gilt genauso für das Zusammenleben zwischen Geflüchteten und jenen, die schon länger in der Bundesrepublik zu Hause sind. Die tiefen Gräben zwischen Religionsgemeinschaften und Konfessionen, die die Konflikte in der Region hinterlassen haben, müssen so schnell wie möglich überwunden werden, wenn man verhindern will, dass sie hierzulande weiter ausgetragen werden, so der Standpunkt von Vertretern der der Katholischen Akademie.

Südafrikas Erzbischof Desmond Tutu; Foto: dpa/picture-alliance
Dialogarbeit in schweren Zeiten: In Südafrika arbeitete eine Versöhnungskommission unter Erzbischof Desmond Tutu die Verbrechen des Apartheidsystems auf. Damals wurde nicht allein die Gewalt von Weißen, in der Regel von Polizei oder Militär, an Schwarzen thematisiert, sondern ebenso die von Schwarzen an Weißen.

Dafür wird auf etablierte Methoden des interreligiösen Dialogs zurückgegriffen – eine Form der Auseinandersetzung also, die auch schon bei anderen schweren Krisen in anderen Teilen der Welt zur Aussöhnung beigetragen hat. In Südafrika etwa arbeitete eine Versöhnungskommission unter Erzbischof Desmond Tutu die Verbrechen des Apartheidsystems auf. Damals wurde nicht allein die Gewalt von Weißen, in der Regel von Polizei oder Militär, an Schwarzen thematisiert, sondern ebenso die von Schwarzen an Weißen. Die Idee war, Opfer und Täter davon zu überzeugen, in einen Dialog zu treten und so den Grundstein für die Versöhnung der verfeindeten Bevölkerungsgruppen zu legen. Im Vordergrund stand dabei nicht die Konfrontation, sondern die Wahrnehmung der jeweils Anderen, erfahrbar zu machen.

Staunen und Streiten über religiöse Vielfalt

Auch Deutschland war nicht immer der Ort der Vielfalt und des friedlichen Miteinanders, als welcher er Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten heute erscheinen mag. Die Geschichte der Teilung ist noch immer sehr präsent. Die Kriegserlebnisse von Geflüchteten lassen sich so auch hierzulande in einen größeren Kontext einbetten. Parallelen zwischen Städten wie Berlin und solchen des Nahen Ostens wie Aleppo oder Mossul sind vielleicht nicht auf den ersten Blick zu erkennen, aber vor dem Hintergrund der Geschichte der deutschen Teilung doch ersichtlich.

Eines der Themen, mit denen sich die Teilnehmenden in der Projektarbeit auseinandersetzen, ist daher die Berliner Mauer. An ihr lässt sich eine ähnliche Geschichte von Flucht, von zerteilten Stadtvierteln und getrennten Familien aufzeigen. Die DDR war ein Überwachungsstaat wie Syrien oder der Irak. Und doch konnte dieses Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte, konnte die Mauer überwunden werden. Am Ende stand die Wiedervereinigung.

Die Berliner Mauer am Brandenburger Tor im Jahr 1987; Foto: picture alliance / dpa
Schatten der Vergangenheit und vitale Erinnerungskultur: Am Beispiel der Berliner Mauer lässt sich die Geschichte von Flucht, von zerteilten Stadtvierteln und getrennten Familien aufzeigen. Die DDR war ein Überwachungsstaat wie Syrien oder der Irak. Und doch konnte dieses Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte, konnte die Mauer überwunden werden. Am Ende stand die Wiedervereinigung.

Ein positives Beispiel ist Berlin: Die deutsche Hauptstadt erzählt eine Geschichte von religiöser Vielfalt und ethnischer Pluralität. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesinnungen leben hier auf engstem Raum zusammen. Meistens funktioniert das Zusammenleben gut. Hier stehen fast in unmittelbarer Nachbarschaft eine sunnitische Moschee, eine bulgarisch-orthodoxe Kirche auf dem Gelände eines ehemaligen evangelischen Friedhofs, eine Moschee der Ahmadiyya-Bewegung und in eine lutherische Kirche der Dänen sowie eine russisch-orthodoxe Gemeinde.

Und auch in den Museen der Stadt kann man die gemeinsame Geschichte von Christen und Muslimen gleich auf dreierlei Weise aufspüren: die materiellen Kulturschätze, die lebendiges Zeugnis der engen Nachbarschaft zwischen den Religionen sind, führen Geflüchtete, die aus dem Nahen Osten stammen und seit Kurzem ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland gefunden haben.

Außerdem werden hier die Beziehungen zwischen Europa und dem Nahen Osten auch auf einer übergeordneten Ebene deutlich, denn bei den historischen Kulturgütern, die in westlichen Museen ausgestellt werden, handelt es sich um Objekte, bei denen sich die Frage nach den rechtmäßigen Eigentümern stellt: Gehören sie dem deutschen Museum oder den Bevölkerungen, aus deren Kulturkreis die Kunstschätze einst geholt wurden? Auch dieses Staunen und Streiten über religiöse Vielfalt, die aktuelle und die vergangene, ist Teil des Projekts.

Wenn die Kriege im Nahen- und Mittleren Osten zu Ende sind und die Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehren können, sollen sie den Gedanken der Versöhnung mitnehmen und weiterverbreiten, so die Hoffnung der Initiatoren. Das Projekt "Erinnerte Zukunft" will fernab der großen Geopolitik etwas auf kleinster Ebene des alltäglichen Miteinanders zu bewegen. Jeder noch so kleine Erfolg könnte dabei eine große Wirkung für die Zukunft haben – hier und im Nahen Osten.

Susanne Kaiser

© Qantara.de 2017

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