Interreligiöse Partnerschaften in Deutschland

Kulturelle Vielfalt als Bereicherung

Interreligiöse Partnerschaften sind heute in Deutschland keine Seltenheit mehr. Doch wie erleben diese Paare das alltägliche Zusammenleben und wie gehen sie mit der Kultur, den Traditionen und Wertevorstellungen des Partners um? Einblicke von Julie Schwannecke

Kyra ist Deutsche, in der Bonner Gegend geboren und aufgewachsen, Omid hat seine Kindheit in Kabul verbracht und kam mit elf Jahren zusammen mit seinen Eltern und seinen fünf Brüdern aus Afghanistan nach Deutschland. Kyra und Omid lernten sich während ihrer Ausbildung im Krankenpflegedienst vor sechs Jahren kennen. Seit zweieinhalb Jahren sind die Medizinstudenten ein Paar.

Von Konflikten aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Religion können beide kaum berichten. Dass Omid zum Beispiel als Muslim kein Schweinefleisch isst, findet Kyra unproblematisch. "Es ist eigentlich nichts, was mich einschränken würde. Es ist etwas, das man beim anderen einfach nur registriert", so Kyra. Und Omid fügt hinzu: "Man versucht die Mitte zu finden, und eigentlich sind die Unterschiede gar kein Hindernis, weil man gut damit zurecht kommt."

Dass einige Gewohnheiten zu Beginn etwas befremdlich sind, bestreiten beide nicht. Kyra kann sich zum Beispiel noch gut daran erinnern, als Omids Mutter einmal nach einem Brauch älterer Frauen in Afghanistan vor die Tür ging und einen Topf mit Weihrauch schwenkte, durch den beide hindurch gehen sollten.

"Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, was los ist und was ich tun sollte", beschreibt sie ihre erste Reaktion. "Aber dann hat man mir erklärt, dass das eine Art Segen ist, den die Familie den Reisenden mitgibt, und der sie auf ihrem Weg beschützen soll. Das ist so ähnlich wie wenn man jemandem eine gute Reise wünscht, nur noch stärker."

Jeder nach seiner Façon

Muslime beim Gebet; Foto: dpa/picture-alliance
Gelebter Glaube: Kyra schätzt es, dass Omids Eltern ihre Religion an ihre Kinder weitergeben, weil sie dadurch erfährt, wie Religion täglich praktiziert wird.

"Ein anderes Mal erzählte mir Omid, dass er vor dem Essen immer betet. Und eigentlich betet er mit seiner Familie auch immer nochmal nach dem Essen."

Kyra bedauert, dass die Religion in ihrem eigenen Leben einen so untergeordneten Stellenwert einnimmt. Sie erzählt, dass sie selbst in einer interreligiösen Familie groß geworden ist, da ihr Großvater Jude war und ihre Großmutter Protestantin.

Sie selbst erhielt die christliche Taufe und hätte sich gewünscht, mehr von dem jüdischen Glauben und der Kultur mitzubekommen. Doch der Großvater hatte damals, wahrscheinlich um seine Familie zu schützen, seinen Glauben nicht an seine Kinder weitergegeben.

Somit hat sie Religion immer als etwas Unterdrücktes erlebt. Sie geht zwar ab und zu in die Kirche, hat aber dennoch das Gefühl, dass Religion und Glaube in ihrem Alltag fehlen.

Umso mehr schätzt sie es, dass Omids Eltern ihre Religion an ihre Kinder in dieser Form weitergeben, weil sie mitbekommt, wie Religion täglich gelebt wird. "So wie sie ihre Religion leben, würde ich sie auch gerne leben", meint sie.

Ob die Familie denn ein Problem mit der Religion oder Kultur des Partners ihres Kindes habe? Ganz im Gegenteil, meint Omid, der findet, das Kyra sehr gut in seiner Familie aufgenommen wurde. Das liege seiner Meinung nach aber auch an ihr selbst, an ihrer offenen Art und an ihrem Interesse, das sie seiner Familie und der afghanischen Kultur entgegenbringe.

Beratung im Konfliktfall

Nicht immer schaffen es Paare mit interreligiösem Hintergrund, ihre Probleme alleine zu lösen und Antworten auf drängende Fragen zu finden. Hidir Çelik ist Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit in Bonn und bietet neben seiner Beschäftigung mit den Themenfeldern Integration und Migration auch Beratungsgespräche für interreligiöse Paare an.

Çelik betont, dass gerade die Familien einen besonders starken Einfluss auf die Beziehung hätten. Wenn einer der Partner in der Familie des anderen nicht akzeptiert wird, führe dies meist zu Konflikten innerhalb der Beziehung. Dies belaste auch die Kinder des Paares, da die Ablehnung oftmals auf sie übertragen werde. Auch wenn das Paar sich entscheide, den Kontakt zu den Eltern ganz abzubrechen, stelle dies oftmals eine Belastung dar, die nur wenige Beziehungen verkraften und an der sie letztendlich scheitern könnten.

Die Bereitschaft zum gegenseitigen Austausch, seine Bedenken frei äußern zu können, Fragen zu stellen und auch Antworten zu bekommen, sind daher für Çelik wichtig, um Missverständnisse in den Familien aufzuklären. Dies bilde auch die Grundlage für jedes Beratungsgespräch und letztendlich auch für das Funktionieren interreligiöser Partnerschaften.

Insbesondere bei der Kindererziehung seien sich viele Paare uneinig, wenn es darum geht, welche Namen die Kinder erhalten oder welche Sprache sie zuerst erlernen sollten. Manchmal streite man auch über banale Dinge, denn jeder sei ja von seiner eigenen Erziehung und Kultur überzeugt und wolle die Werte seiner Kultur an seine Kinder weitergeben, so Çelik.

Keine Aufgabe der eigenen Identität

"In den Gesprächen versuchen wir dann den Eltern zu vermitteln, dass ihr Kind die Grundlagen beider Religionen lernen sollen, damit es von beiden profitieren und im Erwachsenenalter selbst entscheiden kann, welcher Religion es sich zugehörig fühlt. Auch wenn die Eltern keine Einigung erzielen und es sogar zur Trennung kommt, ermutigen wir sie, das Kind dennoch gemeinsam zu erziehen und beide Religionen gleich zu respektieren. Es sei denn beide Seiten verzichten auf eine religiöse Erziehung", ergänzt er.

Entscheidend sei letztendlich weniger die Kultur oder die Religion, sondern ob man sich mit dem Partner versteht, so Çelik. "Die Offenheit zur anderen Kultur und zur anderen Person ist dabei wichtig und hilfreich. Das bedeutet aber nicht, dass man seine eigene Identität aufgibt. Man muss ja nicht immer einer Meinung sein – wichtig ist nur, dass man die Haltung des anderen respektiert, ohne ihn ändern zu wollen. Nur dadurch kommt die Kommunikation doch erst wirklich zustande", präzisiert der Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit.

Julie Schwannecke

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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