Friedensmarsch mit Religionsführern in München 2011; Foto: © Sant Egidio
Internationales Friedenstreffen der Religionen in München

Alte Wunden, neue Fragen

Unter dem Motto "Bound to live together" hat in München ein internationales Friedenstreffen zu Dialog und Verständigung aufgerufen. Doch der Konflikt im Nahen Osten, der arabische Frühling und die Rolle des Islam in Europa stellen Juden, Christen und Muslime vor neue Herausforderungen. Von Claudia Mende

Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September in New York trafen sich in München rund 300 Religionsgelehrte und Politiker aus der ganzen Welt. Nach einem Jahrzehnt von Terror und Gegengewalt suchten die Delegierten nach neuen Wegen der Verständigung und des Dialogs. Vertreter aller christlichen Konfessionen, islamische Theologen, Rabbiner, buddhistische Mönche und Abgesandte des Hinduismus redeten, beteten und stritten miteinander.

Dazu kamen prominente Politiker wie der muslimische Oppositionsführer aus Malaysia, Anwar Ibrahim, oder Fatih Mohammad Baja vom neuen Übergangsrat in Libyen.

Anwar Ibrahim; Foto: © Sant Egidio
Plädoyer für Frieden und Dialog: Zu den prominenten Teilnehmern am diesjährigen internationalen Friedenstreffen der Religionen zählte auch der malaysische Politiker Anwar Ibrahim.

​​"Es gibt keine Alternative zum Dialog", heißt es im abschließenden Friedensappell des Religionstreffens. "Die Versuchung ist groß, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Die Krise der Weltwirtschaft vergrößert diese Versuchung noch."

Eingeladen hatte die 1968 in Italien gegründete katholische Bewegung Sant Egidio. Die Gemeinschaft mit ihrem Gründer, dem Historiker Andrea Riccardi, versucht, in Konflikten zu vermitteln und einen Beitrag zur Bekämpfung von Armut zu leisten.

Ihr größter Erfolg war die Aushandlung eines Friedensvertrages 1992 für Mozambik. Anderes mißlang, zum Beispiel im algerischen Bürgerkrieg. Träumer sind sie also nicht bei Sant Egidio, eher hartnäckige Arbeiter, die nicht gleich aufgeben, wenn es kompliziert wird. Einmal im Jahr bringen sie religiöse Führer aus allen Weltreligionen zu einer Art Gipfeltreffen der Religionen zusammen.

Kardinal Marx, Sant Egidio-Gründer Riccardi und Präsident Wulff bei der Gedenkfeier zu 9/11 während des internationalen Friedenstreffens; Foto: © Erzbistum München
Begonnen hatte das Friedenstreffen am 11.9. mit einer Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September: Kardinal Marx, Sant Egidio-Gründer Riccardi und Bundespräsident Wulff während der Gedenkfeier.

​​"Das nächste Jahrzehnt darf nicht vergeudet werden", mahnte Riccardi bei der Eröffnung der Friedenstreffens, "eine Wende ist nötig". Doch das ist mühsam, denn die Gräben sind tief.

Juden sorgen sich um die Zukunft Israels, die Muslime halten Israel für das Haupthindernis für einen Frieden in Nahost. Die arabischen Christen fordern umfassende Religionsfreiheit, europäische Muslime wollen, dass der Islam endlich als integraler Bestandteil Europas anerkannt wird. Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Perspektive, die nicht immer mir der Perspektive der anderen kompatibel ist.

Eines der Hauptthemen des Friedenstreffens war die Situation der orientalischen Christen im arabischen Frühling. Dabei fielen viele Allgemeinplätze und diplomatische Floskeln. Christen und Muslime versicherten sich immer wieder ihrer gegenseitige Wertschätzung.

Sorge vor radikalen Strömungen

Trotzdem wurde schnell deutlich, wie groß das gegenseitige Mißtrauen ist. Ägyptische Kopten äußerten ihre Sorge vor fanatischen und extremen muslimischen Strömungen wie den Salafisten. "Uns beunruhigt vieles im Moment", sagte Antonios Naguib, Koptisch-katholischer Patriarch von Alexandria, "der Mangel an Sicherheit, die wachsende Armut und die Zunahme religiöser Konflikte". Vor allem das Auftreten der Salafisten im postrevolutionären Ägypten schürt unter den Kopten große Ängste.

Mahmoud Azab, Dialogbeauftragter an der Al-Azhar Universität in Kairo, betonte, "Salafisten haben nichts mit dem authentischen Islam der Azhar zu tun. Die Extremisten sind auch unser erster Gegner. Man muss aber bedenken, dass sich Ägypten in einer Phase des Aufruhrs befindet."

Der Theologe Hassan Shafie von der Azhar brachte die "Azhar Declaration" ins Spiel, ein Papier vom Juli 2011, in dem die traditionsreiche Universität einen modernen Verfassungsstaat für Ägypten fordert und sich damit von Muslimbrüdern und Salafisten absetzt. "Die Scharia soll nicht die einzige Quelle des Rechts in Ägypten werden, wir brauchen die Erfahrungen anderer Rechtssysteme," betonte Shafie.

Muslime beim internationalen Friedenstreffen; Foto: © Erzbistum München
Interreligiöser Dialog im Mittelpunkt: "Vor allem der Dialog mit dem Islam wird an Bedeutung gewinnen. Zum Dialog gibt es keine Alternative", erklärte der Münchener Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx.

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Der koptische Journalist Mina Fouad kritisierte auch die eigene Religionsgemeinschaft: "Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr isoliert. Wir müssen uns für die ägyptische Gesellschaft öffnen, denn nur das Unbekannte ruft bei anderen Angst hervor," sagte er.

Ob es den Muslimen gelungen ist, den Christen ihre Ängste zu nehmen, darf bezweifelt werden, aber der Wert solcher Gespräche ist immens. In einem waren sich die Vertreter von Muslimen und Kopten, Politiker und Journalisten aus Ägypten einig: Die ägyptische Revolution hat gerade erst begonnen. Politische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen kann erst eine demokratisch gewählten Regierung in Angriff nehmen.

Furcht vor einem Ende der pluralistischen Identität

Angst vor dem radikalen Islam haben auch die syrischen Bischöfe. Sie äußerten sich nur zurückhaltend zur aktuellen politischen Lage in ihrer Heimat. Jean-Clément Jeanbart, Erzbischof von Aleppo der Melkitischen Griechisch-katholischen Kirche, sprach von seiner Sorge vor einem Ende des syrischen Toleranzmodells.

Die Christen hätten nach einem Sturz Assads "Angst vor einem fundamentalistischen Regime, das die einzigartige pluralistische Identität in Syrien zerstört", sagte er. Deshalb setzten sie immer noch auf eine Reform des Regimes. "Das Assad-Regime muss sich wandeln hin zu mehr Mitsprache, aber dieser Wandel muss das Zusammenleben der Religionen erhalten."

Abseits der Öffentlichkeit versuchten sunnitische Muslime vergeblich, die Kirchenvertreter davon zu überzeugen, sich dem Widerstand gegen Präsident Assad anzunähern. Bis jetzt haben sich Syriens Kirchenleitungen zumindest öffentlich immer hinter das Regime gestellt, weil sie der Opposition nicht trauen. "Wir glauben der Opposition nicht, wenn sie behauptet, nach einem Sturz Assads die Scharia nicht einzuführen," sagte einer, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Islamophobie und die rechtspopulistischen Bewegungen in Europa waren nicht explizites Thema des Friedenstreffens. Aber draußen standen Vertreter der neu gegründeten Partei "Die Freiheit" unter Polizeischutz mit ihren Spruchbändern und erinnerten an ihre islamfeindlichen Parolen. Wie man diesen immer aggressiver auftretenden Bewegungen wirksam begegnen kann, darauf haben weder Europas Kirchen noch die Vertreter des Islam derzeit eine Antwort.

Mit den vielen muslimischen Gesprächspartnern, nicht nur aus der arabischen Welt, sondern auch aus Malaysia und Indonesien habe man aber zeigen können, dass der Islam "viele Facetten" hat, sagt Susanne Bühl von der deutschen Gemeinschaft Sant Egidio. Das trage zu einem besseren Verständnis des Islam bei. "Viele wichtige Gespräche fanden auch hinter den Kulissen statt."

Das nächste internationale Friedenstreffen ist übrigens für 2012 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo geplant.

Claudia Mende

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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