Interkulturelle Stadt Neukölln
Imagewandel durch Vielfalt

Lange galt Neukölln als Paradebeispiel für urbane Problembezirke. Bei Studenten und Künstlern ist der Berliner Stadtteil jedoch zunehmend im Trend. Ein Grund für den Imagewandel sind gezielte politische Maßnahmen. Janna Degener berichtet.

Rütli-Schule in Berlin-Neukölln; Foto: Campus Rütli - CR²
Die Rütli-Schule in Neukölln: Sinnbild für katastrophale Zustände im deutschen Bildungssystem und misslungene Integration.

​​ Der nördliche Teil des Bezirks Neukölln ist ein Stadtteil der Superlative: Über 60 Prozent der Einwohner haben einen "Migrationshintergrund", 73,5 Prozent der Kinder leben in Armut. Nirgends in Deutschland beziehen so viele Bewohner Arbeitslosengeld, staatliche Transferleistungen oder Hartz IV. Die Zahl der aggressiven und kriminellen Intensivtäter hat sich seit 2006 verdreifacht.

Schon vor mehr als zehn Jahren wurde Neukölln in einem Spiegel-Artikel als "Bronx" von Berlin gebrandmarkt. Und spätestens seitdem Lehrer der Neuköllner Rütlischule 2006 in einem Brief an die Senatsverwaltung ihre Ohnmacht angesichts der alltäglichen Gewalt zum Ausdruck brachten, hat sich der Bezirk zum Sinnbild für katastrophale Zustände im deutschen Bildungssystem und die sozialen Folgen von misslungener Integration entwickelt. Gleichzeitig wurden in den letzten Jahren durch Medienberichte aber auch Steine ins Rollen gebracht.

So werden seit 1999 Teile Neuköllns besonders gefördert, etwa durch Umwelt- oder Kulturprojekte, Sicherheitsmaßnahmen, der Einrichtung von Spiel- und Bewegungsflächen oder die Neugestaltung von Hauseingangsbereichen.

Neben Freizeiteinrichtungen und sozialpädagogisch betreuten Schulstationen, dem Festival 48 Stunden Neukölln, aber auch umstrittenen Initiativen wie einem Wachschutz an Schulen oder der kiezorientierten "Task Force" zur Betreuung und Sanktionierung von jugendlichen Straftätern, findet vor allem das "Stadtteilmütter"-Projekt Beachtung: Hier werden arbeitslose Mütter nichtdeutscher Herkunft in Fragen der Erziehung, Bildung und Gesundheit geschult, um dann in ihrer eigenen ethnischen Gemeinschaft für bestimmte Projekte zu werben.

Netzwerk der "Interkulturellen Städte"

Die Vielfalt und Qualität an bildungspolitischen Projekten überzeugte schon vor zwei Jahren eine Gruppe von Delegierten der Europäischen Kommission und des Europarats.

Schülerinnen bei einem Projekt des Bildungszentrums Campus Rütli - CR²; Foto: Campus Rütli - CR²
Schülerinnen bei einem Projekt des Bildungszentrums Campus Rütli: 2008 wurde Neukölln für das europäische Projekt "Intercultural Cities" ausgewählt.

​​ Der Experte des Europarates Phil Wood war derart begeistert, dass er lobte: "Neukölln ist der Blick in die Zukunft vieler Städte in Europa und der ganzen Welt, die von Migration geprägt sein werden. Die Interkulturalität, die hier bereits Normalität ist, wird in einigen Jahren die Realität vieler Städte sein."

So wurde Neukölln 2008 für das europäische Projekt "Intercultural Cities" ausgewählt, um als deutscher Partner in einem Netzwerk von elf Städten mit hohem Migrantenanteil gemeinsame Strategien eines positiven Umgangs mit Interkulturalität zu entwickeln.

Konnte Neukölln von dem Städtenetzwerk profitieren? "Obwohl die Probleme ähnlich erscheinen, stellt sich die Ausgangssituation in den verschiedenen Städten des Netzwerks sehr unterschiedlich dar", berichtet Melanie Kraft, Verantwortliche beim Bezirksamt Neukölln als stellvertretende Europabeauftragte.

Das erweitere zwar den Horizont, aber es sei schwierig, Projekte aus anderen Städten zu adaptieren. Das Ziel der Initiative, eine interkulturelle Strategie zu entwickeln, sei zwar erreicht worden, allerdings fehle es an Mitteln zur Umsetzung von Projekten. Diese nüchterne Bilanz erklärt, warum der Abschluss des Projektes in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit fand.

Alltag am Hermannplatz

Hermannplatz, 600 Meter von der ehemaligen Rütlischule entfernt. Junge Leute sitzen vor einem Bistro und löffeln vietnamesischen Zitronengrascurry mit Erdnusssoße. In der Hasenheide nebenan haben die ersten türkischen Großfamilien ihre Picknickkörbe ausgepackt, die Kinder sind zum naheliegenden Tiergehege gelaufen, wo sie kostenlos auf Ponys reiten können. In der Sonnenallee sitzen ältere Herrschaften vor arabischen Cafés in etwas heruntergekommenen Altbauten und verströmen den süßlichen Duft ihrer Wasserpfeifen.

Junge Leute mit Dreadlocks, vereinzelte gut gekleidete Mittdreißiger und kopftuchtragende Mütter ziehen durch die belebten Einkaufsstraßen. Bunt, eigenwillig und charmant, wie sich das "Ghetto Neukölln" an einem gewöhnlichen Wochentag zeigt, gibt es den Europa-Delegierten recht: Die Statistiken und Negativschlagzeilen allein werden dieser Gegend nicht gerecht.

Die neuen Reize

Kein Wunder also, dass sich immer mehr Studenten und Künstler hier in "Kreuzkölln" niederlassen, wie der Bezirk wegen seiner Nähe zum längst etablierten Kreuzberg genannt wird. Kneipen und Cafés sprießen hier genauso aus dem Boden wie Kulturvereine und Ateliers. Neukölln ist im Trend.

​​ Laut dem Sozialwissenschaftler und Experten für Stadtteilentwicklung Andrej Holm wird dieser Imagewandel auch an Formulierungen in Wohnungsannoncen deutlich: "Noch vor wenigen Jahren wurde es verschleiert, wenn sich eine Wohnung in Neukölln befand. 'In Kreuzbergnähe' hieß es da zum Beispiel. Heute werben die gleichen Wohnungsunternehmen offensiv damit, wenn sich eine Wohnung im nördlichen Neukölln befindet".

Linke Gruppen sehen bereits eine Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung durch ein zahlungskräftigeres Publikum herannahen. Gründe für das plötzliche Interesse der Studenten und Künstler an der Region sieht Holm einerseits in den ansteigenden Mieten der angesagten Berliner Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte und andererseits in einer gezielten politischen Imagearbeit.

Welche Rolle die "Intercultural Citys"-Kampagne dabei gespielt hat, kann keiner einschätzen. Der besondere Charme, den die interkulturelle Vielfalt Neuköllns ausmacht, hat aber bestimmt zum Imagewandel des Problembezirks beigetragen.

Janna Degener

© Goethe-Institut 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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