Initiativen gegen Zwangsheiraten in Kirgistan

Für eine Braut, die keiner klaut

"Ala kachuu" ist kirgisisch und bedeutet etwa "Pack sie und lauf weg". Was nach einem unterhaltsamen Volkssport klingt, meint in Wirklichkeit eine weitverbreitete Praxis. Dabei werden Frauen entführt und zur Heirat gezwungen. Hiergegen wendet sich die Kirgisin Svetlana Dzardanova mit ihrem Projekt "Ala kachuu is no cool!" Von Wolfgang Kuhnle

Alle 30 Minuten wird eine Frau in Kirgistan entführt und zur Eheschließung gezwungen, so berichtete der deutsche Auslandsrundfunksender Deutsche Welle 2017. Dass junge Frauen auf offener Straße, meist von mehreren Männern, in Autos gezerrt und zum Elternhaus ihres zukünftigen Ehemanns gebracht werden – darin sehen viele Kirgisen keine Straftat, sondern vielmehr den Erhalt einer Tradition.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass es den Brauch in dieser Ausprägung vorher nie gegeben hat. Denn erst mit dem Zerfall der Sowjetunion zu Beginn der 1990er Jahre und den damit verbundenen sozialpolitischen Umwälzungen sowie der sich ausbreitenden Armut nahm die Zahl der Brautraube in Kirgistan stark zu.

Zwar kam es auch davor zu Entführungen, jedoch in weit geringerem Ausmaß. In der Zeitschrift "Menschenrechte für die Frau" der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sieht die Autorin Anja Heifel darin einen Ausdruck falsch verstandener Männlichkeit und der untergeordneten Geschlechterrolle der Frau. Ihrer Meinung nach sei der Brauch für junge Männer im heiratsfähigen Alter eine aufregende Abwechslung im Alltagsleben – eine Unterhaltung auf Kosten der jungen Frauen.

"Eine gute Ehe beginnt mit Tränen"

Das Paradoxe an "Ala kachuu": Auch weibliche Familienmitglieder des Entführers, häufig selbst zwangsverheiratet, werden bei der patriarchalischen Praxis vom Opfer zur Täterin. Sie haben die Aufgabe, die entführte Frau im Haus des Entführers zu einem Einverständnis zu überreden. Die "Braut" kennt ihre Entführer häufig gar nicht oder nur flüchtig. Sie wird festgehalten und in manchen Fällen sogar vergewaltigt.

Eine Rückkehr ins Elternhaus rückt spätestens nach einer Nacht im Haus des fremden Mannes in unerreichbare Ferne. Zu bedeutend wäre das soziale Stigma. Oftmals widersprechen Frauen daher ihrem Schicksal nicht. Und dies, obwohl auch im unabhängigen Kirgistan eine unter Zwang geschlossene Ehe unter Strafe steht. Doch nur in den wenigsten Fällen endet die Freiheitsberaubung mit einer Anzeige. Ein kirgisisches Sprichwort bringt diese Ohnmacht auf den Punkt: "Eine gute Ehe beginnt mit Tränen".

Brautraub ist ein Verbrechen

Svetlana, ehemals Teilnehmerin des "CrossCulture Programms" des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), möchte dieses Rollenverständnis nicht akzeptieren. Besonders, da sie "Ala kachuu" während ihres Studiums in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek beängstigend nahe kam. Damals versuchten mehrere junge Männer ihre Freundin und Mitbewohnerin zu entführen.

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