Fast alle Kinder des globalen Südens hatten wegen der Schulschließungen mehr als ein Jahr lang keinen Unterricht.

Indien, COVID-19 und Kinderrechte
Bildung auch in Krisenzeiten

COVID-19 hat viele negative Auswirkungen auf Kinder, vor allem in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Entwicklungsprojekte im indischen Bundesstaat Assam zeigen, wie es gelingen kann, benachteiligte Kinder auch in Krisenzeiten zu fördern. Von Enakshi Dutta, Cynthia Dittmar and Franziska Müller

COVID-19 hat Kinder weltweit hart getroffen. Unter anderem führten Lockdowns und Schulschließungen zu schmerzhaften Einschnitten. Viele Minderjährige hatten Angst um ihre Eltern und Großeltern oder mussten sogar den Tod naher Angehöriger miterleben. Überall wurden Kinderrechte massiv eingeschränkt.

Häusliche und sexuelle Gewalt, Ausbeutung sowie Kinderarbeit und Kinderehen nahmen während Corona weltweit drastisch zu. Gleichzeitig konnten sich Minderjährige in ihrer Not häufig nicht an Außenstehende wenden, auch weil viele Kinderschutzdienste nicht gearbeitet haben. Schulen, in denen aufmerksame Lehrkräfte hätten einschreiten können, waren geschlossen.

Stark angestiegen sind deswegen Angststörungen, psychischer Stress, Depressionen und Suizide unter Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig sank auch die körperliche Resilienz vieler Kinder, deren Eltern mangels Einkommen nicht in der Lage waren, sie ausreichend zu ernähren. So hungerten 2020 laut dem Kinderhilfswerk der UN weltweit 132 Millionen Menschen zusätzlich, davon 44 Millionen Kinder (UNICEF 2020a).

Nach Hochrechnungen von UNICEF gibt es im globalen Süden wegen der negativen wirtschaftlichen Effekte von COVID-19 zusätzlich 140 Millionen Kinder, die unter der Armutsgrenze leben, insbesondere in Subsahara-Afrika und Südasien. Weitere 150 Millionen leiden unter mehrdimensionaler Armut. Das bedeutet, sie haben keinen Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wohnen, Ernährung, sanitären Einrichtungen oder sauberem Wasser.

Obdachlose Kinder in Indien stehen Schlange, um eine Morgenmahlzeit von den Missionaries of Charity, einem von Mutter Theresa gegründeten Orden, zu erhalten; Foto: picture alliance/dpa/AP/Bikas Das
COVID-19 hat die ohnehin schon fragile Lage von Kindern noch verschlimmert: Laut dem Kinderhilfswerk der UN hungerten 2020 weltweit 132 Millionen Menschen zusätzlich, davon 44 Millionen Kinder. Nach Hochrechnungen von UNICEF gibt es im globalen Süden wegen der negativen wirtschaftlichen Effekte von COVID-19 zusätzlich 140 Millionen Kinder, die unter der Armutsgrenze leben, insbesondere in Subsahara-Afrika und Südasien. Weitere 150 Millionen leiden unter mehrdimensionaler Armut. Das bedeutet, sie haben keinen Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wohnen, Ernährung, sanitären Einrichtungen oder sauberem Wasser.

Bildung stark beeinträchtigt

 

Am stärksten aber wirkt sich die Krise auf die Bildung der Kinder aus. Fast alle Kinder im globalen Süden hatten wegen der Schulschließungen mehr als ein Jahr lang keinen Unterricht. Viele kehren danach nicht in die Schule zurück. Die Anderen kämpfen mit einem Lernrückstand von mehreren Monaten.

Insgesamt 463 Millionen Kinder konnten laut UNICEF durch ihre häusliche Situation und die ländliche Infrastruktur nicht am digitalen Fernunterricht teilnehmen oder erfuhren keine Unterstützung zu Hause. Schulkinder aus einkommensschwachen Ländern erlebten mehr als doppelt so viele Schulausfälle wie Kinder aus einkommensstarken Ländern.

Und Mädchen sind zusätzlich benachteiligt, unter anderem, weil sie durchschnittlich weniger Zugang zu digitaler Technologie haben als Jungen und mehr im Haushalt arbeiten müssen (UNICEF 2020b). Beides gilt auch für indische Studentinnen in hohem Maße für indische Studentinnen.

Kindern und Jugendlichen unter diesen schwierigen Bedingungen Bildung weiter zu ermöglichen, sieht das Kinderhilfswerk Childaid Network als seine vordringliche Aufgabe an. Die zivilgesellschaftliche Organisation engagiert sich für Kinder und Jugendliche in abgelegenen Gebieten von Nordostindien, Nepal, Bangladesch und Myanmar, insbesondere in den Bereichen Kinderrechte, Grundbildung, berufliche Bildung und Förderung des Kleinunternehmertums. Seit der Pandemie kümmert sich Childaid Network auch vermehrt um Gesundheitsthemen.

Vernetzen von lokalen Akteuren

 

Im indischen Bundesstaat Assam haben das Institute of Development Action (IDeA) und Childaid Network Germany eine Initiative für Kinderrechte gestartet: EnRiCh (Enabling Rights of the Child). Sie lief zunächst in 45 Dörfern. Ziel ist es nun, innerhalb von zwei Jahren mindestens 80 000 Kinder zu erreichen.

Logo von "EnRiCh": Enabling the rights of the child; entworfen von Amalendu Kaushik; Quelle: Facebook; IDeA-the ant
COVID-19-Dorfkomitees: Diese Gremien, die sich aus der lokalen Dorfverwaltung, Jugendlichen und Gesundheitshelfern zusammensetzen, haben auch während das Lockdown weitergearbeitet, da bereits funktionierende Netzwerke wie WhatsApp-Gruppen oder Online-Konferenzen aufgebaut waren. Das EnRiCh Projektteam stattete jedes Komitee mit medizinischem Material und Aufklärungsbroschüren aus, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Mehr als 7000 Kinder erhielten Arbeitsbücher und Schreibwaren, um weiterhin lernen zu können. Nachhilfeunterricht gab es in Kleingruppen im Freien. Mittlerweile geht es darum, die staatlichen Gesundheitsstationen weiter zu stärken, um in künftigen Krisen effizienter zu handeln und Kinder besser im Fokus zu haben.

Die EnRiCh-Initiative unterstützt zum einen direkt lokale zivilgesellschaftliche Organisationen. Beispielsweise hilft sie ihnen bei der Organisationsentwicklung oder der Zusammenarbeit mit lokalen Behörden.

Zum anderen vernetzt sie verschiedene Akteure: Eltern, Ausschüsse auf Dorfebene, lokale Verwaltungsorgane, Schulverwaltungen und Kinderclubs. Um die Dörfer kinderfreundlicher zu gestalten, setzen sie auf Kampagnen, Workshops und eigens ernannte "Kinderrechtsunterstützer" in den Gemeinden. Ein Netzwerk für Kinderrechte in ganz Assam ist geplant.

Während indische Kinder meist in hierarchischen, autoritären Verhältnissen aufwachsen, gesteht EnRiCh ihnen Raum zu, um sich auszudrücken und ihr Potenzial zu entfalten. Sie treffen sich wöchentlich in eigens gegründeten "Rhino Clubs", benannt nach dem einhörnigen Nashorn, dem Staatstier von Assam. Dort lernen sie gemeinsam, treiben Sport, sind kreativ tätig oder besuchen die Bibliothek.

Das Gemeinschaftsgefühl stärken

 

Sie erfahren Gemeinschaft und lernen Ansprechpartner im Dorf und bei Behörden kennen. Und sie bekommen Wissen vermittelt über Kinderrechte, Gesundheit, Umwelt und Ernährung. So werden sie zu wertvollen Multiplikatoren, die weitergeben, wie man sich in der Pandemie richtig verhält. EnRiCh stellt für solche Projekte verschiedene Materialien in lokalen Sprachen zur Verfügung, etwa Handbücher, Comics, Poster oder Texte für Theaterstücke.

Als die zweite COVID-19-­Welle zwischen April und Juni 2021 in Nordostindien für hohe Infektions- und Todesraten sorgte, gründeten IDeA und seine Partnerorganisationen insgesamt 86 "COVID-19-Dorfkomitees". Sie setzen sich zusammen aus der lokalen Dorfverwaltung, Jugendlichen und Gesundheitshelfern. Das funktionierte auch im Lockdown, weil bereits funktionierende Netzwerke wie WhatsApp-Gruppen oder Online-Konferenzen aufgebaut waren.

Das Projektteam stattete jedes Komitee mit medizinischem Material und Aufklärungsbroschüren aus, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Mehr als 7000 Kinder erhielten Arbeitsbücher und Schreibwaren, um weiterhin lernen zu können. Nachhilfeunterricht gab es in Kleingruppen im Freien. Mittlerweile geht es darum, die staatlichen Gesundheitsstationen weiter zu stärken, um in künftigen Krisen effizienter zu handeln und den Fokus auf die Kinder zu verstärken.

Das Beispiel zeigt: Neben entschlossenem staatlichem Handeln sind starke lokale Gemeinschaften und die Zivilgesellschaft zentral für die Bewältigung von pandemischen Krisen. Dabei ist ein besonderer Fokus auf Kinderrechten wichtig, um die schlimmsten Auswirkungen des notwendigen Pandemieschutzes für sie abzufedern.

Enakshi Dutta, Cynthia Dittmar & Franziska Müller

© E+Z | Entwicklung & Zusammenarbeit 2022

Enakshi Dutta ist Kinderrechtsaktivistin, Spezialistin für Kapazitätenentwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Direktorin des Institute of Development Action.

Cynthia Dittmar leitet die Projektkoordination bei Childaid Network.

Franziska Müller studiert Friedens- und Konfliktforschung und engagiert sich bei Childaid Network.
 

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