Im Porträt: Nadia Murad

Eine Frau kämpft gegen den "Islamischen Staat"

Sie ist der Hölle entflohen: Nadia Murad gibt dem Schicksal tausender vom IS vergewaltigter Jesidinnen ein Gesicht. Offen erzählt sie von ihrer Zeit als Sexsklavin, ihrer Trauer und dem Wunsch, etwas zu ändern. Von Sabrina Pabst

Den 15. August 2014 wird Nadia Murad Basee Taha nie vergessen. Es ist der Tag, an dem ihr Leidensweg beginnt. Die Hölle, die sie durchlebt, wie sie es später nennen wird. Nadia ist 19 Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig ändert. Dabei hatte sie bis dahin große Pläne: Sie durfte zur Schule gehen, wollte Geschichtslehrerin werden oder einen eigenen Schönheitssalon in ihrem kleinen Dorf mit knapp 2.000 Einwohnern eröffnen.

Das Dorf liegt im Sindschar, einem Gebiet im Nordirak mit mehrheitlich kurdisch-jesidischer Bevölkerung. Von ihnen sind bereits viele geflohen - aus Todesangst vor der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

Innerhalb einer Stunde werden in dem Dorf mehr als 300 Kinder, Frauen und Männer aus Nadia Murads Leben gerissen. Es ist ein Blutbad, das der IS dort anrichtet. Vor Nadias Augen werden sechs ihrer Brüder getötet, weil sie sich weigern, zum Islam zu konvertieren. Sie muss auch mit ansehen, wie die Terroristen ihre Mutter umbringen. Die, die überleben, werden nach Mossul, einer Hochburg des IS, verschleppt. Nadia ist eine von ihnen.

Verschleppt, vergewaltigt, versklavt

Drei Monate ist sie in der Gefangenschaft der IS-Kämpfer, die im Sommer 2014 weite Teile Syriens und des Irak einnehmen und die Dörfer von Jesiden, Christen und anderen Nicht-Muslimen überrennen. Drei Monate, in denen Nadia Murad als Sexsklavin geschlagen, gefoltert und vergewaltigt wird. Sie teilt das Schicksal von mehr als 5.000 Jesidinnen.

Rechtsanwältin Amal Alamuddin Clooney und Nadia Murad wollen den IS vor den internationalen Strafgerichtshof bringen; Foto: picture-alliance/abacapress
Gemeinsam gegen die menschenverachtenden Praktiken der Dschihadisten: Auch die Anwältin Amal Clooney, Ehefrau von Hollywoodstar George Clooney, hat sich der Sache der gequälten Jesidinnen angenommen. Sie will zusammen mit Nadia Murad die Peiniger vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen.

Knapp zwei Jahre später wird sie zur UN-Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannt, um auf das Leid der noch immer schätzungsweise 3.400 jesidischen Frauen und Kinder in den Fängen der IS-Fanatiker aufmerksam zu machen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei "zu Tränen gerührt" vom Schicksal der jungen Frau, aber auch von "ihrer Kraft, ihrem Mut und ihrer Würde".

Mit monotoner Stimme und wenigen sichtbaren Gefühlsregungen berichtet die junge Frau mit den langen braunen Haaren und traurigen Augen den Vereinten Nationen von ihrer Gefangenschaft, den Demütigungen und der hemmungslosen Gewalt, die sie und weitere 150 jesidische Familien damals erfahren mussten."Ich war nicht alleine, und vielleicht war ich die Glückliche. Mit der Zeit fand ich einen Weg zu entkommen, wohingegen es Tausende andere nicht konnten. Sie werden noch immer festgehalten", sagt sie. "Ich bin hier, um diejenigen zu repräsentieren, die von uns gegangen sind. Wir können sie nicht zurückholen. Mit ihnen in Gedanken werden wir immer weiterkämpfen."

"Tausend andere konnten nicht entkommen"

Einige Frauen, erzählt sie, nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Nadia nicht. "Ich wollte mich nicht umbringen, aber ich wollte, dass sie mich töten", sagt sie in einem Interview mit dem Magazin "Time". Nach drei Tagen wird sie einem IS-Kämpfer als "Geschenk" übergeben. Auch er erniedrigt sie, foltert sie täglich. Für ihren ersten Fluchtversuch wird sie bestraft. Nadia wird in einen Raum gesteckt. Sie muss sich ausziehen. Die Wächter misshandeln sie. Immer wieder vergreifen sich die Männer an ihr, bis sie in Ohnmacht fällt. Nach drei Monaten voller Qualen gelingt ihr die Flucht. Seitdem lebt sie in Deutschland und kämpft dafür, dass die Staatengemeinschaft die Gräueltaten an den Jesiden als Genozid anerkennt.

Mit der Unterstützung ihrer Anwältin Amal Alamuddin Clooney will Nadia Murad den "Islamischen Staat" vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen. Anlässlich der Verleihung des UN-Sonderbotschafterstatus an die junge Jesidin Nadia Murad sagte die Juristin: "Ich wünschte, ich könnte sagen, ich bin stolz, hier zu sein. Doch ich bin es nicht." Sie sei beschämt, dass die UN es oft nicht schafften, Genozide zu verhindern oder deren Täter zu verfolgen, da eigene Interessen der Mitgliedsländer im Wege stünden. "Ich bin als Frau beschämt", so Amal Alamuddin weiter, dass Mädchen wie Nadia wie Ware behandelt und ihre Körper als Kriegsschauplätze benutzt würden. "Es beschämt mich, dass wir die Schreie nach Hilfe ignorieren."

Nadia Murad - die Menschenrechtsaktivistin

Ihr unermüdlicher Kampf, Verbündete im Kampf gegen die Versklavung ihrer Glaubensschwestern im Nordirak durch die Terrormiliz zu gewinnen, geht weiter. Dafür reist sie um die Welt. Sie trifft Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi oder Griechenlands Präsident Prokopis Pavlopoulos. "Ich rufe Sie auf, meine Stimmer der Europäischen Union zu übermitteln, denn tausende Frauen und kleine Kinder werden weiterhin als Geiseln festgehalten", ruft sie in Athen ihren Zuhörern zu.

Gespräche sucht sie auch in Norwegen und dem Irak. Nach dem Treffen mit Nadia reicht der norwegische Politiker Audun Lysbakken sogar ihre Nominierung beim Nobelpreis-Komitee ein. "Wir möchten einen Friedenspreis, der die Welt aufrüttelt, gegen sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg zu kämpfen", begründet er seine Entscheidung.

Wegen ihres furchtlosen Engagements wird sie noch heute vom IS verfolgt und mit dem Tode bedroht. Doch der Tod habe seinen Schrecken verloren, sagt Nadia. "Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten."

Sabrina Pabst

© Deutsche Welle 2016

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