Hochschulwesen in Westafrika

Zwischen Denk- und Streikkultur

In Westafrika ist es zu einem Niedergang des öffentlichen Hochschulwesens gekommen, das in jüngster Zeit von privaten Universitäten Konkurrenz erhält. Ein Teil der Schwierigkeiten ist hausgemacht. Frank Wittmann berichtet.

Die Diskussionen um Hochschulreformen und Eliteuniversitäten sind in Westafrika anders gelagert als in Europa. Dort ist es in der Folge der Alphabetisierungsinitiativen und der Strukturanpassungsprogramme zu einem Niedergang des öffentlichen Hochschulwesens gekommen, das in jüngster Zeit von privaten Universitäten konkurrenziert wird. Ein Teil der Schwierigkeiten ist allerdings hausgemacht. Frank Wittmann berichtet.

Foto: AP

​​"Früher liessen wir beim Besuch einer Disco in Dakar unseren Studentenausweis unauffällig fallen und warteten, bis er gefunden und beim DJ abgegeben wurde. Der rief uns daraufhin per Mikrofon aus, und wir genossen es, der bewundernden weiblichen Blicke gewiss, unseren verlorenen Ausweis beim DJ abzuholen."

Schelmisch überliefert der Student Cheikh Diouf eine Anekdote aus den längst vergangenen Studentenzeiten seines Professors. Unterdessen ist aber der Ruf der senegalesischen Studierenden so schlecht, dass sich niemand mehr traut, sich öffentlich als Student zu brüsten.

Der Ruf der 1957 gegründeten Université Cheikh Anta Diop (UCAD) steht demjenigen seiner Studenten in nichts nach. Mit Ausnahme des Institut Fondamental de l'Afrique Noire und universitätsnaher Institutionen wie des Conseil pour le Développement de la Recherche en Sciences Sociales en Afrique ist die Dakarer Universität in einem jähen Niedergang begriffen.

Geldmangel und Streikkultur

Der Qualitätsverlust geht letztlich auf die bildungs- und entwicklungspolitische Schwerpunktsetzung der Alphabetisierungs- und Grundschulinitiativen zurück. Dazu gesellen sich auch die fatalen Auswirkungen der Strukturanpassungsprogramme, die dem westafrikanischen Staat seit den 1980er Jahren von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds auferlegt werden.

Hierdurch wurden dem Staat die nötigen Finanzmittel entzogen, um den kostenintensiven Unterhalt von wissenschaftlicher Lehre und Forschung zu gewährleisten. Aufgrund ihres niedrigen Grundgehaltes sind die Professoren gezwungen, anderweitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Häufig verfügen sie auch über Posten in Ministerien oder Nichtregierungsorganisationen oder verdienen sich ihr Geld durch Vortragsreisen. Diese vielfältigen Beschäftigungen haben einen Mangel an wissenschaftlicher Weiterbildung zur Folge. So kommt es, dass ein Grossteil der Lehrkräfte nicht auf dem neuesten Stand der Forschung ist.

Angesichts der veralteten und geringen Bibliotheksbestände sowie unerschwinglicher Buchpreise im kommerziellen Buchhandel wäre es in Dakar aber ohnehin schwierig, mit den internationalen Entwicklungen im wissenschaftlichen Bereich Schritt zu halten.

Forscher wandern aus

Aus diesen Gründen emigrieren viele Forscher und Studierende nach Europa und Nordamerika, sobald sich ihnen dazu die Gelegenheit bietet. Dieser als "fuite de cerveaux" bezeichnete Exodus hat fatale Folgen für das kulturelle Leben Dakars.

Die desolate Lage wird schliesslich durch eine ausgeprägte Streikkultur verschärft, deren sich Professoren und Studierende abwechselnd bedienen und die die Universität alljährlich lahmlegt. Bei den Studentenstreiks kommt es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, wobei der Tod des Studenten Balla Gaye 2001 noch immer einer Aufklärung harrt.

Anfang Mai 2004 hat die Gewalt einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: In der Folge von Auseinandersetzungen mit dem Dekanat haben einige Studenten der rechtswissenschaftlichen Fakultät einen Lynchmord an einem Hauswart begangen.

Privatwirtschaftliche Lösungen?

In Senegals südlichem Nachbarland Guinea-Bissau liegt die Situation etwas anders. In dem Land, in dem der Bürgerkrieg 1998/99 zum Zusammenbruch der gesamten öffentlichen Ordnung geführt hatte, ist das Instituto Nacional de Estudos e Pesquisa (INEP) samt Nationalarchiv und Museum während der militärischen Auseinandersetzungen teilweise zerstört worden.

Beispielsweise wurde die senegalesische Eingreiftruppe auf Geheiss des guineanischen Präsidenten Nino Vieira in den Gebäuden des INEP untergebracht.

Aus einer Mischung aus Ignoranz und Mutwilligkeit heraus wurden selbst aus präkolonialen Zeiten stammende Dokumente und Buchbestände zerstört, indem sie beispielsweise zum Anfachen der kleinen Öfen benutzt wurden, mit denen die senegalesischen Soldaten ihren Tee zuzubereiten beliebten. Heute wird das INEP mit internationaler Unterstützung langsam wieder aufgebaut.

In einigen Ländern Westafrikas sind infolge des Niedergangs des öffentlichen Hochschulsystems (semi)private Universitäten im Aufbau begriffen. In Bissau handelt es sich um die Universität Amílcar Cabral.

Ihr kommt die Aufgabe zu, den dringenden Bedarf an gut ausgebildeten Lehrern sicherzustellen und in Lehre und Forschung ein so attraktives Angebot bereitzustellen, dass die lokale Intelligenzia über eine valable Alternative zur Emigration - vornehmlich nach Portugal - verfügt.

Entsprechend ist die Universität Lissabon in allen Bereichen am Aufbau ihrer Schwesterinstitution beteiligt. Diese wird zwar per Dekret ideell von der Regierung Guinea-Bissaus unterstützt, aber nur, solange sie nicht das staatliche Haushaltsbudget belastet. Um die Finanzierung zu gewährleisten, wurde eine private Stiftung gegründet.

Dass sich bei solchen Rahmenbedingungen die ehrgeizigen Ziele von Rektor Tcherno Djalo realisieren lassen, ist zu bezweifeln. Für den Moment ist die junge Universität aber auf gutem Wege:

Entwicklung des Landes hat Priorität

Die Semestergebühren von 1.250 Studierenden aus allen ethnischen, konfessionellen und sozialen Gruppen des Landes decken die Administrations- und Lohnkosten der Universität, die im März dieses Jahres einen einjährigen experimentellen Lehrbetrieb aufgenommen hat.

Dabei sind vor allem solche Fächer in das Kursprogramm aufgenommen worden, denen für die Entwicklung des Landes Priorität zugestanden wird. Dazu gehören das Lehramt, das Energie-, Landwirtschafts- und Gesundheitswesen, die Wirtschafts-, Sozial- und Literaturwissenschaften sowie die Informatik.

In Zukunft sollen weitere Fächer dazukommen und bereits bestehende Hochschulen in die Universität Amílcar Cabral integriert werden. In diesem Sinne ist eine Zusammenarbeit mit dem INEP bereits protokollarisch geregelt.

Bildung hat ihren Preis

Im anglophonen Gambia ist man bereits einen Schritt weiter. Hier wurde mit kanadischer Unterstützung die University of The Gambia gegründet, die 1998 ihren noch eingeschränkten Lehrbetrieb aufgenommen hat. Der chronische Professorenmangel wird durch das Anheuern von Lehrkräften behoben, die aus afrikanischen Ländern mit einem vergleichsweise intakten Hochschulwesen wie Nigeria oder Kamerun stammen.

In Ausstattung und Fächerangebot reicht die kleine Universität aber nicht an die privaten Hochschulen von Dakar heran. Hier hat sich in den letzten Jahren vor allem die Université du Sahel einen Namen gemacht. Ihr gelingt es kontinuierlich, das Angebot auszubauen und in Administration wie Lehre eine beachtliche Qualität anzubieten.

Durch die Mischung aus erfahrenen und unverbrauchten Lehrern stellt sie bereits eine ernsthafte Alternative zur öffentlichen UCAD dar. Auch ist sie um einiges günstiger als die Dakarer Filiale der Suffolk University, die zwei Lehrgänge in Betriebsmanagement und Informatik anbietet.

Für angehende Studenten der Mittelschicht sind hier die Einschreibegebühren allerdings genauso unerschwinglich wie diejenigen der L'Université Virtuelle Africaine. Die 1997 auf Initiative der Weltbank gegründete Universität mit Sitz in Nairobi möchte nicht nur eine neue Generation von Beamten, Geschäftsleuten, Ingenieuren und Wissenschaftern ausbilden, sondern auch zur Diffusion des lokalen Wissens beitragen.

Allerdings beträgt die Einschreibegebühr 900 US-Dollar jährlich. Wer über solche finanziellen Ressourcen verfügt, kann sich in aller Regel auch ein Studium in Europa oder Nordamerika leisten und zieht die Auswanderung vor.

Dieses Beispiel zeigt stellvertretend, dass die für und von Afrika vorgeschlagenen Lösungen zwar zu einer Pluralisierung des Angebots im Hochschulsektor beigetragen, aber noch keinen durchschlagenden Erfolg verzeichnet haben. Ob dieser sich je einstellen wird, ist angesichts der politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen mehr als ungewiss.

Frank Wittmann

© Neue Zürcher Zeitung, 27. August 2004

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