Georges Corm

"Missverständnis Orient - die islamische Kultur und Europa"

Ist der politische Diskurs auf die schiefe Bahn geraten, weil wir den Orient falsch verstehen? Diese These vertritt der libanesische Sozialwissenschaftler Georges Corm in seinem Buch "Missverständnis Orient". Alexandra Senfft stellt es vor.

Der ehemalige Finanzminister des Libanon, Georges Corm, ist der Ansicht, der Westen und der Osten hätten Angst vor Chaos und setzten deshalb jeden kritischen Gedanken, der zu Veränderungen führen könnte, auf den Index. Nüchtern formuliert er handfeste Thesen, mit deren kritischer Auseinandersetzung die Debatte über die globalen Entwicklungen entschieden vorankäme.

Denn Corm stellt provokative, pointierte Fragen und fordert eine gründliche Erneuerung der verkrusteten Denkstrukturen. Seine Argumentationslinie baut er auf interdisziplinären Zusammenhängen auf - geistesgeschichtliche Erkenntnisse, denen nicht immer leicht zu folgen ist, weil sie die Komplexität dieser Welt widerspiegeln. Occident, la fracture imaginaire heißt sein 2002 erstmals bei Édition La Découverte in Paris erschienenes Werk, das nun in überarbeiteter und erweiterter Form auch auf Deutsch zu lesen ist – von Bodo Schulze hervorragend aus dem Französischen übertragen.

Heuchelei, Dekadenz, Korruptheit

Der Autor konzentriert sich auf die Asymmetrie zwischen der westlichen und der islamischen Welt. Die Region, aus der er stammt, schont er dabei aber nicht, ja er prangert "ihre unerhörte Dekadenz, ihre religiöse Heuchelei, die Kleinmütigkeit ihrer Politiker, die materielle wie politische Korruptheit ihrer Regime, ihre erstaunliche Unbeweglichkeit" an.

Das verbreitete Klischee, der Westen sei ein Musterbeispiel an Rationalität und die anderen Gesellschaften das Gegenteil, hält Corm gleichwohl für einen Mythos. Der Berater internationaler Organisationen und Zentralbanken betrachtet den vermeintlichen Bruch zwischen Ost und West (Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen") als künstlich erschaffen. Seine Aufrechterhaltung diene "höchst profanen Machtinteressen und geopolitischen Gegensätzen".

Westliche Beobachter und sogar Islamwissenschaftler, sagt er, erhöben meist religiöse und ethnische Faktoren zum monokausalen Erklärungsgrund für die Schieflage der Welt. "Je mehr sich die Kluft zwischen dem materiellen Reichtum, dem überwältigenden technischen Fortschritt des Westens und der Stagnation der anderen Zivilisationen vertiefte, umso mehr versank das anthropologische Denken des Westens in essentialistischen Theorien, die die Differenz zum Anderen als unüberbrückbaren Graben imaginieren.

Man hat den Eindruck, dass der Westen seine Differenz geradezu 'sakralisiert', wenn er über sich selbst nachdenkt." Corm unterstellt dem "Westen" – darunter versteht er das, "was die Vereinigten Staaten ihrem Geburtsort Europa und der europäischen Kultur an Macht, Techniken und Ideen hinzugefügt haben" -, Weltliches und Geistliches zwar getrennt zu haben, aber dennoch mythisch-religiös geprägt geblieben zu sein. In den USA etwa gelte nicht Laizität als politischer Grundwert, sondern religiöse Freiheit: "In God we trust".

So wie früher der Kommunismus als Glaubensersatz hergehalten habe, funktioniere heute das wirtschaftliche "Credo" des Neoliberalismus. Auf seiner Suche nach Identität reduziere der Westen komplexe Phänomene auf einfache Nenner, er habe das Sakrale aus dem Epizentrum von Kirche und Gläubigen auf die ethnische und nationale Gemeinschaft verlagert.

Stattdessen sollte er soziale und politische Ursachen sowie regionale Interessen in Betracht ziehen: "So gut wie nie berücksichtigen die einschlägigen Analysen profane Faktoren wie die Machtspiele lokaler Eliten, den Schmuggel und Drogenhandel mafiöser Organisationen oder das organisierte Verbrechen. Hauptsache Identität." Die palästinensischen Selbstmordattentäter kämpften zwar unter der Fahne des Islam, ihr eigentlicher Beweggrund sei indes die Befreiung eines Landes – ein Ziel, das mit Religion oder dem international operierenden, militanten Islamismus nichts zu tun habe.

Den Geist der Aufklärung wieder beleben

"Die Tempodifferenzen in der Verbreitung des technischen Fortschritts komplizieren die Globalisierung, da sie in den verschiedenen Weltregionen und innerhalb der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen einen unterschiedlichen Entwicklungsstand bewirken. Diese Rhythmusdifferenzen führen hier und da zu Verwerfungen entlang imaginärer Bruchlinien, die die Globalisierung bremsen und die in den Ereignissen des 11. September ihren bislang spektakulärsten Ausdruck fand."

Solange der Westen und der Osten diesen uns alle bedrohenden, eingebildeten Bruch weiter nährten und beide sich ununterbrochen klischeehaft herabwürdigten, käme die Geschichte nicht vom Fleck, sagt der Libanese. Er beklagt den Verfall des Politischen und appelliert an den Westen, anstelle binärer Denkschemata wie Gut und Böse, den Geist der Aufklärung wieder zu beleben. Dazu gehöre, eine echte Laizität zu praktizieren, denn nur, wenn diese "ihres Status als 'spezifisch' westlich-christliche Doktrin entkleidet werde", bekäme sie auch universellen Charakter. "Das internationale Recht muss sich jedem Glauben verschließen, der sich auf irgendwelche theologischen Interpretationen beruft, seien sie aus dem Judentum, dem Islam, dem Christentum oder aus irgendeiner anderen Religion hervorgegangen." Erst dann werde es glaubwürdig und allgemein wirksam.

An Schulen und Universitäten entdeckt er einen Mangel in der Vermittlung technischen und sozialen Wissens, wie es zur Entwicklung der heutigen Welt benötigt wird: "Die Herrschaft der Techniker und Technokraten, des Geldes und der Medien, die den Bürger auf passive Verbraucher und reflexionslose Wahlmaschinen reduzieren – all dies sollte Anlass genug sein, die Lehrpläne auf allen Bildungsebenen zu überdenken." Um die Welt nicht moderner, sondern menschlicher zu gestalten, müssten "Wissenschaft, technischer Fortschritt und Politik zu einer neuen Renaissance zusammenfinden."

Doch woher der Antrieb zu dieser Synthese gegenwärtig kommen soll und ob sie, wenn sie denn zustande käme, kraft von Moral und Ethik den weitreichenden Einfluss des Kapitals wirklich schwächen könnte, vermag der Autor nicht zu sagen. Da er selber nicht gerade optimistisch klingt, müssen seine Leser wohl mit ihm befürchten, dass wir bedrückenden Zeiten entgegensehen, nicht zuletzt, weil wir dazu neigen, "Macht mit Vernunft zu verwechseln."

Alexandra Senfft

© Qantara.de 2005

​​Georges Corm: Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa, Rotpunkt Verlag, Zürich 2004, 180 Seiten, 18,00 Euro

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