Protestierende Frauen Kairo 2012; Foto: dapd
Frauenrechte zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling

Arabische Frauen auf dem Vormarsch

Arabische Frauen waren führend an der Protestbewegung von 2011 beteiligt. Seitdem hat es einen gesellschaftlichen Wandel gegeben, der ihre Lebenswelten zunehmend verändert. Wie beurteilen sie ihre Situation zehn Jahre später? Claudia Mende hat mit Frauen aus Ägypten, Tunesien und Marokko gesprochen.

Fatema El Shafee erinnert sich noch an 2011, als wäre es gestern gewesen. Sie war damals in Assiut im Niltal, rund 400 Kilometer südlich von Kairo, mittendrin bei den Demonstrationen. Für die inzwischen 54-jährige Ingenieurin (der Name wurde geändert) war die Arabellion auch ein Aufbäumen gegen traditionelle Rollenbilder.

"Vor 2011 haben ägyptische Frauen weder politisch noch im sozialen Leben eine Rolle gespielt. Manchmal durften wir noch nicht einmal über unser eigenes Leben bestimmen,“ sagt sie. Das Leben einer ägyptischen Frau ihrer Generation habe darin bestanden, zu heiraten, Kinder zu bekommen und Geld zu verdienen. Ihr Einkommen sollte sie ausschließlich für die Belange der Familie ausgeben, dabei sämtliche Hausarbeit übernehmen und sich um die Schulkarriere der Kinder kümmern. "Das alles ohne jegliche Anerkennung oder Mitspracherechte. 2011 haben die jüngeren Frauen dann gesagt, jetzt ist Schluss, wir haben auch Rechte und ihr Männer müsst uns endlich wertschätzen.“

Die Arabellion, politisch wenig erfolgreich, hat gesellschaftlich durchaus Veränderungen angestoßen: Bisher totgeschwiegene Probleme wie Gewalt gegen Frauen kamen ans Tageslicht, Frauen fordern sexuelle Selbstbestimmung, ein Ende männlicher Bevormundung, mehr politische Teilhabe. Familienbilder und Geschlechterrollen ändern sich. Der größte Wandel geschieht wohl in den Köpfen der Frauen selber.  

Fatema El Shafee setzte sich 2011 als alleinerziehende Mutter über die Bedenken ihrer Familie hinweg und ging mit ihren beiden Söhnen demonstrieren. Ihre Familie, so sagt sie, habe sie dafür gehasst. "Für sie war ich komplett verrückt. Dass ich meine beiden Jungs mit auf eine Demonstration nahm, wo wir hätten umgebracht, verhaftet oder belästigt werden können, konnten sie nicht verstehen. Sie hatten solche überholten Vorstellungen im Kopf.“

"Wir Tunesierinnen wollten mehr“

Für Asma Gatri aus der tunesischen Stadt Kef an der Grenze zu Algerien war es dagegen kein großer Schritt, 2011 in ihrer Heimatstadt auf die Straße zu gehen. "Wir Tunesierinnen hatten schon vor der Revolution unseren Platz an der Öffentlichkeit. Aber wir wollten mehr“, sagt die heute 29-Jährige. Gatri ist Umweltingenieurin, sie berät Unternehmen in Nachhaltigkeitsfragen. Bevor sie sich 2017 selbstständig machte, hat sie bei einer nichtstaatlichen Organisation gearbeitet, die Frauen in ländlichen Gebieten darin unterstützt, sich gegen Gewalt zu wehren. "Das Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigt mich sehr“.

Gerade hier sind bei allen Problemen auch Fortschritte erkennbar. Vorher ein gesellschaftliches Tabu, ist das Problem seit 2011 in der Öffentlichkeit präsent. Aktivistinnen drängen auf besseren rechtlichen Schutz, Frauen brechen ihr Schweigen und zeigen Täter an, machen ihre Schicksale öffentlich.

Ägyptische Frauen protestieren in Kairo gegen sexuelle Gewalt; Foto: Reuters/Asmaa Waguih
Auch in Ägypten sind die Zeiten passé, in denen sexuelle Belästigung unhinterfragt zum Frausein dazu gehörte. Während der Arabellion demonstrierten Frauen, wie hier auf dem Bild in Kairo, für ihr Recht, sich ohne Belästigung im öffentlichen Raum bewegen zu können. 2014 definierte ein ägyptisches Gesetz erstmals sexuelle Belästigung überhaupt als Straftat. 2018 verurteilte auch die Al-Azhar-Universität in Kairo, die wichtigste Institution des sunnitischen Islam, sexuelle Belästigung - und zwar ausdrücklich unabhängig davon, wie eine Frau gekleidet ist. "Das ist wichtig, denn häufig müssen sich Betroffene anhören, sie seien an den Übergriffen selbst schuld und hätten sie durch ihre Kleidung oder ihr Verhalten provoziert“, schreibt Claudia Mende.

In Jordanien, im Jemen und im Libanon wurden nach 2016 frauenfeindliche Gesetze abgeschafft, nach denen Vergewaltiger straffrei ausgingen, wenn ihre Opfer in eine Ehe einwilligten. Die Strafen bei sogenannten "Ehrenmorden“ wurden verschärft. Jetzt müssen die Täter mit langen Haftstrafen rechnen, teilweise erhalten gefährdete Frauen besseren Schutz, etwa in Frauenhäusern.

Auch in Tunesien verbesserte sich die Rechtslage. Für Asma Gatri ist das "Gesetz 58“ ein Meilenstein für Frauenrechte. Es wurde 2017 einstimmig vom nationalen Parlament in Tunis verabschiedet und stellt alle Formen von Gewalt gegen Frauen unter Strafe. Außerdem regelt es, wie Opfer Zugang zu ihrem Recht erhalten und im Zweifelsfall Hilfe bekommen. "Gesetz 58 war fundamental für uns“, sagt sie. "Wegen der Revolution sind Frauen heute viel freier.“ Wenn eine Frau früher zum Beispiel bei einem Termin bei der Bank sexuell belästigt wurde, hatte sie kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Das sei heute anders.

Zwar geben in Umfragen immer noch zwei Drittel der Tunesierinnen an, sexuelle Belästigung zu erfahren. Auch neigt die Gesellschaft weiter dazu, den Opfern die Schuld an solchen Vorfällen zu geben. Aber junge, gut ausgebildete Frauen wie Asma Gatri sind nicht mehr bereit, Übergriffe klaglos hinzunehmen, und das macht einen großen Unterschied. 

Gatri selbst sagt, sie akzeptiere sexuelle Belästigung nicht. Einmal habe sie sich sogar physisch zur Wehr gesetzt. "Das Gesetz schützt uns und es gibt mittlerweile auch viele Organisationen, an die man sich wenden kann.“

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