Frauenmorde in der Türkei

Kaum geahndet

Eine junge Türkin wird auf dem Heimweg brutal ermordet - sie ist eine von 430 getöteten Frauen allein 2019. Frauenrechtsorganisationen fordern besseren Schutz vor Gewalt gegen Frauen. Doch die Regierung tut kaum etwas. Von Daniel Derya Bellut und Burcu Karakaş

Ein weiterer Frauenmord schockiert die türkische Öffentlichkeit und sorgt für eine Welle der Empörung in den sozialen Medien. Das ist geschehen: Am späten Dienstagabend macht sich die 20-jährige Kunststudentin Ceren Özdemir aus der Schwarzmeerstadt Ordu nach dem Ballett-Unterricht auf den Heimweg. Unbemerkt folgt ihr ein Mann bis vor ihre Haustür. Dort zückt er ein Messer und sticht mehrfach auf sie ein. Im Krankenhaus erliegt die Studentin ihren schweren Verletzungen.

Der mutmaßliche Täter war bereits zwölf Mal verurteilt für Delikte wie Kindsmord und Raubüberfall - bevor er die junge Frau tötete, war er aus dem Gefängnis geflohen. Einen Tag später wurde der Mann an einer Bushaltestelle gefasst, die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

Nicht nur die türkische Öffentlichkeit reagierte bestürzt auf die Tat. Auch ranghohe Politiker drückten ihr Beileid aus und kündigten Konsequenzen an. Schließlich sind viele Türken entsetzt darüber, dass ein Mörder aus einem Gefängnis entfliehen konnte.

"Es hat uns alle zutiefst verletzt. Wir alle wünschen uns, dass solche Vorfälle niemals wieder passieren. Unsere Staatsanwaltschaft untersucht alle Aspekte des Vorfalls." Die Umstände der Flucht würden genau geprüft, so Abdulhamit Gül, der türkische Justizminister von der islamisch-konservativen Partei AKP. Auch der türkische Innenminister Süleyman Soylu drückte sein Beileid und bedauerte, dass nichts "unsere Tochter zurückbringen" werde, so der AKP-Politiker.

Gewalt gegen Frauen lange Zeit totgeschwiegen

Dass sich türkische Regierungspolitiker mit Gewalt gegen Frauen befassen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sowohl die Regierung als auch die türkische Justiz haben das Problem lange Zeit totgeschwiegen. Und das, obwohl nach den Zahlen der Organisation "Wir werden Frauenmorde stoppen" dieses Jahr bereits 430 Morde an Frauen registriert wurden.

Empörung über die Vertuschung des Mordes an Sule Cet - Proteste von Frauenrechtsgruppen in Ankara; Foto: DW
Empörung über patriarchalische Gewalt und zweifelhafte Justiz: Der Fall der ermordeten Sule Cet war in der Türkei zum Symbol geworden für die verbreitete Gewalt gegen Frauen und die Nachsicht, mit der die Justiz in allzu vielen Fällen mit den Tätern umgeht. Im Fall der Studentin wurden die beiden Tatverdächtigen zunächst zwei Mal von einem Richter freigelassen. Erst nach massiven Protesten von Frauen und auf Druck ihres Vaters und eines Anwalts kamen die beiden Männer schließlich vor Gericht.

Doch die Internet-Öffentlichkeit und das Engagement von Frauenrechtsgruppen setzen Regierung und Justiz immer mehr unter Druck. In den vergangenen Monaten machten mehrere Gewaltexzesse Schlagzeilen und illustrierten, dass Gewalt gegen Frauen oft nicht ausreichend geahndet wird.

Für Entsetzen sorgte auch der Mord an der 23-jährigen Sule Cet aus Ankara - und wie die Ermittler die Tat darstellten. Die junge Frau wurde von zwei betrunkenen Männern - einer davon ihr Chef - im Büro vergewaltigt und anschließend aus dem Fenster geschmissen. Der Polizei berichteten die Männer anschließend, dass sich Cet selbst das Leben genommen habe.

Die Gerichtsmedizin stellte einen Nackenbruch, Risse in der Analregion und betäubende Substanzen im Blut des Opfers fest. Dennoch bewerteten der Gerichtsmediziner und der Strafverteidiger den Vorfall als "einvernehmlichen Sex", schließlich habe Cet "sich entschieden, mit einem Mann an einem abgeschiedenen Ort Alkohol zu trinken".

Vertuschte Straftat

Der Gerichtsprozess dauerte ein halbes Jahr und wurde von Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen von Frauen sowie von großer Anteilnahme in den sozialen Netzwerken begleitet. Am Dienstag verkündete das Gericht in Ankara, dass ein Täter eine lebenslängliche Haftstrafe erhält, der Mittäter eine Haftstrafe von fast 19 Jahren.

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