Frauen gegen Gewalt schützen in Jordanien

Stark für ein selbstbestimmtes Leben

Auf Druck von Frauenverbänden sind in Amman mehrere Frauenhäuser für Opfer von häuslicher Gewalt entstanden. Initiativen wie "Shefighter" von Lina Khalifeh setzen darauf, Frauen stark zu machen, solange der Staat sie nicht ausreichend schützt. Claudia Mende hat sich in Amman umgesehen.

Es ist ein Haus ohne Namen. Ein unscheinbarer Betonklotz in einem gesichtslosen Stadtteil von Amman. Eine schmale Treppe führt in den obersten Stock, wo sich die Wohnräume mit einer Eisentür extra sichern lassen. Heute steht die Tür offen. Etwa 20 Frauen können hier Schutz finden. Schutz vor gewalttätigen Ehemännern, Vätern, Brüdern, Arbeitgebern.

Wafaa kam, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte, es war Gewalt im Spiel. Zu ihrer Familie konnte sie nicht zurück, diese war mit der Trennung nicht einverstanden. Wafaa – ihr richtiger Name lautet anders - wusste nicht, wohin und rief in ihrer Not bei der Hotline für Frauen in Not der "Jordanian Women's Union" an. Am Telefon rieten ihr die Sozialarbeiterinnen, sich erst einmal für eine Weile im Frauenhaus in Sicherheit zu bringen. Hier konnte sie zur Ruhe kommen. Wafaa habe eine Weile gebraucht, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, sagt Sozialarbeiterin Alia Heelan, eine Frau um die 50. Eine Zeitlang sei die junge Frau am Boden zerstört gewesen. Dass ihre Familie den Kontakt abgebrochen habe, war für sie sehr schmerzlich.

Nach anderthalb Jahren im Frauenhaus halfen die Sozialarbeiterinnen Wafaa, selbständig zu werden, einen Job zu finden. Sie suchten eine Wohnung mit geeigneter Nachbarschaft für sie zusammen mit einer weiteren Alleinstehenden. Es ist noch immer nicht ganz einfach für Frauen in Amman, allein zu leben. Das Umfeld muss die Frauen akzeptieren, sonst funktioniert es nicht. "In Amman ist das möglich, außerhalb der Hauptstadt nicht", sagt Alia Heelan. "Auf dem Land kommt es bis heute vor, dass Frauen zu ihrem eigenen Schutz ins Gefängnis kommen, obwohl sie nichts verbrochen haben." Einfach weil es sonst angeblich keine andere Möglichkeit gibt, sie zu schützen.

Start in ein neues Leben

Bildungsseminar "Violence against women" im jordanischen Karak; Foto: Omama Al Shameilah
Bildungsseminar "Violence against women" im jordanischen Karak: Frauen werden in Jordanien weiterhin durch Gesetze und im täglichen Leben diskriminiert und werden nicht ausreichend gegen Verbrechen im Namen der "Familienehre" und andere Gewalttaten geschützt.

Wafaa aber kann in ein neues Leben starten. Nicht alle ihre Fälle gehen so gut aus, aber Alia Heelan und ihre sieben Kolleginnen versuchen zu helfen, so gut es mit ihren Mitteln aus privaten Spenden und internationalen Geldern geht. Zwischen 15 und 25 Hilferufe erhalten sie pro Tag über die Hotline in Amman. Es rufen Jordanierinnen an, die vor Gewalt und sexuellen Übergriffen in ihren Familien fliehen, aber auch Hausangestellte aus Ostafrika, den Philippinen oder Bangladesch, die von ihren Auftraggebern ausgebeutet werden und Syrerinnen, die in frühe Ehen oder die Prostitution gedrängt wurden.

Häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung sind in Jordanien verbreitet, aber kein Tabu für die Öffentlichkeit mehr. In den Medien und sozialen Netzwerken gibt es seit Jahren dazu heftige Debatten. Verlässliche Statistiken über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen existieren nicht, sie hat auch nicht die epidemischen Ausmaße wie in Ägypten. Aber alle sozialen Schichten und ethnischen wie religiösen Gemeinschaften sind betroffen.

Lange Zeit wurden die Probleme totgeschwiegen, aber seit Ende der 1990er Jahre sah sich die Regierung zunehmend unter Druck, etwas zu tun. Als Reaktion darauf sind drei Schutzhäuser in Amman und eine spezielle Einheit bei der Polizei entstanden, die familiäre Gewalt bekämpfen soll, die "Family Protection Units". Neu dazugekommen ist im letzten Jahr eine spezielle Einrichtung für die Opfer von Menschenhandel und Prostitution.

Neben dem Frauenhaus der "Jordanian Women's Union" in der Innenstadt von Amman betreibt das Sozialministerium zwei weitere Häuser in Eigenregie. Dort herrsche allerdings ein sehr harscher Umgangston, kritisiert die Sozialarbeiterin Alia Heelan. Frauen dürften beispielsweise die Einrichtung nicht freiwillig verlassen. "Wir legen dagegen Wert darauf, Frauen stark zu machen für ein selbstbestimmtes Leben".

Plakat "Shefighter" in Amman; Foto: Claudia Mende
Hilfe zur Selbsthilfe: Lina Khalifeh gründete vor einigen Jahren die Selbstverteidigungsinitiative "Shefighter". In einem Studio werden Frauen asiatische Kampftechniken wie Taekwondo beigebracht. "Shefighter" soll das bisher einzige Studio dieser Art in der Region sein. Rund 14.000 Frauen hat Lina Khalifeh zusammen mit ihren 15 Mitarbeiterinnen bisher trainiert.

Die "Family Protection Units" wurden bereits Ende der 1990er Jahre eingerichtet, haben sich aber anfangs mehr um misshandelte Kinder gekümmert. In den "Family Protection Units" arbeiten Teams von Polizistinnen und Polizisten in Zivil mit Sozialarbeitern, Psychologen, Psychiatern und auch Gerichtsmedizinern zusammen, die etwa Beweismaterial nach einer Vergewaltigung sichern. Ein erstes Büro entstand 1998 in Amman, heute existiert die Einrichtung in allen neun Regierungsbezirken.

Asiatische Kampftechniken für Frauen

Neben Strafverfolgung geht es auch um Mediation, die Beamten machen Hausbesuche in den betroffenen Familien, um Lösungen für familiäre Probleme und Beziehungsstreitigkeiten zu finden. In Zusammenarbeit mit dem dänischen Zweig von "Save the Children" haben sich die Mitarbeiter in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Trotz Bedenken, ob dort wirklich alle Beamten eine positive Einstellung zu Frauenrechten haben, hält Aliaa Heelan die FPUs für wegweisend für Jordanien.

Auch Lina Khalifeh hat schon Frauen diskret empfohlen, sich an eine "Family Protection Unit" zu wenden. Wenn sie mitbekommen hat, dass eine ihrer Kurssteilnehmerinnen permanent blaue Flecken hat und ihr weismachen will, sie habe sich lediglich gestoßen. Die 32-Jährige palästinensischer Herkunft hat 2012 "Shefighter" gegründet, ein Studio, in dem Frauen asiatische Kampftechniken wie Taekwondo zur Selbstverteidigung lernen können. "Shefighter" soll das bisher einzige Studio dieser Art in der Region sein. Rund 14.000 Frauen hat Lina Khalifeh zusammen mit ihren 15 Mitarbeiterinnen bisher trainiert. Einige in ihrem Studio im Norden Ammans oder aber bei speziellen Trainings zusammen mit Nichtregierungsorganisationen, zum Beispiel für behinderte Frauen oder Flüchtlingsfrauen. Inzwischen erwägt Khalifeh, in andere arabische Länder zu expandieren.

Mit den richtigen Techniken zur Selbstverteidigung könnten Frauen nicht nur besser mit heiklen Situationen umgehen, meint Khalifeh. Sie hätten dann das nötige Selbstvertrauen, um sexueller Belästigung zu entgehen. "Frauen müssen bei uns in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen", sagt sie. Denn die jordanische Rechtsordnung schütze sie nicht ausreichend. Immer noch gehen die Täter allzu oft straffrei aus.

Allerdings hat die Regierung wichtige Gesetzesänderung beschlossen. Wer Frauen belästigt, soll künftig mit bis zu sechs Monaten Haft oder einer Geldbuße bestraft werden. Nach jahrelangem Druck von Frauenverbänden will das Kabinett den besonders umstrittenen Artikel 308 im Strafgesetzbuch ändern. Der Paragraph besagt, dass Sexualstraftäter straffrei ausgehen, wenn sie ihr Opfer heiraten. Allerdings nennt die Regierung eine Einschränkung: Artikel 308 soll weiterhin für Opfer zwischen 15 und 18 Jahren gelten, sofern das Opfer in eine Ehe einwilligt – ein Tribut an die konservativen Kräfte im Land. Außerdem muss erst noch das Parlament der Gesetzesinitiative zustimmen.

Claudia Mende

© Qantara.de 2016

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