François Zabbal

Arabische Intelligenz und Globalisierungsgespenst

François Zabbal, Chefredakteur der vom Institut du Monde Arabe herausgegebenen Zeitschrift Qantara kritisiert die arabischen Intellektuellen, die sich fast unisono gegen eine Globalisierung wenden, deren Auswirkungen in der arabischen Welt aber eher positiv seien.

François Zabbal, Foto: privat
François Zabbal

​​In Syrien datieren die ersten Internet-Anschlüsse aufs Jahr 1996, zaghafte Auftritte des Mobiltelefons verzeichnet man seit Anfang 2000.

In den siebziger Jahren gab es im ganzen Land nur 80.000 Telefonanschlüsse: eine Zahl, welche eine weitgehende Überwachung der Auslandgespräche erlaubte und damit den Schutz des vaterländischen Geistes vor üblen fremdländischen Einflüssen.

Zehn Jahre später freilich war die Abonnentenzahl auf eine halbe Million angestiegen, im Jahr 1996 bereits auf anderthalb Millionen; das heißt, mit neun Anschlüssen auf hundert Personen wies Syrien ein dichteres Telefonnetz auf als etwa Algerien oder Jemen, konnte es aber noch nicht mit den Golfstaaten oder dem benachbarten Libanon aufnehmen.

Gemäß einem 1998 erstellten Plan sollten binnen vier Jahren zwanzig Prozent der syrischen Bürger über einen Telefonanschluss verfügen; bis 2004 hofft man auch, die Wartezeit für dieses Privileg von bisher fünfzehn Jahren auf drei Jahre zu reduzieren.

Das Internet hatte sein Début an den Hochschulen; mittlerweile gibt es in Syrien 1200 Websites und 4000 E-Mail-Abonnenten. Weitere 20 000 Syrer sollen via Libanon Anschluss ans World Wide Web finden.

Die spürbare Öffnung, die in den letzten Jahren stattfand, verdankt sich vorab dem jetzigen Präsidenten, der früher Vorsitzender der syrischen Informatiker-Vereinigung war. Und wie stünden die Dinge ohne ihn? Das stellt man sich lieber nicht vor ...

Blind für die Gegenwart?

Die soeben angeführten Zahlen, aufs Geratewohl der arabischen Presse entnommen, würde man kaum in einer jener zahllosen Analysen finden, die arabische Intellektuelle der Frage nach den Auswirkungen der Globalisierung auf die eigene Gesellschaft und Kultur widmen.

Und dieser Intelligenzia, deren Bildungsgang durch kein Gran von wissenschaftlicher, technologischer oder wirtschaftlicher Sachkenntnis beschwert wurde, könnte man problemlos noch weitere statistische Daten vorhalten, welche die Rückständigkeit der arabischen Länder ähnlich schlagend belegen.

Was überhaupt bedeutet "Globalisierung"? Welchen Einfluss hat sie auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen? Welche Rolle kommt dem Staat inskünftig in ökonomischer, politischer, kultureller Hinsicht zu? Wie wirkt sich die Revolution der Informationstechnologien auf die traditionellen Produktionsweisen aus?

All diese Fragen sind aus den Schriften der arabischen Intellektuellen schlicht ausgeblendet, und schrille Anklage verdrängt dort weitgehend den analytischen Ton.

Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem zweiten Golfkrieg scheinen sich die Denker der islamischen Welt fast durchweg verpflichtet zu fühlen, einander in Schmähungen gegen die Globalisierung zu überbieten – ohne dass sie dabei aber mit alternativen Ideen aufwarten.

Gewiss, da und dort erheben sich vereinzelte Stimmen, die vor dieser verdächtigen Einmütigkeit warnen; aber diejenigen, die tatsächlich in der Lage wären, die neue Herausforderung abzuschätzen, weil sie an den Schaltstellen der Globalisierung – in Datenbanken, Elektronikfirmen usw. – tätig sind, schweigen, oder sie finden sich auf der Anklagebank.

Dafür sei hier lediglich das Beispiel des ägyptischen Soziologen Saad-Eddin Ibrahim angeführt, welcher der Kollaboration mit Amerika angeklagt wurde, weil er sich erlaubt hatte, für eine Überwachung der Parlamentswahlen im November 2000 einzutreten.

So muss man schon zu Fachzeitschriften greifen – insbesondere ökonomischen –, um einen aufgeklärteren Bewusstseinsstand zu finden; doch dringt davon kaum etwas in den öffentlichen Raum, der schon von den Stimmen der engagierten intellektuellen Allgemeinpraktiker beherrscht ist.

In einem langen, auf Arabisch verfassten Essay zum Thema "Der Einfluss der Globalisierung auf die arabische Kultur", der im Oktober 2000 in "Al-Bahrain al-thaqafia" erschienen ist, liefert uns Georges Tarabichi eine erbauliche Blütenlese von Stellungnahmen der bedeutendsten Exponenten der arabischen Intelligenz.

Tarabichi plädiert zunächst für eine offene Diskussion ohne absolute Verdammungen und ohne vereinfachende Vorverurteilung, welche die Verteidiger der Globalisierung zu "Liberalen" oder ihre Gegner zu "Konservativen" stempeln würde; er unterstreicht die unerhörte Komplexität des Phänomens und die Notwendigkeit, es nicht mit einem durch manichäische Visionen getrübten Blick anzugehen.

Globalisierung als Vorlage für Feindbilder

Nach seiner Auffassung haben sich die arabischen Intellektuellen auf den Begriff der Globalisierung gestürzt, bevor sie überhaupt die Ausbreitung des Phänomens in ihren Gesellschaften hatten beobachten können; denn tatsächlich hat dort weder eine Öffnung der Märkte noch eine Delokalisierung oder die Ansiedelung multinationaler Konzerne stattgefunden.

Kurz und gut, die Globalisierung ist laut Tarabichi vorab das Hirngespinst einer Intelligenz, der es gerade an anderen Feindbildern mangelte, mittels deren sie ihre Stellung als Wächter der wahren Werte hätte rechtfertigen können.

Man wird diese Einschätzung mit berechtigter Skepsis aufnehmen, muss dem Autor aber zumindest darin Recht geben, dass der heutige Diskurs über die Globalisierung lediglich eine Neuauflage früherer arabischer Positionsbezüge gegen die kulturelle und imperialistische Dominanz des Okzidents ist.

Mutâ al-Safadi, ein syrischer Intellektueller und Nasserianer der ersten Stunde, holt entsprechend aus: "Globalisierung" ist ein freundliches Wort, mit dem zum Generalangriff gegen alle Länder der Welt geblasen wird, um sie dem Willen des Grosskapitals zu unterwerfen – einer Macht, die sich vom Industriekapitalismus in einen Finanzkapitalismus gewandelt hat und die in kolossalen Vermögenswerten besteht [. . .], welche in wenigen Augenblicken ganze nationale Wirtschaftssysteme zerstören können" ("Al-Wafâq al-'arabî", Tunis, August 1999).

Ein anderer, ebenso vom Panarabismus beflügelter syrischer Autor hat dann das Ei des Kolumbus entdeckt: Das Wort «Globalisierung» sei lediglich ein Codewort für «Amerikanisierung».

Islamismus statt Arabismus

Wir wollen nicht weiter über diese archaische (und leninistische) Vision des Kapitalismus nachdenken. Tatsächlich tun diese Intellektuellen – von denen viele seit Jahrzehnten im unfreiwilligen Exil leben und die dennoch just den nationalistischen und sozialistischen Ideologien treu geblieben sind, deren Opfer sie einst wurden – nichts anderes, als die arabische Variante der Dritte- Welt-Klage neu zu intonieren.

Auch für den in Syrien lebenden palästinensischen Essayisten Faisal Darraj ist Globalisierung mit Amerikanisierung gleichzusetzen, mit anderen Worten: "eine Vereinheitlichung, die darauf abzielt, weltweit einer einzigen kulturellen Norm Geltung zu verschaffen, nämlich derjenigen Amerikas, unter Ausschluss sämtlicher anderer Werte".

Folgen die Paradebeispiele Hamburger, Jeans, Marlboro und Pepsi-Cola als Instrumente einer Uniformierung, die "den Pluralismus der Kulturen zerstört" ("Die Kultur im Zeitalter der Globalisierung", in "Dafater thaqafiya", Ramallah, 25. Mai 2000).

Solche schon ziemlich angejahrten Argumente könnte man mit einem Lächeln quittieren – wäre da nicht gleichzeitig dieses verlogene Schweigen über die systematische Zerstörung der kulturellen und politischen Pluralität durch die nationalistischen arabischen Regimes.

"Kampf der Globalisierung" ist das neue Schlagwort, unter dem sich die arabischen Intellektuellen – nach einer Ruheperiode, die ihre dominante Stellung allmählich zu untergraben drohte – erneut zu Verteidigern der nationalen und kulturellen Identität aufschwingen können.

Komplott-Theorien

Zudem sind an dieser Front in den letzten zwei Dekaden noch grimmigere, kampflustigere Bannerträger aufgezogen – die Islamisten. Und damit hat sich in diesem Zeitraum auch die Definition der Identität gewandelt: Statt des in den sechziger Jahren portierten Arabismus steht nun, angesichts der schleichenden Verwestlichung und der drohenden Modernisierung durch die säkularisierte arabische Elite, die Bewahrung des islamischen Glaubens auf dem Programm.

Die ägyptische Erkenntnistheoretikerin Yumna Tarif al-Kholi behauptet, dass die Globalisierung vorab ein linguistisches Komplott sei:

"eine gewalttätige Attacke der westlichen Zivilisation, die darauf abzielt, die arabische Sprache zu zerstören. Denn wir sind die einzige Nation [die Autorin gebraucht hier den Begriff umma, welcher die islamische Glaubensgemeinschaft meint] der Welt, welche in der Sprache ihrer heiligen Schrift redet."

In hundert Jahren, so überlegt sie weiter, werde die arabische Nation verschwunden sein, nachdem sie ihre Sprache verloren habe. Auch Muhammad Abed al-Jabiri, Galionsfigur der Intellektuellen in den Golfstaaten, sieht in der Globalisierung einen Frontalangriff auf die drei Säulen des arabischen Wesens: den Staat, die Nation (umma) und das Vaterland (in " Ash-Sharq al-awsat", London, 7. 2. 1997).

Dass sich dank der Globalisierung auch das eine oder andere repressive Regime zur Einhaltung international gültiger moralischer und rechtlicher Normen gezwungen sieht, dass sie die Zensursysteme erschüttert, welche etwa in China von den selbsternannten Hütern des Volksgeistes errichtet wurden: Das schert die arabische Intelligenz wenig, ob sie sich nun zum Nationalismus oder zum Islamismus bekennt.

Wichtig ist ihr der Erhalt einer phantasmagorischen arabischen Einheit, der "Nation", die weder eine innere Spaltung noch Meinungsdifferenzen erträgt und deren soziale Klassen sich zur fest geschmiedeten Front gegen den gemeinsamen Feind, Amerika, zusammenschließen sollen.

Unschwer erkennt man darin die arabische oder islamische Variante der totalitären Ideologien, die im 20. Jahrhundert gewütet haben – und von denen sich die arabische Welt offenbar noch längst nicht befreit hat.

François Zabbal

© Neue Zürcher Zeitung, 23.1.2001

François Zabbal ist Chefredakteur der Zeitschrift QANTARA, die vom Institut du Monde Arabe in Paris herausgegeben wird.

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