Film

Kino in der Türkei – zweigeteilt wie das Land

Noch in den siebziger Jahren stellten die türkischen Yesilcam-Studios 300 Filme pro Jahr her – mittlerweile hat sich deren Produktion bei jährlich 12 bis 20 Filmen eingependelt. Die Krise der türkischen Filmproduktion indes hat mehrere Gründe. Von Amin Farzanefar


Szene aus "Hejar"

​​Auch auf dem Internationalen Filmfestival Istanbul, mit 200 Filmen und 100.000 verkauften Eintritten das größte kulturelle Ereignis der Türkei, ließ sich keine zentrale Ursache für den Niedergang der einheimischen Produktion ausmachen, wohl aber eine Reihe maßgeblicher Faktoren. Die Zensur, in den Jahren nach dem Militärputsch besonders repressiv, ist wesentlich laxer geworden, lässt Staatskritik prinzipiell zu, greift aber gegebenenfalls immer noch durch.

Einer der jüngsten Fälle ist "Hejar". Nachdem das sensible Porträt einer Freundschaft zwischen einem kleinen kurdischen Mädchen und einem pensionierten Richter zunächst Preise gesammelt hatte und zum Publikumsliebling avanciert war, geriet es auf eine Denunziation hin in den Verdacht der Staatsfeindlichkeit. Der Regisseurin Handan Ipekci drohten zeitweise sechs Jahre Haft. Und Ravin Asafs "Sari Günler" ("Gelbe Tage"), der vom Aufenthalt einer deutschen Doktorandin in einem kurdischen Dorf erzählt, verschwand mysteriöserweise aus dem diesjährigen Festivalprogramm.

Sex, Politik und Märtyrer

Politische Themen, die Atatürks Erbe anrühren könnten, bleiben also ein heißes Eisen. Ein anderes Tabu hingegen, die Sexualität, ist schon zu Zeiten des Republikgründers angegangen worden. Wer die Türkei zum Orient rechnet, von anderen islamischen Ländern extrapoliert und mit Keuschheitsgelübden und Kopftuchzwang auf der Leinwand rechnet, mag sein nacktes Wunder erleben: Das massenweise Aufkommen von Sexfilmchen in den siebziger Jahren war mit ein Grund für den damaligen Niedergang der Filmindustrie. Mittlerweile wird eine Erotikszene fast mit ebensolcher Selbstverständlichkeit umgesetzt wie im französischen Kino.

Das Kopftuch findet sich aber doch: Ein islamisch angehauchtes Kino erzählt seit einem guten Jahrzehnt verstärkt antimodernistische Märtyrergeschichten – von der Tochter, die zum Schleier greift und daraufhin von der dekadent-hedonistischen Familie verstoßen wird; vom Sohn, der in den Westen reist und dessen Mores völlig vor die Hunde gehen. Wo in der Türkei die Angst vor einem in Vorstädten und Provinzen heranreifenden Islamismus ubiquitär ist, der die städtische Moderne fortspülen könnte, lässt indes Attila Dorsay die Moschee im Dorf.

Hollywoods fundamentalistische Märtyrerfilme

Der Nestor der türkischen Filmkritik weist dem so genannten "White Cinema" seinen Platz zu: "Wenn Hollywood jahrzehntelang fundamentalistische Märtyrerfilme wie ‹Ben Hur› und ‹Die zehn Gebote› gemacht hat – dann lasst es die Muslime auch versuchen."

Der Filmemacher Fatih Akin nennt für den Einbruch der Produktionszahlen ähnliche Gründe wie Dorsay: "Die Leute haben andere Probleme, das ganze Land sitzt in der Krise, die Investitionen fließen nicht mehr, dann kommt der Krieg, und das ganze Geld geht ins Militär." Wirtschaftlich ist die Türkei ein Komapatient, am Tropf zwischen IMF und Weltbank; galoppierende Inflation, Vetternwirtschaft und Korruption lassen Ansätze eines strukturierten Filmförderungs- und Verleihsystems fast völlig zusammenbrechen.

Türkische Filme nach wie vor populär

Dennoch sind türkische Filme beim einheimischen Publikum sehr beliebt, und unter dem Klima eines Raubritterkapitalismus bleiben Filmschaffenden zweierlei Sorten Kino. Nuri Bilge Ceylans "Uzak" ("Fern"), Sieger des nationalen Wettbewerbs in Istanbul, zeigt einen Künstler in der Krise. Wunderschön fotografiert, nicht ohne Komik, ein Kunstfilm: genau das Richtige für Cannes, wo mit "Uzak" erstmals seit 1982 wieder ein türkischer Film im Wettbewerb lief – und prompt zwei Preise errang. Ceylan ist ein typischer Vertreter des türkischen Independent-Kinos.

Filmemacher wie Dervis Zaim, Zeki Demirkubuz, Yesim Ustaoglu setzen auf ästhetische Experimente, soziales Engagement und vor allem auf eine Low-Budget-Finanzierung, die gerne von internationalen Fonds wie "Eurimage" mitgetragen wird. Bei europäischen Festivals ist dieses türkische Kino regelmäßig vertreten. Auf türkischen Leinwänden dominiert indes amerikanischer Mainstream. Off-Kino gelangt kaum ins reguläre Programm und muss oft vom Filmemacher selber vertrieben werden.

Firmen und Banken als Investoren

Bleibt eine zweite Art Kino: Wo der "Uzak"-Regisseur Ceylan sich heroisch weigert, von der Privatindustrie auch nur eine müde Lira anzunehmen, haben andere weniger Skrupel, auf Firmen und Banken als Investoren zurückzugreifen. Ein aktuelles Beispiel ist Mustafa Altioklar. Nachdem der vormalige Arzt mit dem poetischen "Istanbul unter meinen Flügeln" international Beachtung gefunden hat, spekuliert er mit "He's in the Army Now" ("O simdi asker") vor allem auf den Schenkelklopf-Humor des Publikums.

Die Militärkomödie mit dem Personal Hollywoods spielt im Jahr 1999. Der Notstand während des großen Erdbebens bietet einigen verstreuten Drückebergern die Möglichkeit eines auf 28 Tage verkürzten Wehrdienstes. Das ist im Genrerahmen unterhaltsam erzählt, mit über 1,1 Millionen Eintritten der Erfolgsfilm der Saison und mit 1 Million Dollar überaus günstig produziert (die Obergrenze eines türkischen Mainstreamfilms liegt bei 2,5 Millionen).

Mehr als 300 TV-Kanäle in der Türkei

Der Prototyp des kommerziellen Filmemachers ist Sinan Cetin, der in der Art eines Moguls in Werbung, Videos, Gameshows und Soaps mitmischt (die Fernsehschwemme ist ein weiterer Grund für den Niedergang der Kinokultur: Mit 300 TV-Kanälen liegt die Türkei europaweit an der Spitze). Cetins Filme "Propaganda" und "Komisar Shekspir" waren letzthin auch in deutschen Multiplexen zu sehen: Seit "Eskiya der Bandit" (1996) laufen türkische Blockbuster auch auf deutschen Leinwänden – überwiegend rezipiert von türkischen Zuschauern.

Zwischen Askesefilm und Popcornkino, zwischen "Uzak" und "He's in the Army Now" gibt es durchaus auch Verbindendes: In beiden Filmen werden Fabrikschließung und Massenentlassung thematisiert, Landflucht, Migration, Generationenkonflikte; das latente Thema heißt Identitätssuche – persönliche wie nationale.

Die Avantgarde probt gerade den Brückenschlag zwischen Kunst und Kommerz. Ümit Ünals investigativer Thriller "Dokus" ("Neun") spielt ausschließlich in einem Verhörraum. Ein Mord ist geschehen, jetzt folgen wir den Aussagen einzelner Bewohner des Viertels: Nachbarn, Dealer. Durch Parallelmontage werden die Aussagen bestätigt, entkräftet, relativiert, immer wieder; die Rollen – Zeuge, Verdächtigter, Ankläger – gehen ineinander über.

"Dokus" ist gleichermaßen minimalistisch wie stylish, gesellschaftskritisch wie unterhaltsam. Zwischen den Bildern liest sich "Dokus" auch als Gesamtschau, als beeindruckende Momentaufnahme der türkischen Gesellschaft, samt ihrem Filz, ihren widerstreitenden Kräften, ihrem materiellen und ideellen Begehren: zukunftsweisendes Kino zwischen Populismus und Purismus.

Amin Farzanefar

Dieser Artikel erschien 2003 in der Neuen Zürcher Zeitung

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