Familienplanung in Iran

Gratwanderung zwischen Pragmatik und Moral

Trotz der rigiden Moralvorstellung der herrschenden Geistlichkeit hat Iran ein funktionierendes Programm zur sexuellen Aufklärung und zur Familienplanung auf die Beine gestellt. Von Cyrus Schayegh

Trotz der rigiden Moralvorstellung der herrschenden Geistlichkeit hat Iran ein funktionierendes Programm zur sexuellen Aufklärung und zur Familienplanung auf die Beine gestellt. Es hängt aber vollständig vom Staat ab, der die Kontrolle über die gesellschaftliche und moralische Entwicklung des Landes bewahren will. Von Cyrus Schayegh

Foto: Condomi

​​Der Weg zum Erfolg sei steinig gewesen, meint Kamran Hashemi gelassen lächelnd, wenn er von den Anfängen der Kondomfabrik erzählt, die er in Qazvin vor zwölf Jahren gegründet hat. Es habe fünf Jahre gedauert, bis er eine Lizenz für die erste und immer noch einzige Fabrik erhalten habe, die in der Islamischen Republik Präservative herstellt.

Dann habe sich die Fabrik mit Personalproblemen herumschlagen müssen. "Die Leute vermuteten anfangs, dass in der Fabrik Sittenlosigkeit herrsche", erklärt Hashemis Chefingenieur, Mohammed Tahmasab, "die Männer wollten ihre Frauen und Töchter nicht dort arbeiten lassen. Mit der Zeit hat sich die Situation jedoch normalisiert. Die Leute verstehen nun, dass dies eine ganz normale Fabrik ist, und heutzutage arbeiten auch viele junge Frauen hier."

Einbruch im Bevölkerungswachstum

Die pragmatische Haltung der Arbeiterinnen spiegelt einen bevölkerungspolitischen Kurswechsel der politischen und religiösen Elite der Islamischen Republik wider, der das Wachstum der iranischen Bevölkerung, heute rund 70 Millionen, markant verlangsamt hat.

Die jährliche Bevölkerungszuwachsrate ist von durchschnittlich 3,2 Prozent zwischen 1976 und 1986 auf 1,2 Prozent im Jahre 2000 gesunken. Dieser Einbruch ist allerdings nicht nur einer Politik der Behörden zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums zuzuschreiben, sondern den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Familien und der von der islamischen Revolution geförderten Ausbildung der Frauen, die auch zu einem rasanten Zuwachs bei den weiblichen Arbeitskräften geführt hat.

Die Rate von 3,2 Prozent stellt die Spitze eines Bevölkerungszuwachses dar, der in Iran im internationalen Vergleich relativ spät einsetzte.

Im von Seuchen und Hunger geplagten 19. Jahrhundert hatte das Land nie mehr als 10 Millionen Einwohner. Als jedoch zu Anfang des 20. Jahrhunderts die hohe Todesrate im Zug sanitärer und ökonomischer Reformen zu fallen begann, die enorme Geburtenziffer jedoch stabil blieb, explodierte wie vorher schon in Westeuropa die Bevölkerungszahl.

Bis zur Jahrhundertmitte freute dies die intellektuelle und politische Elite Irans ungemein. Mehr Kinder bedeuteten mehr Arbeiter für einen Staat, der sich gegenüber den Industriestaaten auf einer wirtschaftlichen Aufholjagd befand. 1967 wurde ein Programm zur Familienplanung lanciert, das wenig Wirkung zeigte.

Nach der islamischen Revolution wurde der religiös motivierte Widerstand der neuen politischen Elite gegen die Geburtenkontrolle durch den Krieg mit dem Irak verschärft. Mehr Kinder bedeuteten mehr Soldaten für den Staat und mehr Essenscoupons für die Familien, die in einer rationierten Kriegswirtschaft überleben mussten.

Grüne Linie zur Vasektomie

Als Hashemi in den späten achtziger Jahren beim Industrieministerium seine Lizenz beantragte, hatte der Umdenkprozess gerade eingesetzt. Unter dem Eindruck der Informationen von Medizinern und Technokraten wurden sich auch die religiösen Würdenträger des Staats der Langzeitfolgen der Geburtenexplosion bewusst.

Der Revolutionsführer Khomeiny erliess 1988 eine erste Fatwa zum Thema, 1989 wurde ein Programm zur Familienplanung lanciert und 1993 ein wegweisendes Gesetz über Familienplanung und Geburtenkontrolle erlassen. Der Bevölkerungsfonds der UNO begann die Programme zu unterstützen, mit deren Ausführung das nach der Revolution auch auf dem Lande und in den ärmeren Stadtvierteln massiv ausgebaute staatliche Gesundheitssystem beauftragt wurde.

Politischer Wille, die Bereitstellung der nötigen Mittel und motivierte Mediziner und Bürokraten kurbelten das Programm an, das bis heute den Geburtenrückgang, der 1986 einsetzte, politisch und institutionell stützt.

Mehdi Sedghazar, der medizinische Leiter der 1993 eröffneten staatlichen Poliklinik Shahid-e Jaffary im Osten Teherans, ist ein Pionier der ersten Stunde. Auf dem grossen Schild beim Eingang zur Klinik steht "Zentrum für Familienplanung", daneben preist ein separates Schild auf persisch und englisch "Vasektomie und Eileiterligatur" an.

Die gleiche Inschrift ist auf einen speziell dafür errichteten Holzturm gemalt, der schon von weitem gut sichtbar ist. Bei der Eröffnung der Klinik hätten sie erst mal mit der Leiterin der nahe gelegenen Mädchenschule eine Auseinandersetzung gehabt, schmunzelt Dr. Sedghazar, die Dame habe sich um die Wirkung der Schilder auf die Moral ihrer Schülerinnen Sorgen gemacht.

Die Männer, die in den ersten Jahren gekommen seien, seien zudem oft so scheu gewesen, dass man vom Eingang zur Vasektomieabteilung einen grünen Strich auf den Boden malen liess, der den Patienten den Weg wies, ohne dass diese jemanden zu fragen brauchten.

Nun ist die Farbe langsam am Verblassen. Dr. Sedghazar meint, dass die unentwegte Aufklärungsarbeit, die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln und die gratis durchgeführten Eingriffe ihre Früchte trügen.

Im Jahre 2000 waren 2,7 Prozent der zeugungsfähigen Iraner sterilisiert; vor dem patriarchalischen Hintergrund der iranischen Gesellschaft eine bemerkenswert hohe Zahl. Die Zahl fällt jedoch im Vergleich zu den 17,1 Prozent der 15 bis 49 Jahre alten Iranerinnen, die eine Eileiter-Unterbindung hinter sich haben, relativ bescheiden aus.

Der Gebrauch temporärer Verhütungsmethoden spiegelt dieses Bild: Im Jahre 2000 benutzten 5,9 Prozent der Männer Kondome, 30,9 Prozent der Frauen Pillen und andere moderne Verhütungsmethoden.

Einwilligung des Ehepartners

Die zwar abnehmenden, aber immer noch starken Unterschiede in den Geschlechterrollen zeigen sich auch auf rechtlichem Gebiet. Eine Frau braucht in jedem Fall die schriftliche Bewilligung ihres Mannes für eine Unterbindung. In Sedghazars Klinik muss auch die Frau der Vasektomie ihres Mannes zustimmen, doch ist dies in anderen Kliniken nicht nötig.

Es gibt auch andere Unterschiede: Während sich bei Sedghazar jeder Mann und jede Frau unterbinden lassen darf, gibt es andere staatliche Kliniken, die nur Leute mit mindestens zwei Kindern einem Eingriff unterziehen.

Alle Iraner müssen vor der Heirat eine nach Geschlechtern getrennte zweistündige Sitzung besuchen, in der in einer Videovorführung und einem Vortrag vor allem Verhütungsmethoden zur Sprache kommen. Diese Sitzungen finden in der Regel auch in den mit der Familienplanung beauftragten Kliniken statt.

In der Shahid-e-Nur-Saadat-Klinik im Zentrum der Hauptstadt erklärt ein Arzt weder anbiedernd kumpelhaft noch angestrengt ernst den ungefähr 20 Männern im Saal, wie die Pille funktioniert, wie man ein Kondom korrekt gebraucht, aber auch, was die Menstruation ist oder wie man seiner Frau helfen kann, Brustkrebs frühzeitig zu entdecken.

Der Instruktor unterstreicht mehrmals, dass die Frau genauso wie der Mann sexuelle Bedürfnisse hat, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Frage, ob dies denn nicht für die meisten nichts Neues sei, bejaht der Arzt anfänglich, fügt jedoch hinzu, dass seiner Erfahrung nach besonders auf dem Feld der Sexualerziehung viel Unwissen herrsche.

Kontrolle ist besser

Dass die Information zum Thema Familienplanung und Sexualität so stark in staatlicher Hand liegt, hat seinen Grund jedoch nicht nur darin, dass er über die geeignete Infrastruktur verfügt. Vasektomien und Eileiterligaturen dürfen auch von Privatärzten ausgeführt werden und Pillen und Kondome meist ohne weitere Fragen nach dem Zivilstand des Kunden von Ärzten und Apotheken verkauft werden, doch ist die öffentliche Werbung für Kondome verboten.

Dies ist zwar für Hashemi, den Besitzer der Kondomfabrik, der 80 Prozent seiner jährlichen Produktion von 75 Millionen Stück ohnehin ans Gesundheitsministerium verkauft, gar nicht ausschlaggebend. Das Werbeverbot zeigt aber auch, dass sich der Staat die Aufsicht über Familienplanung und Geburtenkontrolle vorbehält, wohl nicht nur, weil diese für die langfristige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes bedeutend sind, sondern wohl auch, weil damit auch die Vermittlung gewisser moralischer Normen einhergeht.

Cyrus Schayegh

© Neue Zürcher Zeitung, 20. Oktober 2004

Der Autor ist Historiker und lebt zurzeit in Teheran.

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