Europa und der Kolonialismus
Ist der Maghreb eine französische Erfindung? 

In seinem Buch "The Invention of the Maghreb“ (dt. Die Erfindung des Maghreb) lädt Abdelmajid Hannoum dazu ein, übliche Bezeichnungen wie  "Maghreb“, "Nordafrika“ oder "Naher Osten“ zu hinterfragen und legt ihre koloniale Wurzel frei. Eine Rezension von Shady Lewis Botros   

Abdelmajid Hannoum, Professor für Anthropologie an der University of Kansas, USA, erläutert in seinem Buch The Invention of the Maghreb: Between Africa and the Middle East die Entwicklung der französischen Kolonien in Nordafrika zu einer geografischen und kulturellen Einheit in Abgrenzung von Afrika und dem Nahen Osten. Hannoum zeichnet die Geschichte des Begriffs "Maghreb“ nach, der von den Strategen der französischen Kolonialverwaltung geprägt wurde. 

Er beschreibt "Maghreb“ als einen Begriff und ein epistemologisches Konstrukt, das viele Wissensgebiete entscheidend geprägt hat. Mit seiner Betrachtung der Geschichte und der Mythen der Region unter postkolonialen Gesichtspunkten schließt Hannoum einen Prozess ab, der bereits mit seinen früheren akademischen Arbeiten auf diesem Gebiet begonnen hat. Insbesondere sind seine folgenden Werke hervorzuheben: Colonial Histories and Postcolonial Memories: The Legend of the Priestess, a North African Heroine (2001) und Violent Modernity: France in Algeria (2010). 

The Invention of the Maghreb steht in einer Reihe mit anderen postkolonialen Studien, die sich vielleicht am ehesten als "Studien über die Erfindung von Begriffen“ bezeichnen lassen. Exemplarisch zu nennen ist hier vor allem The Invention of Tradition von Eric Hobsbawm und Terence Ranger. Weitere Beispiele sind das Referenzwerk The Invention of Africa des kongolesischen Anthropologen Valentin-Yves Mudimbe und The Invention of Decolonization: The Algerian War and the Remaking of France von Todd Shepard.  

Hannoum verweist darauf, dass mit der Erfindung der kolonialen Moderne, d. h. jenes historischen Moments, in dem die Moderne mit der Kolonialherrschaft Einzug in die kolonisierte Welt hielt, nicht einfach neue Strukturen aus dem Nichts geschaffen wurden. Vielmehr schuf sie funktionierende Systeme aus bereits bestehenden Elementen – sowohl historisch als auch lokal. Anders gesagt: Die koloniale Moderne strukturierte das Alte um, indem sie die Methoden neuzeitlichen Wissens und die Mittel der militärischen Gewalt einsetzten, um die kolonialen Ziele zu erreichen und zu rechtfertigen. 

Cover von "The invention of the Maghreb" von Abdelmajod Hannoum erschienen bei Cambridge University Press 2021; Quelle: Verlag
Abdelmajid Hannoum beschreibt in seinem Buch “The Invention of the Maghreb: Between Africa and the Middle East“ "die Entwicklung der französischen Kolonien in Nordafrika zu einer geografischen und kulturellen Einheit in Abgrenzung von Afrika und dem Nahen Osten. In diesem Kontext zeichnet er die Geschichte des Begriffs "Maghreb“ nach, der von den Strategen der französischen Kolonialverwaltung geprägt wurde.“

Die Wurzeln gängiger Bezeichnungen 

Das Buch lädt uns dazu ein, übliche Bezeichnungen zu überdenken, die wir wie selbstverständlich verwenden, als seien sie durch Geographie, Geschichte und Kultur vorgegeben. Dazu zählen beispielsweise die Bezeichnungen "Maghreb“, "Nordafrika“, "Naher Osten“ oder "Subsahara-Afrika". Ist der Maghreb also nichts weiter als eine französische Erfindung? 

Hannoum verweist auf arabische Texte über die Region, in denen von einem "Mittleren Maghreb“, einem "Fernen Maghreb“ (oder Maghreb al-Aqsa) und von "Ifriqiyya“ (für das heutige Tunesien) die Rede ist. Auch gibt es einen Maghreb (oder Westen) als Gegenpol zum Maschrek (oder Osten). Dieser Maghreb kann Teile Libyens oder auch Teile Westafrikas und Südeuropas umfassen, wie in der Zeit von al-Andalus. Später, zur Zeit des Osmanischen Reichs, gilt der Maghreb nicht als ein einziges Gebiet, sondern umfasst auch halbautonome Einheiten wie Tunesien und Algerien. In westlichen Texten aus dem 17. Jahrhundert wird die Region als "Berberei“ oder "Barbarei“ bezeichnet. Zu ihr zählten separate Königreiche – vom Königreich von Tripolis im Osten bis hin zum Königreich Marokko und zur Atlantikküste.  

"In der bonapartistischen Tradition ist die Wissenschaft ein Werkzeug der Herrschaft und der Besatzung", schreibt Hannoum. Die Erfindung des Maghreb habe ihre Wurzeln in Napoleons Ägyptenfeldzug. Als Begleitung der Expertenkommission, die mit dem enzyklopädischen Werk Description de l’Égypte (Beschreibung Ägyptens) betraut war, verfolgte die Expedition auch nichtmilitärische Ziele: Die Soldaten sollten auch Karten zeichnen, sich an archäologischen Ausgrabungen sowie anthropologischen Forschungen beteiligen sowie städtische und ländliche Szenen linguistisch erkunden und porträtieren.

Insofern überrascht es nicht, dass die Pioniere des kolonialen Feldzugs gegen Algerien und die Begründer der Vorstellung vom "Maghreb“ zu denjenigen gehörten, die bereits in Napoleons Expeditionsheer in Ägypten gedient hatten. 

Die Macht der Landkarten 

Das Buch versteht Landkarten als Konstrukte der jeweils herrschenden Kräfte. Ihrer scheinbaren Einfachheit zum Trotz genießen kartographische Daten eine einzigartige Autorität. Hannoum geht der Frage nach, wie Karten kulturell hervorgebracht wurden, denn die Einzelheiten ihrer Darstellung offenbaren etwas über den kartographierten Ort. 

Anhand des Kartenmaterials zeigt er, wie sich das Bild der Region von der Römerzeit über die Werke des arabischen Kartographen Muhammad al-Idrisi (1099-1166) bis hin zu den europäischen Karten des 17. Jahrhunderts gewandelt hat. Die europäischen Karten jener Zeit teilen die Welt in einen Teil im natürlichen Besitz von Feudalherren und einen anderen Teil, in denen Chaos und Barbarei herrschen.

Nach Vorstellung der Bonapartisten und in der Tradition der griechischen Antike gehört Ägypten wahlweise zu Asien oder es gehört weder zu Afrika noch zu Asien oder es liegt irgendwo dazwischen. Jedenfalls wird Ägypten nicht als Teil Afrikas dargestellt, insbesondere nachdem es unter britische Herrschaft gefallen war.

Die neokolonialen Karten Nordafrikas folgten den römischen Karten, denn Kontinuität war ein wesentliches Merkmal der kolonialen Ideologie. So wurden die lateinischen Namen  ins Französische übersetzt. Die kolonialen Karten zeigen die Region als eine Erweiterung Frankreichs, so wie die Länder, die die Karte umfasst, als eine Erweiterung Frankreichs dargestellt werden.  Gleichzeitig wurden lateinische und arabische Schriften in die Begrifflichkeit des 19. Jahrhunderts übersetzt. 

Napoleon Bonaparte vor der Sphinx in Gizeh von Jean-Leon Gerome; Quelle: wikimedia commons
"In der bonapartistischen Tradition ist die Wissenschaft ein Werkzeug der Herrschaft und der Besatzung", schreibt Hannoum. Die Erfindung des Maghreb habe ihre Wurzeln in Napoleons Ägyptenfeldzug. Als Begleitung der Expertenkommission, die mit dem enzyklopädischen Werk Description de l’Égypte (Beschreibung Ägyptens) betraut war, verfolgte die Expedition auch nichtmilitärische Ziele: Die Soldaten sollten auch Karten zeichnen, sich an archäologischen Ausgrabungen sowie anthropologischen Forschungen beteiligen sowie städtische und ländliche Szenen linguistisch erkunden und porträtieren. Insofern überrascht es nicht, dass die Pioniere des kolonialen Feldzugs gegen Algerien und die Begründer der Vorstellung vom "Maghreb“ zu denjenigen gehörten, die bereits in Napoleons Expeditionsheer in Ägypten gedient hatten.   

Die Abgrenzung Ägyptens vom arabischen Maghreb wurde mit einer willkürlich vorgenommenen Trennung zwischen der ägyptischen Sahara und der Sahara im Maghreb begründet. Das dazwischen liegende Libyen – damals unter italienischer Herrschaft –  wurde entweder von Marokko abgetrennt oder in drei Sektoren aufgeteilt: Einer gehörte zu Ägypten, ein anderer zu Marokko und der dritte zur Sahara oder zu Subsahara-Afrika. 

"Schwarzafrika“ und "Weißafrika“ 

Der französische Geograph und Forschungsreisende Émile-Félix Gauthier legte die ersten Grundlagen für die Geographie eines "weißen Afrikas“. Der Begriff "weiß“ war nicht mehr ausschließlich den Europäern vorbehalten. Da Afrika aber per Definition "schwarz“ war, wurde der "Großmaghreb“ zu einer eigenständigen Einheit.

Die Sahara wurde als der Raum für die Überschneidung von "Weiß“- und „Schwarzafrika“ gesehen und den Tuareg die Rolle zugeschrieben, zwischen beiden Ethnien zu stehen. Später wurde die marokkanische Sahara dem französischen Nordafrika zugeschlagen. Parallel dazu wurde der Nahe Osten auf der anderen Seite der Landkarte erdacht – getrennt vom "Großmaghreb“, der sich wiederum von Afrika abgrenzte. 

"Archäologie spricht nicht für sich selbst, sondern bedarf der Deutung durch Archäologen, sodass sprachlose Objekte in Symbole für erfundene Traditionen überführt werden können“, schreibt Hannoum. Er definiert Geschichte als ein koloniales Wissensprojekt, das die Gegenwart aus dem Verständnis der Vergangenheit zu bestimmen versucht.

In seinem Buch zeichnet er die Rolle der französischen Archäologie für die Rechtfertigung des Kolonialismus und die Abgrenzung des Maghreb von Afrika nach. Seit den Ausgrabungen in Karthago (heute Tunesien) unter Federführung der Weißen Väter (Gesellschaft der Missionare von Afrika) versuchte die französische Kolonialverwaltung, eine christliche Geschichte der Region zu finden. In dieser kolonialen Vorstellung war die christliche Geschichte vor allem durch die römischen Ausgrabungsstätten belegt. 

Ägypten und der Irak wurden der Antike zugeordnet, während der "Maghreb“ in dieser Vorstellung zum alten Rom gehörte. Die Romanisierung Algeriens durch archäologische Ausgrabungen erfolgte parallel zur Französisierung des Landes. Die Kolonialverwaltung gliederte die Länder des Maghreb in Regionen, die sich an die historische Gliederung während des Römischen Reiches anlehnten. Die Bezeichnungen für die Länder wurden auf Französisch und auf Latein in die Karten geschrieben. Die archäologischen Zeugnisse der Punier, Berber und Araber galten als weniger wichtig.

Vergangenheit und Gegenwart dieser Gebiete wurden so zu einem Teil des Westens. Die Vergangenheit gehörte zu Rom und die Gegenwart war ein Teil Frankreichs als dessen rechtmäßigem Erben. Die Araber wurden dagegen als Invasoren betrachtet. Daraus entstand ein neuer Name für die Region: "Lateinafrika“. 
 

 

Die Rolle von Ethnie und Sprache 

Mit Blick auf Ethnie und Sprache trug die kolonial geprägte Anthropologie wesentlich dazu bei, die kolonisierten Gesellschaften in Einheiten zu unterteilen, die weder zu groß noch zu klein waren und die man leicht verstehen und verwalten konnte. Hannoum geht auf die Schriften europäischer Reisender und Händler in der Region ein, denen die ethnische Vielfalt der Einwohner nicht entgangen war. Diese Vielfalt aus jüdischen, türkischen, arabischen, maurischen, Berber- und Tuareg-Elementen verschwand nach der Besetzung Algeriens unvermittelt aus den französischen Schriften. Ersetzt wurde sie durch eine Aufteilung, die Araber und Berber gegenüberstellte. 

In dieser von Rivalität, Gewalt und Unterwerfung geprägten dualen Welt waren die Araber dunkelhäutige Invasoren und Fanatiker, während die Berber "weiß“ waren, sich wenig aus Religion machten und den europäischen Siedlern ethnisch näher standen. So ließ sich der Kolonialismus mit der Erzählung von der Rettung der Berber rechtfertigen, die als Halbeuropäer vor der Versklavung durch die eindringenden Araber befreit wurden. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus der ethnischen Verschiedenheit eine sprachliche Trennung und aus der sprachlichen Trennung die kulturelle Differenz. Die Rivalität zwischen Arabern und Berbern verwandelte sich in den Kampf zwischen dem Arabischen und den Berbersprachen. Das allerdings war eine eher oberflächliche Verschiebung. Nach der Ideologie der kolonialen Linguistik fand die Vermischung und Vermengung der Sprachen entlang ethnischer Linien statt. Das Studium des Arabischen wurde in Frankreich zum Studium der Orientalistik. Die Berbersprachen wurden von Armeeoffizieren und Kolonialverwalten in Algerien erlernt.

In diesem System galt das Arabische im Verhältnis zu den Berbersprachen als Sprache des Aggressors und gegenüber dem Französischen als tote Sprache. Das logische Ergebnis dieser Spannungen zwischen Arabisch und den Berbersprachen war die Dominanz des Französischen als einer Alternative zu beiden Sprachen. 

Wer die "Erfindung des Maghreb“ verstehen will, darf nicht nur in kolonialen Archiven stöbern. Vielmehr sollten wir uns die Theorien und Schriften ansehen, die von den Menschen in der Region im Kampf um die Unabhängigkeit und nach dem Ende der Kolonialzeit verfasst wurden – ganz gleich ob es sich um islamische, arabische oder afrikanische Quellen handelt. Nach Ansicht von Hannoum sind diese Erzählungen weiterhin in den kolonialen Strukturen von Sprache, Begrifflichkeit und Denkweise verhaftet. 

Shady Lewis Botros 

© Qantara.de 2023 

Übersetzt aus dem Arabischen ins Englische von Chris Somes-Charlton  

Aus dem Englischen übersetzt von Peter Lammers
 

Abdelmajid Hannoum, "The Invention of the Maghreb: Between Africa and the Middle East“ (dt. "Die Erfindung des Maghreb: Zwischen Afrika und dem Nahen Osten“), Cambridge University Press 2021

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