Nachdem Großbritannien beim EM-Finale gegen Italien verloren hat, hagelt es rassistische Beleidigungen gegen drei Spieler.
EURO 2020: Rassismus im Fußball

Nicht verschossene Elfmeter, Rassisten sind das Problem

Die Final-Pleite gegen Italien schmerzt England - doch die rassistischen Beleidigungen gegen Saka, Sancho und Rashford schmerzen mehr. Denn sie offenbaren einen Riss in Englands Gesellschaft, meint Joscha Weber.

Gewinnen sie, sind sie Helden. Verlieren sie, sind sie Affen. So einfach ist das für manche. Und so menschenverachtend. Was sich nach den verschossenen Elfmetern von Bukayo Saka, Jadon Sancho und Marcus Rashford in den sozialen Netzwerken entladen hat, ist mehr als nur Frust über ein denkbar knapp verlorenes EM-Finale gegen Italien. Es ist eine Schande für England, die das erneute Scheitern in einem Elfmeterschießen bei weitem in den Schatten stellt.

Man kann verlieren, aber nicht so. Nur Augenblicke nachdem Bukayo Saka den Ball halb hoch aufs rechte Eck geschossen und Italiens Keeper Gianluigi Donnarumma diesen glänzend pariert hatte, poppten sie auf, die Nachrichten des Hasses: Affen-Emojis, dazu Bananen, Gorillas und Schimpansen erschienen in den Kommentaren zu Posts in Sakas Instagram-Account. Es sind unzählige. "Nach Hause nach Afrika" gehe es für Saka nun, schrieb ein Twitter-User. Andere Botschaften sind so widerlich, dass man sie gar nicht wiederholen möchte.

Alte Ressentiments sitzen immer noch tief

Rassismus ist, das zeigt diese traumatische Final-Nacht für das Mutterland des Fußballs, immer noch ein Problem in England und im Sport. Trotz aller Appelle, Kampagnen und Dementis. Der Hass ist da. Und wenn es im Angesicht der schmerzlichen Niederlage Sündenböcke braucht, nimmt man halt ein paar junge, schwarze Spieler.

Dass zuvor im Spiel, etwa mit dem chaotischen Abwehrverhalten beim 1:1 durch Leonardo Bonucci, auch andere englischen Spieler Fehler machten - Nebensache. Die selektive Wahrnehmung vieler "Fans" zeigt, wie tief alte Ressentiments immer noch sitzen. Übrigens nicht nur in England, wie der Umgang mit Mesut Özil in Deutschland offenbarte.

 

 

Zwar sind Affenlaute und rassistische Schmähgesänge im Stadion auch dank der Gegenwehr aus der aktiven Fanszene vielerorts selten geworden. Und von breiten Teilen der Gesellschaft erfahren die drei unglücklichen Elfmeterschützen viel Solidarität.

Auch die Jüngsten sind weiterhin betroffen

Doch in der scheinbaren Anonymität der sozialen Netzwerke lebt der Rassismus weiter. Auch, weil er noch immer Teil der britischen Gesellschaft ist, sogar bei den Jüngsten: 95 Prozent der befragten schwarzen Jugendlichen einer Studie von Ende 2020 sagte, dass sie schon rassistische Aussagen in der Schule erlebt haben, 78 Prozent an ihrem Arbeitsplatz.

 

Und während fast zwei Drittel der Briten meinen, dass Rassismus im großen oder erheblichen Ausmaß in der Gesellschaft vorkommt, versucht die konservative Regierung das Problem in einem ausführlichen Report herunterzuspielen, wonach Ungleichbehandlung und Diskriminierung mehr auf sozio-ökonomische Nachteile als auf die Hautfarbe zurückzuführen wären. Eine fatale Fehleinschätzung, urteilen auch Experten der Vereinten Nationen.

Wenn jetzt also Premier Boris Johnson die rassistischen Beleidigungen als "beschämend" verurteilt, ist dies ein richtiges und wichtiges Zeichen im Kampf gegen Diskriminierung. Aber es bleibt die Frage, warum er und seine Regierung Rassismus im Alltag nicht stärker bekämpfen. Es wäre bitter nötig. Und nicht nur, wenn es um drei prominente Fußballer geht.

Joscha Weber

© Deutsche Welle 2021

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