Essay des Islamismusexperten Gilles Kepel

Der neue Dschihad und seine Mentoren

Islamistische Attentate wie in Paris zeigen einen neuen Tätertyp. An die Stelle einzelner Terrororganisationen scheinen Netzwerke getreten zu sein, die den kulturellen Bruch predigen und radikale Taten provozieren. Von Gilles Kepel

Am 3. Oktober 2019 griff ein Informatiker, der im Pariser Polizeipräsidium arbeitete und für die Bekämpfung des Dschihadismus zuständig war, fünf Arbeitskollegen mit Messern an und tötete vier von ihnen, bevor er von einem Polizisten erschossen wurde. Mickaël Harpon, geboren auf den Französischen Antillen und teilweise taub, war 2008 zum Islam übergetreten.

In der Kleinstadt Gonesse, in der er lebte, besuchte er eifrig eine Moschee, deren Hauptimam einer mit den Muslimbrüdern verbundenen Vereinigung, dem "Conseil Théologique des Musulmans de France", angehört. Ein weiterer Imam, ein marokkanischer Staatsbürger, der seit 2017 die täglichen Gebete leitet, wurde wegen seiner radikal-salafistischen Predigten von den Sicherheitsbehörden als Gefährder eingestuft und 2015 bereits einmal ausgewiesen.

Der Ausweisungsbeschluss wurde jedoch aufgehoben, und der Imam kam an die Gonesser "Mosquée de la Fauconnière", nachdem ihn eine benachbarte muslimische Kultstätte entlassen hatte, weil er "mit dem Gesindel Chaos an der Moschee angerichtet hatte", wie der frühere Ortsbürgermeister und gegenwärtige Abgeordnete des Wahlbezirks zitiert wird.

Aufgrund eines für den Dschihadismus keineswegs ungewöhnlichen Zufalls fand die Bluttat am selben Tag statt, an dem im benachbarten Gerichtsgebäude der Prozess gegen das weibliche Kommando stattfand, das am 4. September 2016 versucht hatte, unweit von Notre-Dame – und ebenfalls ganz in der Nähe des Polizeipräsidiums – eine Autobombe zur Explosion zu bringen.

Überinterpretierte religiöse Dimension?

An diesem Morgen behandelte das Gericht auch den Fall einer gleichfalls zum Islam übergetretenen Frau, die einen Polizisten, der sie festnehmen wollte, mit einem Messer angegriffen hatte. Der Islamische Staat (IS) hatte in Raqqa die Verantwortung für diesen Anschlag übernommen. Er hatte seine Täterinnen manipuliert – Frauen niedrigen intellektuellen Niveaus, von denen manche unter schweren psychischen Problemen litten.

Für Mickaël Harpons Tat haben auch zehn Tage danach weder der IS noch eine andere dschihadistische Organisation die Verantwortung übernommen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während einer Trauerfeier für die vier ermordeten Polizisten; Foto: Reuters
Ein europäischer Dschihadismus der "vierten Generation"? Der Angreifer, der in der Pariser Polizeidirektion vier Menschen getötet hat, war nach Angaben der französischen Anti-Terror-Staatsanwaltschaft Anhänger einer radikalen Form des Islam. Er habe eine radikale Sichtweise des Islam vertreten und Kontakte zu Mitgliedern der radikalislamischen Salafistenbewegung gehabt, so die Staatsanwaltschaft.

Soweit sich der geistige Weg des Mörders rekonstruieren lässt, fasste er den Entschluss ganz allein. Die Fachleute für den Islamismus in Frankreich debattieren heute über die Frage, ob nun der kulturelle Bruch mit den Werten der "ungläubigen" Gesellschaft, den die salafistischen oder den Muslimbrüdern nahestehenden Imame herbeizuführen versuchen (ohne dass sie explizit zu Gewalt aufriefen), einen Menschen zu der Bluttat vom 3. Oktober veranlasst hat, der zudem wegen seiner Taubheit psychisch belastet war, oder ob die religiöse Dimension seines Verbrechens überinterpretiert wird.

Sollte sich die erste Hypothese als zutreffend erweisen, besteht nach Ansicht des Hochschullehrers und Bühnenautors Rachid Benzine die Gefahr, dass sich in der Gesellschaft ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Islam schlechthin und nicht nur gegenüber militanten Islamisten oder Dschihadisten entwickelt. Dieses Misstrauen wird nur noch verstärkt von all jenen, die behaupten, das Verbrechen habe "nichts mit dem Islam zu tun".

Ideologen des kulturellen Bruchs

In Frankreich, dem europäischen Land mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil, finden wir damit eine Diskussion, wie sie auch in Deutschland geführt wird. Im Falle Frankreichs, wo die laizistisch und progressiv eingestellte Intelligenz (zu der auch der Autor dieser Zeilen gehört) stets hoffen möchte, dass die Religionszugehörigkeit keine wesentliche Determinante der Identität darstellt und die Sozialisation zu einer Emanzipation führt, die eine Übereinstimmung in den Schlüsselwerten der Republik – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – erlaubt, wirft die Affäre Harpon ein größeres Problem auf.

Es ist die Frage, wie denn "Radikalisierung" zu definieren ist. Hat dieser Begriff eine operative Bedeutung? Oder ist er lediglich eine unscharfe Sammelbezeichnung, die uns hindert, ein ideologisches Kontinuum zu denken, das vom kulturellen Bruch der Salafisten und Muslimbrüder mit den Werten der westlichen Demokratie im Namen der Scharia auf der einen Seite bis hin zum Einsatz von Gewalt auf der anderen reicht?

Der wichtigste Theoretiker der ägyptischen Muslimbrüder, Sayyid Qutb, hatte in seinem Buch "Wegzeichen", dem bis heute einflussreichsten Manifest islamistischer Politik, auf den taktischen Unterschied zwischen der "Phase der Schwäche" (istid'af) und der "Phase der Stärke" (tamkîn) im Kampf um die Schaffung des islamischen Staates zur Zeit des Propheten Mohammed hingewiesen.

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