Ein Besuch bei Mansoura ez-Eldin

Eine Literatur der Intimität

Die junge ägyptische Autorin Mansoura ez-Eldin gehört zu den vielversprechenden Autorinnen ihrer Generation. In ihren Romanen zeichnet sie ein einfühlsames Bild des modernen Lebens am Nil. Axel von Ernst hat sie an ihrem Arbeitsplatz in Kairo besucht.

Die junge ägyptische Autorin Mansoura ez-Eldin gehört zu den vielversprechenden Autorinnen ihrer Generation. In ihren Romanen zeichnet sie ein einfühlsames Bild des modernen Lebens am Nil. Axel von Ernst hat sie an ihrem Arbeitsplatz in Kairo besucht.

Mansoura ez-Eldin; Foto: Axel von Ernst
Mansoura ez-Eldin ist Schriftstellerin und arbeitet bei Akhbar al-Adab, eines der wichtigsten Literaturmagazine Ägyptens.

​​ Obwohl die Umgebung immer weniger darauf schließen lässt, dass wir zu einer der größten Zeitungen Ägyptens unterwegs sind, fährt der Taxifahrer entschlossen weiter. Die Menschen am Straßenrand sehen mit jedem gefahrenen Kilometer ärmlicher aus, die Häuser werden zusehends kleiner und verfallener. Dann, ganz plötzlich und wie aus dem Nichts, ragt vor uns ein moderner Marmor-und-Glas-Koloss auf: das Gebäude der wöchentlich erscheinenden Akhbar el Yom.

Im angenehm steinern-kühlen Foyer führen gleich vier Portiers hinter einem Schalter eine Passkontrolle durch (eine Prozedur, die dadurch verkompliziert wird, dass ich meinen Pass nicht bei mir habe) und versuchen mich anzumelden. Herren in Anzügen eilen vorbei, vermutlich wichtige Journalisten auf dem Weg zu einem wichtigen Termin.

Die Zeitung selbst interessiert mich im Grunde gar nicht. Ich bin mit einer jungen ägyptischen Autorin verabredet, die hier als Redakteurin arbeitet. Ihr Name: Mansoura ez-Eldin.

Und natürlich bin ich etwas vorbereitet. Ich weiß, dass sie 1976 in einem Ort im Nildelta geboren wurde, dass sie 1998 ihr Publizistik-Studium in Kairo abgeschlossen und zunächst beim Fernsehen gearbeitet hat, und ich habe gelesen, was von ihr in englischer Sprache zur Verfügung stand.

Das britische Magazin "Banipal" beispielsweise veröffentlichte 2005 aus ihrem ersten Buch, dem 2001 erschienenen Erzählungsband "Dhawa Mutaz" ("Verwackeltes Licht"), die Kurzgeschichte "Butrus: Ein fernes, verschwommenes Gesicht". Und auch ihr Debüt-Roman von 2004 "Matabat Maryam" ("Maryams Labyrinth") erschien 2007 in der Übersetzung von Paul Starkey bei AUC Press.

Eine kleine Ecke für große Literatur

Ich werde schließlich mit dem Fahrstuhl hinaufgefahren; zwischendurch öffnet sich die Tür der Atmosphäre zu urteilen auf der Chefetage, ausgestiegen wird aber in einem schlichteren Stockwerk, wo alles recht kahl, aber großzügig und hell ist. Der Weg führt dann allerdings nach links in einen sehr kleinen Raum hinein und an einen sehr kleinen und vollen Schreibtisch in einer sehr kleinen und engen Ecke direkt an der Tür.

​​Damit wird klar, dass die Literatur auch hier keine größere Bedeutung besitzt als überall sonst auf der Welt, denn hier arbeitet Mansoura ez-Eldin für das Literaturblatt Akhbar al Adab – das bedeutendste literarische Organ des Landes.

Mansoura selbst scheint etwas beschämt, mir nichts Gewaltigeres bieten zu können, platziert mich auf ein Stühlchen, macht mir auf ihrem Tisch etwas Platz für eine Tasse Tee und verschwindet dann fast komplett hinter den Stapeln mit Rezensionsexemplaren, als sie sich setzt.

Auch hinter ihr im Schrank stapeln sich Bücher und Manuskripte. Mansoura ist mir sofort sympathisch, weil sie warmherzig, intelligent und zurückhaltend wirkt. Wir unterhalten uns zunächst über ihre Arbeit hier, über Akhbar al Adab und die Rubriken des Magazins (z.B. "Ost und West", "Büchergarten").

International berühmte Autoren erscheinen hier in ersten Übersetzungen, neue ägyptische Talente mischen sich mit bekannten Namen, es gibt Buchbesprechungen und viel Lyrik. Die Auflage ist mit wöchentlich 20.000 Exemplaren sehr ansehnlich.

Literatur ohne Förderung

Dann spreche ich ihr eigenes Schreiben an, zunächst ihre Anfänge. Eine Art von Autorenförderung gibt es in Ägypten nicht, und so hat auch Mansoura in ihren verschiedenen Jobs gearbeitet, zusätzlich ihre Texte geschaffen und sich zu den Zirkeln in den literarischen Cafés getroffen.

Alaa al Aswani; Foto: AP
Alaa al Aswani ist einer der renomiertesten ägyptischen Schriftsteller.

​​ Besonders bedeutend für die gesamte junge Literaturszene waren insbesondere die Dienstagstreffen junger Autoren mit Alaa al Aswani, der inzwischen, was die Bewunderung und den Einfluss betrifft, Nagib Machfus zu beerben beginnt.

Dann veröffentlichte Mansoura erste Texte in Zeitungen und Magazinen – bis der renommierte Verlag Merit ihr erstes Buch herausbrachte, dem drei Jahre später der viel beachtete Debütroman "Maryams Labyrinth" folgte.

Traum-Psychogramm einer intellektuellen Ägypterin

"Es heißt", so beginnt im Roman die Geschichte Maryams, "wenn jemand im Traum bei einem tödlichen Hieb stirbt, wird er im selben Moment in der wirklichen Welt umgekommen sein. In gleicher Weise wird, wenn jemand in einem Traum aus großer Höhe stürzt und er auf dem Boden aufschlägt, sein Herz sofort stehenbleiben. Wie konnte es also sein, dass Maryam noch lebte?"

Von hier entspinnt sich die Geschichte der jungen Heldin, nachdem sie an einem unbekannten Ort aus einem gewalttätigen Traum erwacht ist und nun versucht, in ihr altes Dasein und zu den Menschen ihres alten Daseins zurückzukehren.

Dabei entwickelt sich trotz der alptraumhaft-schrägen Atmosphäre ein in warmherzig-reflexivem Stil gezeichnetes Bild des modernen Lebens in Ägypten und vor allem das Psychogramm einer jungen intellektuellen Ägypterin von heute.

Das Intime als literarischer Topos

In ihrer Kunst, erklärt mir Mansoura, will sie besonders dem Innenleben ihrer Figuren nachforschen, sie will psychologische Vorgänge verstehen und verständlich machen, sie will individuelle Erfahrungen beschreibend vermitteln. Dies macht (abgesehen von der sozusagen international gültigen Qualität) in einer Kultur, wo das Intime gerade nicht nach außen getragen wird, die besondere Modernität ihres Schreibens aus.

Als ich mich im Kairoer Zeitungsgebäude von ihr verabschiede (nachdem sie mich zurück nach unten ins Foyer begleitet hat), ist durch die persönliche Begegnung jedenfalls auch mein Eindruck noch einmal verstärkt worden, in Mansoura ez-Eldin einer Autorin begegnet zu sein, von der noch viel zu erwarten ist.

Axel von Ernst

© Qantara.de 2009

Axel von Ernst ist freier Autor und Mitverleger des Lilienfeld Verlages. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Qantara.de

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