Spiel der Gruppe E beim Asian Cup 2019 zwischen Katar und Saudi-Arabien; Foto: Getty Images/AFP/K. Desouki
Die Sportpolitik Saudi-Arabiens

Raus aus dem Abseits

Bei den Olympischen Spielen in Tokio trifft das Fußballteam Saudi-Arabiens auf die deutsche Mannschaft. Dieses Spiel bietet einerseits eine Chance für den Außenseiter, sich sportlich ins Rampenlicht zu kicken. Aber das Königreich will auch im Fußballgeschäft endlich mit den Großen mitspielen – um seine Macht auszubauen und das angeschlagene Image des Königreichs zu verbessern. Doch diese Strategie birgt Risiken, wie Sebastian Sons schreibt.

Wenn am 25. Juli die "Grünen Falken“, das Fußballteam Saudi-Arabiens, in der Vorrunde des olympischen Fußballturniers gegen die deutsche Mannschaft antreten, ist das für das Königreich mehr als nur ein Spiel. Die "Helden“, eine Mannschaft, in der nur Spieler der heimischen Saudi Professional League vertreten sind, gelten vielen als Versprechen auf die Zukunft. Auch deswegen steht das Team durchaus unter Druck; immerhin ist es die erste Olympiateilnahme des saudischen Fußballteams seit 1996. Damals endete das Abenteuer in Atlanta mit drei Niederlagen. Olympia ist somit die Chance, der Welt zu beweisen, dass sich das Königreich mit den Besten messen kann – nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch darüber hinaus.

In der saudischen Sportpolitik fristete der Fußball lange Zeit ein Schattendasein. Dies ändert sich allerdings in den vergangenen Jahren: Für den einflussreichen Kronprinzen Mohammad bin Salman ist Fußball nicht nur ein Sport, sondern vor allem ein Instrument, um den Einfluss Saudi-Arabiens auf internationaler Bühne auszubauen. Sport dient ihm als wichtiger Pfeiler des saudischen "Nation Branding“. Mit der Ausrichtung von Boxkämpfen wie zwischen den Schwergewichtsstars Anthony Fury und Tyson Fury oder der Dakar Rallye hat man begonnen, sich im Sportbusiness zu etablieren.

Im Herbst findet in Saudi-Arabien zum ersten Mal ein Formel-1-Rennen statt. Insgesamt soll Saudi-Arabien mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar in solche "Sportswashing“-Events investiert haben. Der Kronprinz möchte so das angeschlagene Image des Königreichs wegen der schlechten Menschenrechtslage, dem Krieg im Jemen oder der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018, in die er verwickelt gewesen sein soll, aufpolieren.

Im Wettstreit mit den Emiraten und Katar

Damit eifert der ambitionierte Kronprinz den beiden Nachbarstaaten Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) nach, die bereits seit vielen Jahren den Sport als integralen Bestandteil ihres Geschäftsmodells sehen. Größter Erfolg dieser Strategie ist natürlich die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft durch Katar im kommenden Jahr oder das Investment in Schwergewichte des europäischen Spitzenfußballs wie Paris St. Germain (PSG) oder den FC Barcelona.

Der brasilianische Stürmer Neymar (re.) im Zweikampf mit dem argentinischen Verteidiger Renzo Saravia (li.) während eines Freundschaftsspiels in Saudi-Arabien; Foto: Getty Images/AFP
Der brasilianische Stürmer Neymar (re.) vom Fußballclub Paris St. Germain (PSG) während eines Freundschaftsspiels in Saudi-Arabien. Als PSG den Superstar im Juni 2017 einkaufte, handelte es sich um den bislang teuersten Transfer der Fußballgeschichte. Neymar wurde für 222 Millionen Euro erworben – mit Geld des katarischen Staatsfonds. Für Katar und auch für die Vereinigten Arabischen Emiraten ist der Sport bereits "seit vielen Jahren ein integraler Bestandteil ihres Geschäftsmodells“, schreibt Sebastian Sons. Saudi-Arabien will nachziehen und sieht die beiden Schwergewichte am Golf dabei als seine Hauptkonkurrenten.

Im Juni 2017 realisierte PSG den bislang teuersten Transfer der Fußballgeschichte, indem man den brasilianischen Superstar Neymar für 222 Millionen Euro erwarb – mit Geld des katarischen Staatsfonds. Qatar Airways sponsert nicht nur den FC Bayern München, sondern auch die Fußball-Europameisterschaft. Zuletzt gab es Gerüchte, Qatar Airways könnte mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ins Geschäft kommen, was zu massiver Kritik in der deutschen Öffentlichkeit führte und von Katar sofort dementiert wurde.

Die VAE stehen Katar in dieser Hinsicht kaum nach: Ihre milliardenschweren Investitionen in den englischen Spitzenclub Manchester City haben das Team aus dem Nordwesten Englands zu einem der finanzstärksten Vereine der Welt gemacht. So wurde das Champions League-Halbfinale 2021 zwischen PSG und Manchester City auch als "Kräftemessen der Emire“ bezeichnet.

Von solchen Erfolgen träumt auch Muhammad bin Salman: Der Kronprinz muss Saudi-Arabien wirtschaftlich radikal umbauen und vom Erdöl unabhängiger machen. In Zeiten gesunkener Ölpreise und der Corona-Pandemie leidet das Königreich mehr denn je unter hoher Arbeitslosigkeit und einer steigenden Inflation.

Die "Brot und Spiele“ - Strategie der Saudis

Die einende Kraft des Fußballs soll in solchen Krisenzeiten Ablenkung bieten und ist Teil der saudischen "Brot-und-Spiele“-Strategie. Der Kronprinz möchte ein nationalistisches Wir-Gefühl schaffen und seine eigene Position als zukünftiger König konsolidieren.

Weiterhin ist der Fußball zu einer Projektionsfläche im regionalen Konkurrenzkampf geworden: Der Kronprinz will das lange Zeit isolierte und erzkonservative Königreich zu einer neuen regionalen Handelsdrehscheibe ausbauen und fordert damit den Status von Katar und den VAE heraus – auch und insbesondere im Sportbusiness. So war die "Golfkrise“ zwischen Saudi-Arabien, den VAE, Bahrain und Ägypten auf der einen und Katar auf der anderen Seite zwischen 2017 und Januar 2021 nicht nur ein Wettstreit um die ideologische und wirtschaftliche Hegemonie am Golf, sondern auch um die sportliche Vormachtstellung.

Saudi-Arabien und die VAE neideten Katar die Ausrichtung der WM, während Katar mit dem Neymar-Transfer ein Exempel statuierte, um klarzumachen, man werde unter dem Druck des "Blockadequartetts“ nicht einknicken. Und als selbst Marokko sich zu Beginn der "Golfkrise“ nicht eindeutig auf die Seite Saudi-Arabiens schlug, kam es zu einem handfesten Eklat: Gemeinsam mit anderen verbündeten arabischen Staaten entzog Saudi-Arabien Marokko seine Unterstützung für dessen Bewerbung zur Ausrichtung der Fußball-WM 2026. Stattdessen stimmte Saudi-Arabien für die Mitbewerber USA, Mexiko und Kanada, die am Ende den Zuschlag erhielten.

Saudi Arabien Kronprinz Mohammed bin Salman: Foto: Bandar Al Ghaloud/Saudi Royal Court/Reuters
Für den einflussreichen Kronprinzen Muhammad bin Salman ist Fußball nicht nur ein Sport, sondern vor allem ein Instrument, um den Einfluss Saudi-Arabiens auf internationaler Bühne auszubauen. Sport dient ihm als wichtiger Pfeiler des saudischen "Nation Branding“. Das Königreich leidet derzeit unter hoher Arbeitslosigkeit und einer steigenden Inflation. Die einende Kraft des Fußballs soll Ablenkung bieten und ist Teil der saudischen "Brot-und-Spiele“-Strategie. Der Kronprinz möchte ein nationalistisches Wir-Gefühl schaffen und seine eigene Position als zukünftiger König konsolidieren.

Bislang ist es Saudi-Arabien jedoch noch nicht gelungen, sich als dominanter Player im internationalen Fußballgeschäft zu positionieren. So wurden Pläne des vom Kronprinzen geleiteten saudischen Investmentfonds, den englischen Klub Newcastle United zu übernehmen, von der Premier League abgelehnt – trotz einer Intervention des Kronprinzen beim britischen Premierminister Boris Johnson. Hintergrund dieser Absage war zum einen die Ermordung Khashoggis. Zum anderen stieß den Offiziellen der Rechtsstreit zwischen Saudi-Arabien und Katar um die TV-Übertragungsrechte wichtiger Sportereignisse auf: So hatte Saudi-Arabien 2017 begonnen, die Sendesignale des katarischen Sportsenders BeIN bei wichtigen Fußballturnieren wie der WM 2018 zu blockieren.

Erbarmungsloser Machtkampf

Was folgte, war ein erbarmungsloser Machtkampf: Saudi-Arabien gründete einen Piratensender mit dem vielsagenden Namen beOutQ (wofür das "Q“ für "Qatar“ stand), der die Bilder von BeIN illegal nutzte, um seiner Bevölkerung die Spiele trotz der Katar-Blockade zugänglich zu machen. Gleichzeitig wurden in den Halbzeitpausen animierte Clips gezeigt, die Katar diffamierten, so dass beOutQ zu einem Propagandainstrument der saudischen Anti-Katar-Politik wurde. Im Gegenzug legte Katar 2018 Beschwerde gegen den Piratensender bei der Welthandelsorganisation ein, die das saudische Vorgehen verurteilte.

Selbst das im August 2019 begonnene Investment des saudischen Geschäftsmannes und engen Vertrauten des Kronprinzen, Turki al-Sheikh, in den spanischen Durchschnittsverein UD Almería geriet eher zur internationalen Lachnummer als zum Angriff auf die von den VAE und Katar finanzierten Großclubs: So wurden unter seiner Ägide innerhalb eines Jahres fünf Trainer eingestellt und wieder entlassen – der sportliche Erfolg blieb allerdings aus. Und so liest sich das saudische Fußballengagement in Europa bislang eher wie ein missglücktes Experiment.

Doch Saudi-Arabien verfolgt seine ambitionierten Pläne weiter: So will das Königreich angeblich 355 Millionen Euro in den italienischen Spitzenclub Inter Mailand investieren. Als größter Coup gelten aber sicherlich die Pläne, die Fußball-WM 2030 auszurichten – vielleicht gemeinsam mit Italien. Das wäre eine Sensation, womit Saudi-Arabien seinem Ziel, sich als arabisches Herz des Sports zu etablieren und seine regionalen Rivalen auszustechen, sehr nah kommen würde.

Doch dieser Weg bleibt steinig, wie auch Katar zu spüren bekommt: Die Ausrichtung der WM hat zu massiver öffentlicher Kritik an der Ausbeutung der asiatischen und afrikanischen Arbeitsmigranten geführt und auch das Engagement bei Bayern München wird von Fans und Politik heftig kritisiert. Und auch Saudi-Arabien wird weiterhin mit Argusaugen beäugt werden – selbst, wenn das saudische Team Deutschland bei Olympia besiegen sollte.

Sebastian Sons

© Qantara 2021

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