Die Rolle der Muslimbrüder beim Aufstand in Ägypten

Politische Grauzonen

Die Muslimbrüder bleiben ein wichtiger Faktor in der ägyptischen Politik. Sollte es tatsächlich zu fairen und freien Wahlen kommen, werden sie mit Sicherheit einen guten Teil der Stimmen auf sich vereinigen. Ein Grund zur Besorgnis? Antworten von Albrecht Metzger

Mohammad Badie, Führer der Muslimbruderschaft; Foto: dpa
Kehrtwende zum Pragmatismus? Die politische Programmatik und Ideologie der Muslimbruderschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend gewandelt.

​​ Wer sich arabische Filme aus den sechziger und siebziger Jahren anschaut, wird seinen Augen kaum trauen: Die meisten Frauen in Kairo und Damaskus sind unverschleiert, manche laufen sogar in kurzen Röcken durch die Straßen. Das ist heute kaum mehr vorstellbar, so sehr hat insbesondere in Ägypten die "Islamisierung von unten" ihre Wirkung hinterlassen.

Die meisten Frauen tragen nun ein Kopftuch oder Schleier, selbst der Niqab, der außer ein paar Augenschlitzen nichts vom Gesicht übrig lässt, breitet sich aus. Ein Import aus Saudi-Arabien.

Warum ist es so wichtig, sich diesen Sachverhalt vor Augen führen? Nun, es zeigt, wie schnell sich die Dinge wandeln können. Dreißig Jahre sind keine lange Zeit, wer weiß, wie die arabische Welt im Jahre 2040 aussehen wird. Vielleicht ist dann die islamische Welle längst abgeebbt und wir erleben eine Renaissance des Säkularismus, wie er in vielen arabischen Gesellschaften in der Nachkriegszeit herrschte.

Ein Volksaufstand aller Ägypter

Die jetzigen Proteste könnten ein Anfang dieses Säkularisierungsprozesses sein: Millionen Menschen strömen auf den Tahrir-Platz in Kairo, und ihr Slogan ist nicht "der Islam ist die Lösung", sondern "wir wollen Freiheit und Demokratie".

Das hat unser Bild von der arabischen Welt gründlich geändert. Seit 20 Jahren heißt es, die einzig ernst zu nehmende Opposition zu den autokratischen Regimes seien die Islamisten. Die sind jetzt selbst von der Wucht der Demonstrationen überrascht worden und erst im nach hinein auf den Protestzug aufgesprungen. Es gibt also noch andere politische und gesellschaftliche Kräfte in Ägypten, die etwas zu sagen haben.

Ja, die Muslimbrüder sind sogar darum bemüht, bei den Protesten nicht groß aufzufallen. "Wir wollen nicht, dass diese Revolution als Revolution der Muslimbrüder dargestellt wird, als islamische Revolution", sagte Raschad al-Bajumi, der stellvertretende Führer der Muslimbruderschaft dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. "Dies ist ein Volksaufstand aller Ägypter."

Trotzdem: Die Muslimbrüder bleiben weiter ein wichtiger Faktor in der ägyptischen Politik, sollte es tatsächlich in den kommenden Monaten zu fairen und freien Wahlen kommen, werden sie mit Sicherheit einen guten Teil der Stimmen auf sich vereinigen können.

Kooperation mit der säkularen Opposition?

Ist das ein Grund zur Besorgnis? Wird eine von den Muslimbrüdern getragene Regierung sich vom Westen abwenden und versuchen, einen islamischen Staat zu errichten, in dem die Scharia in sämtliche Bereichen des Lebens Geltung haben wird? Werden die Muslimbrüder überhaupt bereit sein, mit anderen, säkularen Kräften zusammenzuarbeiten?

Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz; Foto: dpa
Millionen Menschen strömen auf den Tahrir-Platz in Kairo, und ihr Slogan ist nicht "der Islam ist die Lösung", sondern "wir wollen Freiheit und Demokratie", schreibt Metzger.

​​ Man darf eines nicht vergessen: Die Muslimbrüder haben in den vergangenen 30 Jahren einen gehörigen Häutungsprozess vollzogen. Es stimmt, dass sie früher einen islamischen Staat errichten wollten, mit der Scharia als Grundlage für die gesamte Rechtsprechung. Doch dieses Ziel hat sich als unrealistisch herausgestellt.

Die harte Repression, der sie ausgesetzt waren, haben die islamistische Bewegung in Ägypten in zwei Teile geteilt: Die Minderheit suchte ihr Heil in der Gewalt, die Mehrheit aber, die so genannten moderaten Islamisten, wurden pragmatischer und auch demokratischer.

Proteste gegen Mubarak; Foto: AP
Kleinster gemeinsamer Nenner der Opposition: Sturz des verhassten Diktators Husni Mubarak

​​ Sie fingen an, von den Vorzügen der Menschenrechte zu sprechen, weil sie selbst am eigenen Leibe erlebten, was es bedeutet, wenn diese verletzt werden. Außerdem sprachen sie sich für freie und faire Wahlen aus, weil sie diejenigen sind, die von diesen am ehesten profitieren können.

Bislang galten den Islamisten Menschenrechte und Demokratie als aus dem Westen importierte Werte, die sie ablehnten. Ägypten hat in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle gespielt, aber auch andere Islamisten in der arabischen Welt machten ihren Frieden mit der Demokratie und zeigten sich bereit, mit säkularen Kräften zusammenzugehen.

So zum Beispiel im Jemen, wo die islamistische Reformbewegung ein Oppositionsbündnis mit der Sozialistischen Partei einging. Auch in Jordanien nahm die Islamische Aktionsfront, die Partei der Muslimbrüder, an Wahlen teil und hielt sich auch dann von Gewalt fern, als das Regime ihren Aktionsradius eingrenzte.

All das bedeutet jedoch nicht, dass die Muslimbrüder zu Vorreitern des Liberalismus geworden sind. In vielen gesellschaftlichen Fragen sind sie weiterhin konservativ bis reaktionär, insbesondere was die Rolle von Frauen angeht. Die Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit ist für sie ein wichtiges Thema, genauso wie sie Probleme mit der Meinungsfreiheit haben, nämlich immer dann, wenn Schriftsteller, Intellektuelle oder Künstler sich in kritischer Form mit dem islamischen Erbe auseinandersetzen.

Hier verlangen die Islamisten eine Konformität, die mit einer liberalen Demokratie nicht zu vereinbaren ist. Schließlich haben die Muslimbrüder ein Problem mit der Gleichheit der Religionen, jedenfalls haben sie sich bislang nicht dazu durchringen können, die Kopten als vollkommen gleichberechtigte Bürger anzuerkennen.

Zwischen Reaktion und Anpassung

Insofern gibt es weiterhin eine Reihe von "Grauzonen", wie es die Autoren einer Studie der Carnegie Endowment for International Peace nannten, Grauzonen im Denken der Muslimbrüder, wo ihre gesellschaftlich reaktionären und politisch anti-demokratischen Ursprünge zum Vorschein kommen. Diese Grauzonen können die Vertreter der bestehenden autokratischen Regimes dazu nutzen, um weiterhin das Gespenst einer islamischen Revolution an die Wand zu malen.

Omar Sulaiman; Foto: AP
Lud erstmals die verbotene islamistische Muslimbruderschaft zu Gesprächen ein: Ägyptens "neuer starker Mann", Vizepräsident Omar Sulaiman.

​​ Omar Sulaiman, der neu ernannte ägyptische Vizepräsident, sagte dann auch einem amerikanischen Fernsehsender, die Demonstranten in der arabischen Welt seien von der "islamischen Bewegung" angestachelt worden. Er wollte damit dem Westen erneut deutlich machen: Entweder ihr seid mit uns und wollt Stabilität, oder ihr bekommt ein islamistisches Regime, das euch feindlich gesonnen ist.

Doch zunächst einmal stellt sich die Frage, ob die heterogene Opposition in Ägypten überhaupt in der Lage sein wird, das alte Regime zu stürzen. Eben jener Omar Sulaiman hat Gespräche mit den Oppositionellen aufgenommen, darunter auch mit den Muslimbrüdern. Was dabei herauskommen wird, ist noch unklar.

Ein Erfolg ist es in jedem Fall, dass Husni Mubarak nicht mehr zu den Präsidentschaftswahlen im September antreten will und dass sein Sohn alle politischen Ämter niedergelegt hat. Den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ist das nicht genug, sie wollen den sofortigen Rücktritt Mubaraks und freie und faire Parlamentswahlen.

Die fordern auch die Muslimbrüder. Aber wie groß ist ihr Rückhalt in der Bevölkerung? Der stellvertretende Vorsitzende der Muslimbruderschaft, Raschad al-Bajumi, sagte dem SPIEGEL: "Wir sind überall, es gibt uns in jeder Stadt, jedem Dorf, in jeder Nachbarschaft."

Das dürfte übertrieben sein, denn die Muslimbrüder sind ein vorwiegend urbanes Phänomen. Sie haben großen Rückhalt in der Mittelschicht, Ärzte, Ingenieure und Anwälte gehören zu ihren Mitgliedern. Bei freien Wahlen, wenn sie denn stattfinden, dürften sie dennoch zu den Gewinnern gehören.

Aber würden sie sich wieder abwählen lassen, wenn sie einmal an die Macht kämen? Das ist die große Frage, die sich nur beantworten lässt, wenn man es ausprobiert. Die Erfahrung mit der türkischen AKP, die derzeit in aller Munde ist, lehrt, dass sich ehemals islamistische Parteien nachhaltig mit der Demokratie versöhnen können.

Albrecht Metzger

© Qantara.de 2011

Albrecht Metzger ist Islamwissenschaftler und Publizist in Hamburg. Zuletzt erschien sein Buch: "Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns – Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie" im Lamuv-Verlag.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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