Rauchwolke über Sanaa nach einem Luftangriff; Foto: Khaled Abdullah/Reuters
Der Jemenkonflikt und die Regierung Biden

"Der Krieg wird weitergehen“

Der Jemenkrieg müsse enden, weil er zu einer "humanitären und strategischen Katastrophe“ geführt habe, sagte der US-amerikanische Präsident Joe Biden zu Beginn seiner Amtszeit. Doch der Krieg geht mit unverminderter Härte weiter, weil die Kriegsparteien ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele noch nicht erreicht haben, sagt Said AlDailami im Qantara-Interview mit Claudia Mende

Herr AlDailami, die neue Regierung in den USA hatte verkündet, den Jemenkrieg beenden zu wollen. Ist der Frieden seitdem nähergerückt?

Der Amtsantritt von Biden hat im Jemen nicht viel verändert. Zwar ist das Verhältnis zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unter den Demokraten nicht mehr so eng wie unter Trump, aber die Geschäfte laufen weiter. Der Stopp von Rüstungslieferungen an Saudi-Arabien wurde nur verhängt, um die Details der Geschäfte zu überprüfen. Die Wiederaufnahme der Waffengeschäfte war nur eine Frage der Zeit.

An der Grundkonstellation wird sich nicht viel ändern. Dem Dreierbündnis aus Saudi-Arabien, den VAE und Israel wird weiterhin die US-amerikanische Unterstützung im Nahen Osten gehören. Für den Jemen bedeutet das, der Krieg wird weitergeführt, bis die kriegsführenden Parteien ihre politischen, geostrategischen und wirtschaftlichen Ziele erreicht haben. Wir kehren zurück zur Unterstützung "unter der Hand“, wie sie in den Jahrzehnten vor Trump erfolgreich praktiziert wurde.

Warum?

Weil die VAE und Saudi-Arabien sich eindeutig für das Anti-Iran-Lager im Machtstreit um Hegemonie im Nahen Osten entschieden haben. Wer sich gegen Iran positioniert, wird von den USA mit offenen Armen in das Anti-Iran-Bündnis aufgenommen und genießt grundsätzlich die volle Unterstützung aus den USA. Unabhängig davon, wer nun in Washington regiert, für die USA bleibt der Iran der Erzfeind Nummer eins in der Region.

Im Verhältnis der USA zu den Golfstaaten geht es auch um wirtschaftliche Interessen. Dies betrifft nicht nur Rüstungsgüter, sondern auch gigantische Investitionsprojekte wie die neu entstehende Öko-Vorzeigestadt Neom. Hier locken die beiden Golfstaaten mit Milliardenprojekte, denen sich kein westlicher Staat entziehen kann. Biden hat auch dem bereits vor seiner Amtszeit vereinbarten Verkauf von Kampfflugzeugen an die VAE zugestimmt.

Der Konflikt kam Teheran gelegen

Welche Rolle spielt Iran wirklich im Jemen?

Der Jemenkonflikt kam Iran gelegen, um den Saudis an einer Flanke die Stirn zu bieten. Als die Huthis angesichts der militärischen Übermacht Saudi-Arabiens 2015 mit dem Rücken zur Wand standen, haben sie das Angebot für Unterstützung aus Teheran dankend angenommen.

Huthi-Rebellen in Sanaa; Foto: Getty Images/AFP/M.Huwais
Die Huthis revanchieren sich mit Unterstützung aus Iran für 30 Jahre Benachteiligung unter der Regierung Salih. Sie wollen die Macht im Jemen, verfügen aber weder über geeignetes Personal noch über eine klare Strategie. "Die Huthis bringen ein bizarres Islamverständnis mit, das dem seit Jahrhunderten plural praktizierten Islam im Jemen fremd ist,“ sagt Said AlDailami im Interview mit Claudia Mende. "Dieser krude Einfluss ist mindestens so tragisch und besorgniserregend wie der Krieg selbst. Diese radikalen Gedanken wieder aus den Köpfen der jungen Menschen hinaus zu bekommen, wird mit jedem weiteren Tag Huthi-Herrschaft in Sanaa zum ernsthaften Problem.“

Es bestanden auch vor dem Krieg schon Kontakte zwischen den Huthis und dem Iran. Es gab Besuche von hohen Geistlichen aus dem Jemen im Iran, Stipendien an jemenitische Studierende wurden regelmäßig vergeben und karitative Projekte im Land finanziert.  

Also gab es eine schleichende iranische Einflussnahme?

Ja, seit dem Beginn der 2000er Jahre und sie hat durch den saudischen Krieg ab März 2015 deutlich an Schwung gewonnen. Der völkerrechtwidrige Krieg der saudischen Militärallianz gegen den Jemen bot Iran einmal mehr die Gelegenheit, sich auf die Seite eines "unterdrückten arabischen Volkes“ zu stellen. Für die Huthis kam diese Hilfe gelegen, da sie zu Beginn des Krieges weitgehend isoliert dastanden. Der Nordjemen, der vorwiegend von den Huthis kontrolliert wird, wird wohl auch nach einem möglichen Kriegsende ein strategisches Bündnis zum Iran unterhalten und weiter ausbauen.

Was müsste denn passieren, um diesen Konflikt zu entschärfen?

Das Problem ist, dass die Jemeniten zu Handlangern äußerer Mächte geworden sind. Auf der einen Seite steht die international anerkannte Regierung von Abd Rabbo Mansur Hadi, die in Riad sitzt und die Regierungsgeschäfte weitgehend aus dem Exil zu leiten versucht: Sie ist nichts anderes als eine Marionette der Saudis. Ernennung und Absetzung von Ministern, die Großprojekte im Südjemen, die Ausbeutung der Insel Sokotra, die Verlegung von saudischen Pipelines durch den Jemen: Alles wird von Riad gesteuert, die jemenitische Exilregierung nickt jedes Vorhaben ab. Ähnliches gilt für die VAE, die ebenfalls ihre strategischen Vorhaben im Jemen, z.B. auf der Insel Perim und in der Hafenstadt Aden mit Billigung der Exilregierung ungehindert umsetzen können.

Auf der anderen Seite steht das strategische Bündnis der Huthis mit Iran. Sie sind von Iran abhängig, weil sie von dort Waffenteile und Geld bekommen, Kämpfer der Hisbollah unterstützen sie mit Rat und Tat an den zahlreichen Fronten im Land.

Der Krieg kann nur dann ein Ende finden, wenn die beteiligten Regionalmächte, allen voran Saudi-Arabien, die VAE und der Iran Gespräche führen und sich darüber verständigen, wie sie den Kuchen untereinander aufteilen möchten. Die Souveränität des jemenitischen Staatsterritoriums ist aktuell nicht mehr gegeben.

Ein Flüchtlingslager nördlich von Marib; Foto: Nabil Alawzari/AFP/Getty Images
Leidtragende im Jemenkrieg sind in erster Linie die Zivilbevölkerung, wie hier in einem Flüchtlingslager nördlich die Stadt Marib. Warum gelingt es dann nicht, diesen furchtbaren Konflikt zu befrieden, wie Joe Biden es bei seinem Amtsantritt angekündigt hatte? "Der Krieg wird weitergeführt, bis die kriegsführenden Parteien ihre politischen, geostrategischen und wirtschaftlichen Ziele erreicht haben,“ sagt Jemen-Experte Said AlDailami. “An der Grundkonstellation wird sich nicht viel ändern. Dem Dreierbündnis aus Saudi-Arabien, den VAE und Israel wird weiterhin die US-amerikanische Unterstützung im Nahen Osten gehören.“

"Nach diesem Krieg wird der Jemen kein souveräner Staat mehr sein“

Heißt das, der Jemen ist nicht mehr handlungsfähig?

Der Jemen wird nach diesem Krieg kein souveräner Staat mehr sein. Er wird in mindestens zwei, wenn nicht in drei Teile aufgeteilt werden. Der Norden wird dann von Iran abhängig sein, der Süden und Teile des Ost-Jemen werden von den VAE und von Saudi-Arabien ferngesteuert. Wenn man diese Realität anerkennt, kommt man vielleicht einer Lösung näher.

Die Initiatoren und Kriegstreiber in diesem Konflikt sind außerhalb des Jemen zu finden. Saudis und die VAE bekommen ihre Waffen mehrheitlich aus dem Westen. Diese Waffenlieferungen müssen sofort gestoppt werden.

Trotzdem haben es die Saudis im siebten Kriegsjahr nicht geschafft, ihre Ziele zu erreichen. Warum nicht?

Militärisch sind solche asymmetrischen Kriege gegen Milizen mit Heimvorteil nicht zu gewinnen. Das haben wir in Afghanistan gesehen. Aber das ist nur die militärische Seite der Medaille. Es gibt auch noch eine wirtschaftliche und geostrategische Seite dieses verheerenden Krieges: Es gibt kein Interesse seitens der Saudis und der Emiratis, diesen Krieg zu beenden. Unter dem Deckmantel eines Kampfes gegen die von Iran unterstützten Huthis können Saudi-Arabien und die Emirate ihre Ziele weiterverfolgen: die Kontrolle über die Meerenge Bab el Mandeb und die vorgelagerten Inseln.

An letztere sind vor allem die Emirate interessiert, die sich als zukünftige Seemacht im Nahen Osten begreifen. Saudi-Arabien kann seine Pipeline-Projekte vorantreiben und der Welt zeigen, dass es über eine einsatzbereite Armee verfügt, die in der Lage ist, in der Region militärisch zu operieren: All das braucht Zeit. Die rund 250.00 Opfer, das Leiden und die grassierende Hungersnot im Jemen werden diesen Kriegszielen untergeordnet.

Welche Rolle spielen die Huthis im Konflikt?

Sie kommen aus einer marginalisierten Region im Norden des ehemaligen Nordjemen. Jetzt revanchieren sie sich für 30 Jahre Benachteiligung unter der Regierung Salih. Sie wollen die Macht, verfügen aber weder über geeignetes Personal noch über eine klare Strategie. In Sanaa herrscht deshalb inzwischen sehr viel Anarchie, weil die Huthis gar nicht zu einer vernünftigen Regierungsführung in der Lage sind.

Die Huthis bringen einen Islam à la Iran ins Land

Im Nordjemen sind die Huthis zudem nicht besonders beliebt, weil sie die Freiräume der Menschen immer mehr einschränken. Sie haben die Geschlechtertrennung ab der ersten Schulklasse eingeführt. Frauen dürfen sich nur noch beschränkt im öffentlichen Raum zeigen, eine Art Sittenpolizei kontrolliert inzwischen à la Iran die öffentlichen Plätze.

Sie bringen ein bizarres Islamverständnis mit, das dem seit Jahrhunderten plural praktizierten Islam im Jemen fremd ist. Dieser krude Einfluss ist mindestens so tragisch und besorgniserregend wie der Krieg selbst. Diese radikalen Gedanken wieder aus den Köpfen der jungen Menschen hinaus zu bekommen, wird mit jedem weiteren Tag Huthi-Herrschaft in Sanaa zum ernsthaften Problem.

Das Land verliert allmählich die viel geschätzte Herzlichkeit, Pluralität und Offenheit seiner Menschen, die viele Besucher des Jemen bisher faszinierten. Die Verrohung dieser jemenitischen Umgangskultur ist ein weiterer großer Schaden und eine unmittelbare Folge dieses schrecklichen Krieges.

Said AlDailami; Foto: privat
Said AlDailami wurde 1978 in Sanaa, Jemen, geboren und kam als Kind mit seiner Familie ins politische Exil nach Deutschland. Der promovierte Sozialwissenschaftler ist Autor von "Jemen: Der vergessene Krieg“, C.H. Beck 2019. Von 2014 bis 2020 leitete er das Büro der Hanns-Seidel‐Stiftung in Tunis. Heute arbeitet er in der Stiftungszentrale in München.

Die Emirate immerhin sind aus den Kriegshandlungen ausgestiegen. War der politische Preis für sie zu hoch?

Offiziell sind die VAE ausgestiegen, aber sie haben längst ihre Verbündeten vor Ort und ziehen die Strippen im Hintergrund. Schätzungen zufolge unterhalten die VAE eine Armee im Süden des Jemen, die mehr als 70.000 Mann stark ist. Bei Saudi-Arabien ist das anders.

Politisch lohnt sich der Vorort-Einsatz für den Kronprinzen Mohammed bin Salman immer noch. Er kann außenpolitisch punkten und sagen, er hätte Iran die Stirn geboten, das zieht in Saudi-Arabien. Gleichzeitig steigt seine Charmeoffensive: Frauen dürfen seit 2018 unter bestimmten Bedingungen Auto fahren, Parties und Konzerte wurden erlaubt.

Gibt es im Jemen selber Akteure, die zur Versöhnung beitragen könnten?

Zurzeit nur wenige, die Fronten sind verhärtet. Die politischen Parteien, die im Jemen traditionell das politische Bild prägten, sind in sich zerstritten. Für eine Gesamtlösung tritt im Moment niemand ein, weil die Kluft zwischen Nord- und Südjemen so groß geworden ist, dass man keinen gemeinsamen Nenner mehr findet, an den man anknüpfen könnte. 

Die alten Machtpole von vor 2011 – Saleh und die Stammesführer –  wurden von der Revolution (Arabischer Frühling) hinweggespült; die heutigen Machtverhältnisse sind noch nicht endgültig geklärt. Jeder kämpft um Einfluss und Legitimation. Heute fehlen Akteure im Land, die über eine gesellschaftliche Basis im Jemen verfügen. Außer den äußeren Kriegsherren gibt es keine einflussreichen Akteure mehr. Das repressive politische Klima in beiden Landesteilen (Nord- und Südjemen) und die verheerende humanitäre Situation im Land haben die Rolle der Zivilgesellschaft dezimiert.

Interview von Claudia Mende

© Qantara.de 2021

Said AlDailami wurde 1978 in Sanaa, Jemen, geboren und kam als Kind mit seiner Familie ins politische Exil nach Deutschland. Der promovierte Sozialwissenschaftler ist Autor von „Jemen: Der vergessene Krieg“, C.H. Beck 2019.

Von 2014 bis 2020 leitete er das Büro der Hanns-Seidel‐Stiftung in Tunis. Heute arbeitet er in der Stiftungszentrale in München.

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