Im Februar führte Bahrain als eines der ersten Länder der Welt einen Impfpass ein.

COVID-19 im Nahen Osten
Viel Skepsis gegenüber Coronavirus-Impfungen

In Nahost und Nordafrika wird inzwischen teilweise im großen Stil gegen das Coronavirus geimpft, ganz vorne dabei sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Trotzdem bleiben viele Menschen in der Region skeptisch. Cathrin Schaer stellt die alles entscheidende Frage: Warum?

In der vergangenen Woche hätte Mahmoud seinen Termin für die COVID-19-Impfung gehabt - eigentlich. Doch der 34 Jahre alte Beamte ließ den Termin im Krankenhaus in Bagdad ungenutzt verstreichen. Dabei war es gar kein Problem gewesen, einen Termin für die AstraZeneca-Impfung zu bekommen.

"Die Europäer sagen doch, dass der Impfstoff nicht sicher ist", meint Mahmoud, eher pauschalisierend. Seinen Nachnamen möchte er nicht veröffentlicht sehen, da er für ein irakisches Ministerium arbeitet und in dieser Eigenschaft offiziell nicht ohne explizite Erlaubnis mit Medienvertretern sprechen darf.

Zudem hatte es noch weitere - unfundierte - Gründe gegeben. "Die Impfung ist hier so schnell angekommen", sagt Mahmoud der Deutschen Welle in zweifelndem Tonfall. "Das ist merkwürdig. Im Irak bekommt man solche Dinge normalerweise gar nicht, ohne dafür zu bezahlen - oder ohne jemanden dafür zu bezahlen! Aber sie [die Impfung] ist kostenlos und für jeden erhältlich. Das finde ich durchaus verdächtig", sagt er.

Zwischen Skepsis und Ablehnung

Mahmoud ist ein typisches Beispiel für einen Impfskeptiker. Obwohl er durchaus gebildet und belesen ist und auch drei Personen kennt, die an COVID-19 gestorben sind, traut er den Impfungen und Impfstoffen nicht recht über den Weg. Wobei betont werden muss: Impfskeptiker sind nicht identisch mit Impfgegnern oder -verweigerern, ihre Ablehnung ist nicht zwingend kategorisch und auch nicht immer dauerhaft.

Im Jahr 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation das Zögern beim Impfen als eine der zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit aufgeführt. Erst kürzlich haben Datenwissenschaftler beschrieben, dass Konzepte, die auf den Aufbau einer so genannten "Herdenimmunität" gegen COVID-19 setzen, auch durch Impfskeptiker gefährdet sind, da diese oftmals eine schnelle Umsetzung von Immunisierungs-Kampagnen verzögern würden.

Libanesische Frauen tragen Masken in der Hauptstadt Beirut. Foto: Joseph Eid/AFP/Getty Images
Kampf ums Vertrauen: Laufende Umfragen des Arab Barometer, das die öffentliche Meinung im Nahen Osten untersucht, ergeben, dass viele Bürger im Durchschnitt kein großes Vertrauen in die Leistung ihrer eigenen Regierungen haben, weil sie sie für korrupt, unfähig oder beides halten. Hazem Rihawi, ein Syrien-Experte, der mit der "American Relief Coalition for Syria" in den USA zusammenarbeitet, glaubt, "der beste Weg, mit der hohen Impfskepsis umzugehen, ist es, deutliche, ehrliche, transparente Botschaften auszusenden – auf allen Ebenen – und ganz besonders durch Schlüsselfiguren, religiöse Anführer und Frauen."

Gleichzeitig zeigen mehrere Studien und Umfragen, dass Mahmoud bei Weitem nicht der einzige Impfskeptiker in der Region ist. Der Nahe Osten zähle weltweit zu den Regionen mit der niedrigsten Impfakzeptanz, so das Ergebnis einer Studie aus dem vergangenen Januar, die in "Vaccines", einem englischsprachigen medizinischen Fachblatt, erschienen ist. In dieser Studie wurde die weltweite Impfbereitschaft untersucht.

Beim Nahen Osten zeigten sich die Wissenschaftler insbesondere alarmiert von der niedrigen Impfakzeptanz in Kuwait (23 Prozent) und Jordanien (28 Prozent).

Prinzipiell ja, aber später

In vielen anderen arabischen Ländern ist die Impkakzeptanz allerdings ähnlich niedrig.

Im Irak ergab eine Umfrage durch lokale Wissenschaftler im vergangenen Januar, dass sich zwar jeder einzelne der 1069 befragten Einwohner irgendwann einmal impfen lassen wolle. Doch gleichzeitig stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der Befragten - rund Zweidrittel - sich genauso wie Mahmoud mit der Impfung lieber Zeit lassen will.

Bei einer Umfrage auf Englisch unter ägyptischen Medizinstudenten aus dem gleichen Monat ergab sich ein ähnliches Bild: Praktisch alle Studenten gaben an, sie würden sich irgendwann impfen lassen – aber 46 Prozent wollten damit noch warten. Ende März stellte eine US-amerikanische Studie fest, dass 52 Prozent aller Ägypter sich entweder nicht sicher waren, ob sie sich impfen lassen oder sich dagegen entschieden hatten.

Eine Telefonumfrage unter Tunesiern schloss mit dem Ergebnis ab, dass sich nur rund ein Drittel impfen lassen möchte.

Im Libanon machen Beamte die weit verbreitete Impfskepsis dafür verantwortlich, dass die Registrierung auf dem offiziellen Regierungsportal für Impfungen nur schleppend angelaufen ist. Mitte April hatten sich dort erst 17 Prozent der Libanesen registriert.

Pfizer BioNTech-Impfstoff wird von einer Krankenschwester im Kindi Hospital in Bagdad verabreicht. Foto: Ahmad al-Rubaye/AFP/Getty Images
Hat Herdenimmunität eine Chance? Besonders alarmierend fanden die Forscher der medizinischen Fachzeitschrift "Vaccines", dass die Akzeptanz von Impfstoffen in Kuwait bei nur 23 Prozent und in Jordanien bei 28 Prozent liegt. Im Irak ergab eine Umfrage durch lokale Wissenschaftler im vergangenen Januar, dass sich zwar jeder einzelne der 1069 befragten Einwohner irgendwann einmal impfen lassen wolle. Doch gleichzeitig stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der Befragten - rund Zweidrittel - sich mit der Impfung lieber Zeit lassen will. Umfragen in Ägypten und Tunesien haben ähnliche Ergebnisse gebracht. Im Libanon halten Beamte die weit verbreitete Impfskepsis verantwortlich für die nur schleppende Registrierung auf dem offiziellen Regierungsportal für Impfungen. Mitte April hatten sich dort erst 17 Prozent der Libanesen registriert.

Informelle Meinungsumfragen in den von den Huthi kontrollierten Teilen des Jemen durch Journalisten des unabhängigen Medienunternehmens Daraj ergaben, dass die meisten Menschen dort ebenfalls nicht von den COVID-19-Impfstoffen begeistert sind. In einer Umfrage, die sie im Februar unter 121 Einwohnern der Stadt Aden durchführten, lehnten über 84 Prozent die Impfung ab.

Mangelndes Vertrauen

Nicht alle diese Umfragen sind repräsentativ oder genügen wissenschaftlichen Standards. Sie lassen jedoch erkennen, auf welchen Gründen die Impfskepsis in der Region offenkundig beruht. Nicht selten sind es demnach die Angst vor potentiellen Nebenwirkungen, Misstrauen gegenüber den Regierenden, die die Impfungen anbieten oder die Impfkampagnen vorantreiben - sowie Misstrauen angesichts der Tatsache, dass die Corona-Impfstoffe so schnell entwickelt wurden.

In Ländern wie Irak, Tunesien und dem Libanon hat die Bevölkerung wenig Vertrauen in die nationalen Regierungen und lokalen Gesundheitssysteme. Dies wird durch Studien des unabhängigen wissenschaftlichen Netzwerks Arab Barometer bestätigt, das fortlaufend die öffentliche Meinung in der Region untersucht. Bereits früher haben Umfragen ergeben, dass viele Bürger kaum von der Kompetenz der eigenen Regierung überzeugt sind und glauben, dass entweder Korruption oder Inkompetenz oder beides zugleich vorherrschen.

Doch es gibt auch arabische Länder, die der Pandemie sichtbar erfolgreich entgegentreten und auch erfolgreich Impfkampagnen fahren. Teils dürfte dies, wie in Marokko, an frühzeitig verhängten harten Lockdowns, teils aber auch an der Zusammenarbeit mit Impfstoff-Produzenten liegen, wie etwa der langfristigen Kooperation zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und der staatlichen chinesischen Firma Sinopharm.

Möglich erscheint, dass diese Maßnahmen auch mit einer höheren Impfbereitschaft in diesen beiden Regionen zusammenhängen oder eine solche begünstigen. Laut einer Online-Umfrage von "YouGov" wollten sich beispielsweise im März 82 Prozent der befragten Einwohner in den Vereinigten Arabischen Emiraten noch impfen lassen. Eine Telefonumfrage unter 1238 Marokkanern ergab, dass 88 Prozent angeblich mit dem Krisenmanagement ihrer Regierung zufrieden sind, 91 Prozent gaben an, sie wollten sich entsprechend auch impfen lassen.

Verschwörungstheorien

Für die insgesamt dennoch hohe Impfskepsis in der Region dürfte es aber noch einen weiteren Grund geben: das hohe Maß an Desinformation.

In einigen Ländern, wie den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien, sind die Medien stärker zensiert – genauso wie die offiziellen Berichte über Impfungen, sagt der libanesische Experte für Open-Source-Verifizierungen, Mahmoud Ghazayel.

So hatten Umfragen im März ergeben, dass angeblich 62 Prozent der Bewohner in Saudi-Arabien einer Impfung positiv gegenüberstünden. Wie sehr man solchen Zahlen trauen kann, ist zwar ungewiss, doch scheint das Misstrauen anderswo deutlich größer zu sein.

Fläschchen mit verschiedenen Impfstoffen gegen das Coronavirus. Foto: Oliver Bunic/AFP/Getty Images
Der in Kanada lebende muslimische Gelehrte Sheikh Mohammed Tahir Al-Qadri fordert die Muslime auf, nicht auf Verschwörungstheorien rund um den Impfstoff gegen das Coronavirus hereinzufallen: "Dies ist eine Angelegenheit der medizinischen Entwicklung, des Lebens, und es ist genau dasselbe, wie wenn wir Paracetamol, Antibiotika oder Aspirin nehmen. Der Glaube an den medizinischen Prozess ist eine der grundlegenden Lehren des Islam. Der Islam - und die Lehren des Koran, des Propheten Muhammad - sind auf Vernunft, Intelligenz, wissenschaftliche Forschung und intellektuelle Entwicklung ausgerichtet."

In Ländern wie dem Irak, in dem die meisten Medien von teils gegeneinander opponierenden politischen, ethnischen oder religiösen Gruppen finanziert werden, traue die Bevölkerung den Medien oft noch weniger über den Weg, meint Ghazayel.

"Die Menschen holen sich ihre Informationen dort nicht nur über alternative Medien und Nachrichtenportale, sondern auch über Gruppen auf WhatsApp, Telegram oder Instagram. Über diese drei kostenlosen Applikationen kann aber jeder ungehindert alles Mögliche veröffentlichen, es gibt keine Wahrheitsprüfung oder Begrenzung."

Auf solchen Kanälen lesen arabische Nutzer dann mitunter Fake News, in denen behauptet wird, COVID-19-Vakzine enthielten Spuren von Alkohol oder Schweinefleisch - beides ist gläubigen Muslimen verboten - oder dass Impfstoffe die Gene von muslimischen Säuglingen verändern würden. Auch fragwürdige Heilmittel werden über soziale Medien beworben und finden teils auch Zuspruch. So haben erst im März 46 Prozent der Befragten bei einer Umfrage des tunesischen Netzwerks "Partnership for Evidence-Based Response to COVID-19" angegeben, sie glaubten, die Krankheit könne auch mit Heilkräutern besiegt werden.

Eine Frage der Haltung

Wenn soziale Medien die Hauptinformationsquelle für COVID-19 Impfungen sind, dann sei häufig auch Impfskepsis zu registrieren, urteilten jordanische Wissenschaftler in einer Studie vom vergangenen Januar, in der sie sich mit Impf-Verschwörungstheorien in Jordanien und Kuweit beschäftigten.

Allerdings gibt es auch positive Trends. So fanden Meinungsforscher bei YouGov heraus, dass die Haltung zu Vakzinen sich in vielen Ländern der Region langsam zum Positiven verändere. Außerdem wird in einigen arabischen Ländern inzwischen so stark und regelmäßig geimpft, dass lokale Behörden sich dabei zwangsläufig auch aktiv mit dem Phänomen Impfskepsis auseinander setzen müssen.

Eine allgemeine und umfassende Impfpflicht ist bisher zwar nicht erlassen worden, doch manche Regierungen der Region machen durchaus bestimmte Privilegien und auch die Tätigkeit in bestimmten Berufen von einer Impfung abhängig.

 

Erst im vergangenen Monat hat der irakische Premierminister Mustafa al-Kadhimi neue Gesundheitsverordnungen erlassen: Mitarbeiter in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen, Verkäufer und alle im Gastgewerbe müssen danach verpflöichtend ein Impfzertifikat oder Immunität gegen das Corona-Virus nachweisen.

Auch in Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es ähnliche Verordnungen, sowie einen Impfzwang für bestimmte Berufsgruppen.

"Der beste Weg, mit der hohen Impfskepsis umzugehen, ist es, deutliche, ehrliche und transparente Botschaften auszusenden", sagt der syrische Gesundheitsexperte Hazem Rihawi von der "American Relief Coalition for Syria". Rihawi denkt dabei an Aufklärung und Kommunikation "auf allen Ebenen – und ganz besonders durch Schlüsselfiguren, religiöse Anführer und Frauen."

Cathrin Schaer

© Deutsche Welle 2021

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