Christen im Irak

"Die Kirche ist nur noch ein Beton-Skelett"

Die christlichen Dörfer rund um die irakische Stadt Mossul sind zwar befreit, aber die Spuren der IS-Gewaltherrschaft machen sie de facto unbewohnbar. Für viele Bewohner ist daher an eine Rückkehr nicht zu denken. Von Karim El-Gawhary

Der Name der Kirche in Ost-Mossul ist symptomatisch. Die "Titanic-Kirche" ist wie ein Schiff gebaut. Der Kirchenturm ist einem Schiffsmast nachempfunden und das Innere der Kirche ist der Bauch des Schiffes. Die "Titanic- Kirche" ist in den Zeiten der zweieinhalbjährigen IS- Herrschaft buchstäblich untergegangen. Und obwohl Ost-Mosul inzwischen von der irakischen Armee zurückerobert worden ist, bietet die Kirche immer noch ein Bild der totalen Verwüstung. Das Innere ist völlig ausgeplündert. Es steht nur noch das Betonskelett des Bauwerks. Ansonsten ist die Kirche verwest. Ein paar Kinder spielen in der Bauruine.

"Ich habe früher viele christliche Freunde in der Schule gehabt. Der IS gab ihnen zehn Tage, um hier wegzuziehen", erzählt der kleine junge Rabieh. Die Kinder zeigen uns den oberen Teil der Kirche, wo Kampfspuren und Einschüsse zu sehen sind. "Da oben waren die Scharfschützen des IS", erinnert sich Rabieh und deutet auf einige Kirchenfenster, die Bullaugen nachempfunden sind.

Trümmerwüste Mossul

Die Terrormiliz IS zerstörte eine Vielzahl von Kirchen im Irak; Foto: picture-alliance/dpa/B.Schwinghammer
Ehemals prachtvolle Kirchengebäude haben sich in Ruinen verwandelt: Die Terrormiliz IS wütete zwei Jahre lang in Mossul. Zehntausende Bewohner der umliegenden christlichen Dörfer wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen – oder zum Islam zu konvertieren.

In der Stadt Mossul wohnten schon immer nur wenige Christen. Die meisten lebten in den umliegenden Dörfern, wie in Bartella oder Karakosch, die teilweise schon seit Monaten vom IS befreit sind. Bis heute sind sie allerdings unbewohnbar geblieben. Zwar sind viele der ehemaligen Einwohner am ersten Sonntag nach der Befreiung mit Bussen zurückgekommen. Allerdings nur um eine Messe zu feiern, um dann anschließend wieder in ihre Flüchtlingslager zurückzukehren.

Eines dieser Camps ist das christliche Flüchtlingslager "Aschti" in der kurdischen Stadt Erbil. Ein gut organisiertes Containerdorf. Die meisten Bewohner leben hier schon seit zweieinhalb Jahren, denn die Christen waren die Flüchtlinge der ersten Stunde der IS-Herrschaft.

Mitten im Lager befindet sich die Baschir-Kirche, ein aus Containern zusammengebasteltes assyrisch-christliches Gotteshaus. Gut 200 Menschen feiern hier an diesem Sonntag ihren Gottesdienst. Hier beten sie auch dafür, dass sie bald wieder in ihre Dörfer zurückziehen können. Doch das könnte mindestens noch ein Jahr dauern, glaubt Emanuel Adel, der Pfarrer der Gemeinde. Viele der christlichen Dörfer seien zwar befreit, aber völlig unbewohnbar, sagt Adel.

"Grundsätzliche Dienstleistungen wie Strom und Wasser fehlen, die Infrastruktur ist zerstört, es gibt keine Schulen und Verwaltungsgebäude. Das alles muss wieder aufgebaut werden", erzählt er. Hinzu kommt, dass viele der Häuser durch Luftangriffe zerstört und ausgebrannt seien, sagt er. Die Vertreibung der Dschihadisten des IS hatte einen hohen Preis. "Außerdem sind die meisten Häuser ausgeplündert worden", schildert der Pfarrer der Flüchtlingsgemeinde.

Die Ideologie lebt fort

Zu den christlichen Feiertagen kommen viele ehemalige Bewohner zurück in ihre Dörfer; Foto: A. Awad
Langsame Rückkehr zur Normalität: Im Dezember 2016 fanden die ersten Gottesdienste in den ehemals vom IS okkupierten Dörfern statt. An ein Leben vor der Besetzung anzuknüpfen ist allerdings (noch) nicht möglich: "Grundsätzliche Dienstleistungen wie Strom und Wasser fehlen, die Infrastruktur ist zerstört, es gibt keine Schulen und Verwaltungsgebäude. Das alles muss wieder aufgebaut werden", erzählt Pfarrer Emanuel Adel.

Traurigkeit sei das Grundgefühl seiner Gemeinde. Viele der Gemeindemitglieder seinen zutiefst deprimiert. "Keiner weiß wie die Zukunft des Irak aussieht, das schlägt sich natürlich auch auf die Gemütslage der Christen nieder", sagt er.

"Der IS kann vielleicht militärisch besiegt werden, aber die Ideologie des IS lebt weiter", glaubt der Geistliche. "Viele der Gegenstände, die aus den christlichen Dörfern gestohlen wurden, hat man in den muslimischen Nachbardörfern wiedergefunden", berichtet der Pfarrer. Es habe genug Menschen gegeben, die mit dem IS kooperiert hätten.

Auch von der irakischen Regierung erwarte er wenig. Sie sei korrupt und von ausländischen Mächten gelenkt, spricht er offen den iranischen Einfluss auf die Zentralregierung in Bagdad an. "Unsere Probleme sind noch längst nicht gelöst", so sein Fazit. "Es wird wohl noch lange dauern, bis unser Flüchtlingsleben zu Ende geht und alle Christen wieder in ihre Dörfer zurückziehen können."

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2017

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