Buchrezension: "Paradigma der islamischen Zivilisation"

Abschied vom Orient

Alexander Haridi setzt sich in seiner neuen wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung kritisch mit dem fragwürdigen Islambild des Begründers der deutschen Islamwissenschaft, C.H. Becker, auseinander. Von Hermann Horstkotte

Der Islamwissenschaftler Alexander Haridi setzt sich in seiner neuen wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung kritisch mit dem fragwürdigen Islambild C.H. Beckers, des Begründers der deutschen Islamwissenschaft, auseinander. Von Hermann Horstkotte

Islamische Gebetskette, Foto: AP
Alle Facetten des Begriffs "islamische Zivilisation" sind bei Becker negativ besetzt: Politisch sei der Orient geprägt von Despotismus, sozialpsychologisch von alltäglichem Fatalismus

​​In der westlichen Welt hat sich längst ein Fragetypus herausgebildet, der lautet: "Ist der Islam vereinbar mit ... xy?" Man setze ein: Menschenrechte, Demokratie, Völkerrecht etc.

Ein solch umfassendes und wegen seiner Verallgemeinerung selber fragwürdiges Islambild hält der Islamwissenschaftler und ehemalige Leiter der DAAD-Außenstelle Kairo, Alexander Haridi, für ein reines Gedankenkonstrukt, das er "zu dekonstruieren" sucht.

Für diese Auseinandersetzung ist der Begründer der deutschen Islamwissenschaft, Carl Heinrich Becker (1878-1933), geradezu die ideale Person.

Denn einerseits sprach Becker gern von einer islamischen Zivilisation als einem über Kontinente hinweg "einheitlichen" Beziehungsgeflecht aus Religion, Politik und Wirtschaft – womit er diesen Zusammenhang in Deutschland seit 1910 zu einem selbständigen Wissenschaftsgebiet mit eigenen Lehrstühlen an Universitäten etablieren konnte.

"Internationalismus des Islam"

Andererseits aber lehrte Becker auch: "Den Rahmen für diese Einheitszivilisation bildete der Einheitsstaat des Kalifats", den es jedoch seit nunmehr 700 Jahren nicht mehr gibt.

Seither sei "der Internationalismus des Islam" nichts anderes als wirklichkeitsfremde "politische Theorie", so Becker – was heute so klingt, als kommentiere er gleichermaßen die Utopie der islamischen Gemeinschaft (Umma) des internationalen Terror-Netzwerks El Qaida oder das "Feindbild Islam" in der westlichen Welt.

Seine erste Professur erhielt Becker mit 30 Jahren 1908 am damaligen Hamburger Kolonialinstitut. Eine "moralische Rechtfertigung für alle Kolonisation" sah er - ganz im Zeitgeist des europäischen Imperialismus - in der "Zivilisierung" unterworfener Völker. Dabei sei der Islam allerdings kein Gegner, wie viele glaub(t)en, sondern ein Verbündeter.

Er schaffe zumal in Afrika "in unendlich viel ausgedehnterer Weise, als es die christliche Mission je könne, einen Geist der Disziplin, einen inneren Halt, und ein äußeres gutes Benehmen und damit die Vorstufen einer höheren Zivilisation."

Modernisierung durch Anpassung an Europas Geistesleben?

Das große Problem sah Becker allerdings in der Modernisierung des Islam. Seine Zukunft könne "nur in einer Anpassung an das europäische Geistesleben bestehen" – nach heutigem Ermessen also in einem (globalen) Euro-Islam.

Maßgeblich dafür ist nach Becker die Religion als Privatsache in einer ansonsten säkularen Welt, die in Europa mit der Renaissance angebrochen sei.

Nicht die Religion des Propheten Muhammed steht einem Zivilisationsfortschritt im Wege, habe sie doch dieselben geistigen Wurzeln in der Antike – im hellenistischen, jüdischen und frühchristlichen Denken – wie das heutige Europa. Vielmehr sei der Stillstand ein Merkmal des "Orients", den Becker auch bis Japan ausweitet.

Alexander Haridi bemerkt dazu kritisch in seiner wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung "Das Paradigma der "islamischen Zivilisation", dass Becker den Begriff Orient "a priori voraussetzt" und als selbstevidente Begründung für den Entwicklungsrückstand gegenüber Europa verwendet.

Islamische Zivilisation als Negativbild

Alle Facetten des Begriffs sind bei Becker negativ besetzt: Politisch sei der Orient geprägt von Despotismus / Absolutismus, sozialpsychologisch von alltäglichem Fatalismus, der aber in religiösen Fanatismus umschlagen könne und wirtschaftlich seien die betreffenden Gesellschaften unproduktiv.

Insoweit war "der Orient" offenkundig die damalige Chiffre für die heute so genannten "Entwicklungsländer" - im Unterschied zum Westen bzw. Okzident.

Es ist einfach verblüffend, wie maßgebliche Ansichten im Westen über die nicht europäisierte Welt seit wenigstens 100 Jahren aus den gleichen Blickwinkeln und von denselben Einschätzungen bestimmt werden.

Haridi plädiert daher dafür, die "asymmetrischen Gegenbegriffe" Orient / Okzident aus diesem Diskurs zu nehmen. Edward Said hatte schon vor fast 30 Jahren in seinem Buch "Orientalism. Western Concepts of the Orient" dazu aufgerufen, dabei aber die "German scholarship" ausdrücklich von imperialistischen Gedankengängen freigesprochen - ganz unzutreffend, wie Haridi jetzt zeigt.

Hermann Horstkotte

© Qantara.de 2005

Alexander Haridi: Das Paradigma der "islamischen Zivilisation" – oder die Begründung der deutschen Islamwissenschaft durch Carl Heinrich Becker (1878 – 1933). Ergon Verlag: Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt Bd. 19, Würzburg 2005. 204 Seiten. EUR 34,00.

Qantara.de

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