Die deutsche Nationalmannschaft trägt Trikots mit der Aufschrift "Menschenrechte" vor ihrem WM-Qualifikationsspiel gegen Island; Foto: Tobias Schwartz/Getty Images/AFP
Boykottaufrufe zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022

Die Kritik an Katar greift zu kurz

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 gibt es massive Kritik an menschenunwürdigen Zuständen für Arbeitsmigranten in Katar bis hin zu Forderungen nach einem Boykott der WM. Doch solche Forderungen übersehen sowohl die bereits eingeleiteten Reformschritte als auch die tieferliegenden Missstände im internationalen Migrationssystem, schreibt Sebastian Sons in seiner Analyse.

Es waren Symbole der Kritik und der Solidarität, die die deutsche, die niederländische und norwegische Nationalmannschaft vor den Spielen zur WM-Qualifikation Ende März präsentierten. Sie bekannten sich zu Menschenrechten und sendeten damit auch ein eindeutiges Signal an den Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022, Katar, das wegen massiver Menschenrechtsverletzungen und Arbeitsunfällen auf den WM-Baustellen seit Jahren in der Kritik steht. Deutsche Nationalspieler wie Toni Kroos oder Joshua Kimmich kritisierten die Zustände in Katar scharf und in den letzten Wochen wurden von unterschiedlicher Seite Forderungen nach einem WM-Boykott artikuliert.

Eurozentrische Fundamentalkritik?

In den Golfstaaten stoßen solche Anschuldigungen auf Kopfschütteln: In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus Katar, Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) werden sie als eurozentristische und normative Fundamentalkritik gesehen, die sich im eigentlichen Sinne nicht für die Interessen der Migranten interessiere, sondern vielmehr ein islamophobes Element beinhalten würden: Immerhin sei Katar kein traditionelles Fußballland und hätte allein aus diesem Grunde die WM nicht ausrichten dürfen. Kritik an den Zuständen in Katar wird also als scheinheilige Doppelmoral des Westens wahrgenommen, der der arabischen Welt eine WM nicht gönnen wolle. Eine ähnliche Kritik hatte bereits 2015 der frühere katarische Premierminister Sheikh Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani in Bezug auf die Korruptionsvorwürfe geäußert.

 

Strukturelle Gewalt gegen Arbeitsmigranten

Beide Sichtweisen – die Kritik an den Zuständen in Katar sowie die Reaktionen darauf – sind jedoch eher ein Ausdruck von politischer Polemik und verhindern einen konstruktiven Diskurs um das kontroverse Phänomen der strukturellen Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten. Ohne Frage leiden in Katar sowie in anderen arabischen Golfstaaten Millionen von Arbeitsmigranten aus Asien, Afrika und den arabischen Nachbarstaaten noch immer unter prekären Arbeitsbedingungen, was vor allem an einer Kombination aus Rechtsunsicherheit, einer kriminellen Rekrutierungsmafia und einflussreichen Lobbyisten liegt.

Basis der Ungleichbehandlung von Arbeitsmigranten in der Infrastruktur, im Dienstleistungssektor und vor allem im häuslichen Bereich war und ist das Bürgschaftssystem (Kafala).  Es versetzt den jeweiligen Sponsor, den Arbeitgeber, in eine asymmetrische Machtsituation gegenüber den Migrantinnen und Migranten. Jahrelang war es dem Kafil erlaubt, seinen rekrutierten ausländischen Arbeitskräften bei Einreise den Reisepass abzunehmen, ihnen Ruhetage oder Heimaturlaub zu verwehren oder ihnen den Arbeitgeberwechsel zu verbieten. Berichte von sexuellen und psychischen Misshandlungen vor allem von Hausangestellten und insbesondere die systematische Benachteiligung von ausländischen Bauarbeitern auf den WM-Baustellen Katars setzen die golfarabischen Regierungen zunehmend unter Druck, Reformen umzusetzen.

Katars Reaktion auf internationalen Druck

Insbesondere Katar hat in den letzten Jahren durchaus auf diesen internationalen Druck reagiert und Maßnahmen eingeführt, um die Arbeitsrechte der Migranten besser zu schützen. Dass solche Reformen sicher nicht vollumfänglich sind und auch nicht von einer kompletten Abschaffung des Kafala-Systems gesprochen werden kann, bemängeln Menschenrechtsorganisationen zu Recht.
Dennoch muss der Blick auf die Situation der Arbeitsmigranten in Katar differenziert betrachtet werden: Die katarische Regierung zeigt sich in der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern durchaus daran interessiert, die rechtlichen Rahmenbedingungen zugunsten der Arbeitsmigranten zu verbessern. So wurde der International Labour Organization (ILO) in Katar, anders als in anderen Golfstaaten, erlaubt, ein Büro zu eröffnen. Weiterhin führte Katar einen Mindestlohn und Beschwerdesysteme für Migranten, Arbeitsschutzmaßnahmen für Hausangestellte oder die Lockerung von Reisebeschränkungen für Migranten ein, die von der ILO als positive Schritte begrüßt werden. Auch Menschenrechtsorganisationen erkennen diese Veränderungen an, fordern aber weitere Verbesserungen insbesondere in der Umsetzung.

Ein neuer Diskurs über Arbeitsmigration

Zweifelsohne haben der internationale Druck auf Katar als Ausrichter der WM und die globale Öffentlichkeit zu einem politischen und gesellschaftlichen Umdenken in Katar beigetragen: Das Bewusstsein, sich bei der Ungleichbehandlung von Migrantinnen und  Migranten im Recht zu befinden oder die Migranten mit xenophober Ablehnung und Ausgrenzung behandeln zu können, ist aus unterschiedlichen Gründen in allen Golfstaaten immer noch an der Tagesordnung. Allerdings wird die Stigmatisierung von Migranten als "Schmarotzern“, die den einheimischen Arbeitskräften die raren Jobs wegnehmen, von verschiedenen Seiten herausgefordert.

Als Migranten nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie als Überträger des Virus gebrandmarkt und zu Tausenden ausgewiesen wurden, entstanden in den sozialen Medien Kampagnen, die auf die Bedeutung der Migranten als integralem Bestandteil der golfarabischen Gesellschaften hinwiesen und Solidarität mit ihren muslimischen Brüdern und Schwestern forderten. Vereinzelte lokale Initiativen und private Stiftungen versuchen ebenfalls, den sozialen Missständen entgegenzutreten, indem sie Hilfsleistungen für Migrantinnen und Migranten anbieten.

Daneben haben nicht nur die katarische, sondern auch die anderen Regierungen der Golfstaaten begriffen, dass die Misshandlung von Migranten ihrem internationalen Ansehen massiv schadet. Dies beeinträchtigt ihre ambitionierten Ziele, die ölabhängigen Wirtschaften zu diversifizieren, Auslandsinvestitionen anzulocken und Arbeitsplätze zu schaffen. Auch vor diesem Hintergrund sind die eingeführten Änderungen ein wichtiger Bestandteil ihrer Markenpositionierung – ein Argument, welches nicht unterschätzt werden sollte. Damit will man einerseits die internationale Kritik abfedern, andererseits das eigene Geschäftsmodell sichern. Deswegen würde ein Boykott der WM nicht nur zu spät kommen, sondern auch den angestoßenen Reformwillen in den Golfstaaten unterminieren und die Beharrungskräfte stärken.

Entsendestaaten brauchen die Rücküberweisungen

Weiterhin verstellt die eindimensionale Fokussierung auf die Situation in Katar den Blick auf die prekäre Situation während des gesamten Migrationsprozesses: Noch immer stehen Migranten unter extremem existenziellen Druck, nicht nur ihren, sondern auch den Lebensunterhalt ihrer gesamten Familie mit ihrem Aufenthalt in den Golfstaaten aufbringen zu müssen. Immerhin liegt der Durchschnittslohn in Saudi-Arabien vier Mal so hoch wie in Entsendeländern wie Pakistan.

Ein Großteil davon wird in die Heimat überwiesen. Oftmals sehen Migrantinnen und Migranten ihre Familien viele Jahre nicht und sind nach ihrer Rückkehr mit der neuen Situation, sich in veränderte Familienstrukturen einzugliedern, überfordert. Krisengeplagte Entsendestaaten in Südasien wie Pakistan oder Bangladesch sind auf die Rücküberweisungen angewiesen, um ihre maroden Wirtschaften vor dem Kollaps zu bewahren. 2018 stammten 78,4 von insgesamt 131 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen nach Südasien aus den Golfstaaten. Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erhielten südasiatische Entsendestaaten 21,2 Prozent, aus Saudi-Arabien 18 Prozent und aus Katar 6,2 Prozent der Rücküberweisungen.

Um diese Einnahmen nicht zu gefährden, setzen sich die Heimatregierungen der Migranten zu wenig für deren Rechte im Ausland ein. So werden immer noch viele pakistanische Migranten von ihren Rekrutierungsagenturen gezwungen, Drogen zu schmuggeln. Bei der Einreise in die Golfstaaten werden sie häufig inhaftiert und zum Tode verurteilt. Ihnen wird zumeist kein konsularischer Schutz zur Verfügung gestellt, während die Drahtzieher – die mächtigen Rekrutierungsagenturen, die die Migration organisieren – zumeist nicht belangt werden.

Diese Rekrutierungsmafia verfügt seit Generationen über enormen Einfluss: 69 Prozent aller pakistanischen Migranten müssen sich verschulden, um die hohen Rekrutierungsgebühren aufbringen zu können: Im Falle von Saudi-Arabien liegen die Gesamtkosten für eine Ausreise bei fast 4.300 US-Dollar. So stehen die Migrantinnen und Migranten unter einem dreifachen Druck: Zum einen begeben sie sich in die Kontrolle der Agenten, zum anderen müssen sie ihre Schuldner auszahlen sowie ihren daheimgebliebenen Familien beweisen, dass sie im Ausland nicht versagen und die Hoffnung auf eine Flucht aus der Armut erfüllen.

 

Kriminalisiertes Migrationssystem

Dieser psychische Druck lässt sich also nicht nur auf die Bedingungen im Aufnahmeland, sondern generell auf das kriminalisierte Migrationssystem zurückführen. Um also Migrationsbedingungen nachhaltig zu verbessern, muss die Situation in den Golfstaaten weiter reformiert werden, indem das Kafala-System ohne Ausnahme abgeschafft wird. Weiterhin müssen aber auch die Migrationsströme besser kontrolliert werden, um Migranten und ihre Familien vor Ausbeutung zu schützen.

Hierbei brauchen die Entsendestaaten Unterstützung, indem der Migrationsdruck durch wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land gefördert und die Macht der Rekrutierungsagenturen nachhaltig gebrochen wird. Die gravierenden Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die wirtschaftlichen Krisen in den Entsendestaaten massiv verschärft, was in Zukunft auch den Zwang zur Migration erhöhen dürfte, während die Golfstaaten langfristig die Zahl der Arbeitsmigranten reduzieren und verstärkt auf einheimische Arbeitskräfte setzen wollen.

Ein konstruktiver und inklusiver Dialog ist notwendig

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht es mehr, als Kritik an Katar. Es braucht einen konstruktiven und inklusiven Dialog, in dem die Bemühungen von internationalen Organisationen wie der ILO, von allen Golfstaaten sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Entsendestaaten und Europa gebündelt werden. In den letzten Jahren hat sich die Bereitschaft vieler Golfstaaten erhöht, in einen solchen Austausch zu treten wie z. B. der Abu Dhabi Dialogue zeigt. Doch solche Foren können nur der Anfang sein. Die Golfstaaten sowie die internationale Gemeinschaft müssen sich noch stärker als bisher ihrer Verantwortung bewusstwerden – nicht nur im Inland, sondern auch in den Herkunftsländern der Migranten. Außerdem sollten Interessensvertretungen der Diasporagemeinschaften in einen solchen Dialog stärker als bisher einbezogen werden. Immerhin sind es ihre Rechte, die transnational geschützt werden müssen. 

Ein solcher Prozess braucht allerdings eine konstruktive Diskussion unter Einbeziehung aller Partner. Eindimensionale Kritik dagegen führt nicht zu Fortschritten, sondern vertieft die Gräben.

Sebastian Sons

© Qantara.de 2021    

Dr. Sebastian Sons ist Wissenschaftler und Experte für die arabischen Golfstaaten beim Bonner Forschungsinstitut CARPO. Er promovierte zu pakistanischer Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien und ist Autor des Sachbuchs "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter“ (Propyläen Verlag 2016).

 

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