Biennale Jogja XII Equator #2

Indonesiens Kunstszene erkundet die arabische Welt

In diesem Jahr präsentieren 35 Künstler und Künstlergruppen aus Indonesien und verschiedenen arabischen Staaten in Jogjakarta ihre Werke zum Thema Mobilität. Christina Schott hat sich auf der Biennale umgesehen.

Viele Jahrhunderte zurück reichen die Verbindungen zwischen Indonesien und den arabischen Ländern – angefangen bei arabischen Gewürzhändlern, die bereits seit dem 8. Jahrhundert auf den fernöstlichen Inseln unterwegs waren. Seit dem 13. Jahrhundert halfen sie bei der Verbreitung des Islam und prägten nicht nur bis heute den Wortschatz der indonesischen Sprache, sondern auch Regierungsformen, Architektur und andere Kunstdisziplinen in diversen Regionen des Archipels.

Hohe Erwartungen schürte daher die Wahl der arabischen Region als Partner für die 12. Biennale Jogja, einer der wichtigsten kontemporären Kunstevents in Indonesien und Südostasien. Die Ausstellung mit dem Titel "Not A Dead End" ist die zweite Folge der Äquator-Serie, die 2011 mit dem Partnerland Indien begonnen hatte.

Bis 2022 konzentrieren sich die Veranstalter auf Regionen in der Nähe des Äquators: Auf diese Weise sollen die eingefahrenen Parameter von Nord und Süd, von arm und reich aufgebrochen werden, die sich auch im globalen Diskurs der kontemporären Kunst festgesetzt haben.

Insgesamt 35 Künstler und Künstlergruppen zeigen in fünf Galerien Jogjakartas ihre Werke: 19 aus Indonesien, acht aus Ägypten, zwei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), sowie je ein Künstler aus Oman, Palästina, Saudi-Arabien und aus dem Jemen, außerdem je ein Künstler aus Indien und den Niederlanden.

Synkretistische Islambilder

"Unsere Aufmerksamkeit war natürlich auf soziale, kulturelle und vor allem religiöse Beziehungen gerichtet. Das war unvermeidbar, da die Kulturgeschichte von Indonesien und den arabischen Ländern seit mehreren Jahrhunderten durch den Islam miteinander verbunden ist", erläutert Kurator Agung Hujatnikajennong in seiner Einführung. "Indonesien aber nur aufgrund der ähnlichen religiösen Identität mit der arabischen Region zusammenzubringen, wäre eine irreführende Vereinfachung. Der Islam in Indonesien hat sich seinen eigenen Weg gesucht: Vielfältige Rituale und Traditionen beweisen, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Java, und Jogjakarta, einen synkretistischen Islam praktizieren."

Genau dieses Thema griff der chinesischstämmige Maler F.X. Harsono auf. Er recherchierte intensiv in seiner Heimatregion um die javanische Küstenstadt Cirebon, wo arabische, chinesische, javanische und sundanesische Einflüsse eine einzigartige Mischkultur entstehen lassen haben.

Seine Installation "Purification" zeigt eine ganze Ansammlung von Fundstücken von lokalen Märkten, etwa chinesische Wandbehänge oder billige Aluminiumkessel mit dem Aufdruck einer Kamelkarawane vor Sanddünen und Palmen, die auch schon mal als Souvenirs für Hadsch-Heimkehrer herhalten müssen. Diese arrangiert er teils als wertvolle Museumsexponate.

Dina Danishs Installation auf der Biennale Jogja XII 2013 - batik dyeing on cotton fabric
Experimente mit moderner Umsetzung javanischer Batiktechnik: In Dina Danishs Werken sind die technischen Zeichnungen eines Elektrostifts beziehungsweise einer Computertastatur auf knallblauen Stoffbahnen gebatikt.

Dem Betrachter drängt sich angesichts dieser Umfunktionierung einfacher Gebrauchsgegenstände zum Statussymbol die Frage nach dem Sinn der seelischen Reinigung durch die Pilgerfahrt nach Mekka auf. Verstärkt wird der Effekt durch eine chinesisch-javanische Teetafel, hinter der die Aufnahme eines alten synkretistischen Rituals läuft.

Auch der Grafiker und Performancekünstler Tisna Sanjaya aus Bandung inszenierte zur Eröffnung ein synkretistisches Ritual: Während er sich auf einer schwingenden Jahrmarkts-Schiffsschaukel mit einem islamischen Vorbeter unterhielt und den Zuschauern bunte Bälle zuwarf, trugen Musiker in javanischen Kostümen einen traditionellen Gesang vor, begleitet von einer Art Sitztanz. Der beabsichtigte konterkarrierende Effekt ging leider im einsetzenden Regen unter.

Eine äußerst ernüchternde Sicht der "puren" Hadsch wiederum, zeigen Fotos und Video des saudischen Künstlers Ahmed Mater: Mehr als drei Millionen Menschen wälzen sich zur Pilgersaison über betonierte Fußgänger-Highways, vorbei an unzähligen Großbaustellen von neuen Pilgerbettenburgen, kaum beachtet von den oberen Zehntausend, die in weich gepolsterten Luxusappartements mit Blick auf die Kaaba wohnen.

Pilgerfahrt und Arbeitsmigration im Fokus

Die jüngsten politischen Entwicklungen in den fünf ausgewählten arabischen Ländern spielen überraschenderweise in keinem der Werke eine Rolle. „Natürlich wurden alle wichtigen Themen diskutiert, aber was am Ende ausgewählt wurde, musste für Jogjakarta und Indonesien auch von Bedeutung sein“, erklärt Yustina Neni, Direktorin der Yogyakarta Biennale Stiftung, die die Ausstellung organisiert. "Im Kontext unserer Partnerländer sind das in erster Linie die Hadsch und die Arbeitsmigration. Aber eben auch das ganz normale Leben."

Um den Alltag im jeweiligen anderen Land kennen zu lernen, hat die diesjährige Biennale erstmals ein Residenzprogramm eingeführt: Die indonesischen Installationskünstler Duto Hardono und Venzha Christiawan reisten nach Kairo, die Multimedia-Künstlerinnen Prilla Tania und Tintin Wulia arbeiteten je einen Monat in Sharjah. Im Gegenzug verbrachten Dina Danish und Magdy Mostafa aus Ägypten, Salwa Aleryani aus dem Jemen sowie der teils in Dubai lebende Inder Ubik einige Wochen in Jogjakarta.

Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich: Während Ubik sich zum Beispiel in seiner kleinteiligen Wandinstallation"Of Specter and Objects" mit der (anti-)kommunistischen Vergangenheit Indonesiens auseinandersetzt, experimentierte Dina Danish mit der modernen Umsetzung javanischen Batiktechnik – dokumentiert in ihren Werken "Electronic Stylus" und Polytel Keyport“, in denen die technischen Zeichnungen eines Elektrostifts beziehungsweise einer Computertastatur auf knallblauen Stoffbahnen gebatikt sind.

Die in Australien lebende Indonesierin Tintin Wulia wiederum hat sich in Sharjah intensiv mit dem globalen Nomadentum auseinandergesetzt: In ihrer beeindruckenden Soundinstallation "Babel" flüstern, singen oder schreien aus Bäumen, hinter Treppen und Pfeilern im üppigen Garten der Galerie SaRang Stimmen kontemporäre arabische Gedichte und Lieder, in verschiedene Sprachen übersetzt.

Bei diesem Werk werden nicht nur die sprachlichen und sozialen Grenzen von Globetrottern, Migranten und Heimatlosen deutlich, sondern auch die Schwierigkeit, sich nach der Überwindung derselben auf gleicher Höhe zu verständigen.

Christina Schott

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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