Berlinale 2016

Filme im Zeichen der Willkommenskultur

Neben Glamour, Starrummel und Preisverleihungen wird nachhaltig daran erinnert, dass die Berlinale auch in diesem Jahr das wohl weltweit politischste der großen Filmfestivals ist. Im Fokus der 66. Berlinale steht vor allem die europäische Flüchtlingskrise. Einzelheiten von Jochen Kürten

"Der Clash der Kulturen ist meines Erachtens der wahre Grund, warum die Berlinale eine so große Ausstrahlungskraft hat", sagte Festivalchef Dieter Kosslick schon im Vorfeld der Berlinale 2015. Ein Jahr später steht jetzt das Flüchtlingsthema im Fokus der Filmfestspiele. Die Berlinale ist zwar eine große, internationale Kulturveranstaltung, setzt sich aber immer wieder mit gesellschaftlich und politisch relevanten Themen auseinander. Kosslick kann das mit Beispielen belegen. Der von ihm zitierte "Clash der Kulturen" ist bei der Berlinale tief verwurzelt, er gehöre zur "Berlinale-DNA", wie der umtriebige Festivalleiter stets betont.

Die Berlinale war schon immer ein politisches Festival

"Als die Berlinale vor 66 Jahren ins Leben gerufen wurde, waren in Europa auch Millionen Deutsche auf der Flucht oder von Vertreibung traumatisiert", heißt es von Seiten des Festivals. Die Berlinale habe es sich zur Aufgabe gemacht, Verständigung, Toleranz und Akzeptanz zu fördern. Seither habe sie immer auf gesellschaftliche Situationen regiert. Wenn die anderen großen Festivals des Kontinents, Cannes und Venedig, das von sich behaupten würden, wäre das viel weniger glaubwürdig.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick; Foto: Getty Images/AFP/O. Andersen
Eine Plattform zu bieten für soziale und politische Reflexionen ist tief verwurzelt in der Tradition des Festivals: "Es ist Teil der DNA der Berlinale", sagt Dieter Kosslick, Direktor des Filmfestivals seit 2001.

Die Berlinale hingegen war immer ein politisches Festival, mal weniger, meist aber mehr. So politisch, dass gerade das dem Festival auch vorgeworfen wurde: die Berlinale zeige zwar viel gesellschaftlich relevantes Kino, widme sich aber zu wenig ästhetischen Entwicklungen des Films. Da ist durchaus etwas Wahres dran. Nicht selten hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, dass die Gewinner der Silbernen und des Goldenen Bären nur deshalb ausgewählt wurden, weil sie "politisch wichtig" und nicht weil sie ästhetisch innovativ waren.

Trotzdem: Die Berlinale konnte schon immer mit Vielfalt punkten. In den diversen Festivalsektionen, vor allem in jenen abseits des glamourösen Wettbewerbs, laufen Jahr für Jahr Dokumentation, politisches Essayfilme, engagierte und kritische Spielfilme. Randgruppen der Gesellschaft kommen bei der Berlinale stets zu Wort. Auch Flüchtlinge standen so schon oft im Fokus der Berlinale.

Berlinale-Motto 2016: "Das Recht auf Glück"

Kosslick erinnert in diesem Zusammenhang an das für ihn bewegendste Ereignis, das er bisher als Chef des Festivals erlebt hat: "Der für mich intensivste Moment, im dem die Utopie der Realität und das Kino mit der Wirklichkeit zusammen kamen, war der letzte Tag der Berlinale 2003." Drinnen wurde der Sieger des Goldenen Bären verkündet, Michael Winterbottoms Film "In this World", der die Flucht dreier Afghanen aus dem vom Krieg zerrütteten Land zeigt; gleichzeitig demonstrierten draußen rund um den Potsdamer Platz über 400.000 Menschen gegen die Invasion im Irak. "Da waren die Berlinale und das Kino buchstäblich 'in this world'", erinnert sich Kosslick.

Für solch ein Zusammenspiel zwischen Film und Realität, zwischen Kultur und Politik, gibt es zahlreiche Beispiele in der Berlinale-Historie. 2006 wurde in Berlin das Bosnien-Drama "Grbavica" ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr gewann der in Teheran heimlich gedrehte Film "Taxi" von Jafar Panahi den Goldenen Bären der Berlinale. "Nicht nur ein mutiges Werk", wie Kosslick betont, "sondern eines, das das Recht auf Meinungsfreiheit auch in künstlerisch grandioser Form zum Ausdruck bringt."

"Das Recht auf Glück" heißt das Motto der 66. Berlinale, und zum Glück des Menschen gehören die Meinungsfreiheit ebenso wie das Recht auf Nahrung, die Wahl des Lebensmittelpunkts und die freie Religionsausübung. Natürlich hätte das Motto auch zu früheren Jahrgängen der Filmfestspiele gepasst, doch in diesem Jahr scheint es besonders gut gewählt. Etliche Beiträge in allen Sektionen des Festivals beschäftigen sich mit den aktuellen Themen Flucht, Vertreibung und Integration.

"Die Berlinale als Teil der Willkommenskultur"

Doch die 66. Berlinale engagiert sich auch über die reine Vorführung der Filme hinaus. Zahlreiche Aktivitäten sind angekündigt. Ticket-Ermäßigungen, freie Platzkontingente, Patenschaften - all das soll Flüchtlingen zugute kommen. "Im letzten Jahr haben 79.034 Menschen in Berlin Zuflucht gesucht", heißt es von Festivalseite: "Als Publikumsfestival und Großereignis der Stadt sieht sich die Berlinale in der Verantwortung, ihren Teil zur Berliner Willkommenskultur beizutragen."

Erstmals wird in großem Stil auch Geld gesammelt - beim Publikum, bei den zahlreichen Gästen aus aller Welt, bei der Prominenz: Geld, das Organisationen zugute kommen soll, die sich um Flüchtlinge kümmern, traumatisierten Menschen helfen und Sprachkurse fördern.

Das kann durchaus auch sinnliche Seiten haben: Eine Berliner Flüchtlingsinitiative macht mit kulinarischen Vorlieben der Menschen aus aller Welt bekannt. Und Flüchtlingskinder sollen bei Workshops etwas über den Umgang mit Medien in der westlichen Welt lernen.

So wird die 66. Ausgabe der Berlinale ganz zweifellos dazu beitragen, dass das Thema Flüchtlinge im Fokus bleibt. Neben Glamour, Starrummel und rotem Teppich, neben Preisverleihungen und Premierenpartys wird nachhaltig daran erinnert werden, dass die Berlinale auch in diesem Jahr das politischste der großen Filmfestivals auf der Welt ist. Der Zusammenprall der Kulturen, in den Kinosälen und auch abseits der Filmtheater, wird die "Berlinale-DNA" bestimmen.

Jochen Kürten

© Deutsche Welle 2016

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.