Assaf Gavrons Roman "Achtzehn Hiebe"

Strafe muss sein

Der israelische Bestsellerautor Assaf Gavron hat in seinem neuen Roman seinen Helden Eitan Einoch aus "Ein schönes Attentat" nach zehn Jahren reaktiviert. Zusammen mit einem Freund ermittelt Eitan als Hobbydetektiv in einem spannenden Kriminalfall, der in die britische Besatzungszeit Palästinas zurückführt. Von Volker Kaminski

Eitan Einoch scheint als Taxifahrer endlich den Job gefunden zu haben, der zu seinem unsteten Leben passt. Nach seinem kurzen medialen Ruhm als Überlebender dreier Terroranschläge an einem Tag musste Eitan ein paar private Niederlagen verkraften. Seine Beziehung ging in die Brüche, doch nun scheint alles im Lot, er fährt seine Kunden kreuz und quer durch die Stadt, kaut unablässig Erdnüsse, boxt in seiner Freizeit in einem Sportverein und freut sich auf die Tage, an denen er seine kleine Tochter treffen kann, die bei ihrer Mutter lebt.

Von der ersten Seite an stellt sich der bekannte 'Sound' wieder ein, den wir von der früheren Begegnung mit Eitan Einoch, dem "Krokodil der Anschläge", kennen.

Wie Gavron uns Eitans Leben als Taxifahrer in der modernen Großstadt schildert, die unterschiedlichen Protagonisten seines Romans beschreibt und das Ganze mit einer kräftigen Prise "Sex and Crime" würzt, ist ein Genuss und auf jeder Seite unterhaltsam.

Doch Gavron begnügt sich nicht damit, eine Alltagsgeschichte zu erzählen: Zielsicher wie im Krimilehrbuch lässt er die "große Unbekannte" gleich in der Eingangsszene in Eitans Taxi steigen. Lotta Perl, eine alte jüdische Frau, die noch im Altersheim einen türkisfarbenen Schal und eine ausladende Sonnenbrille trägt und sich die Lippen schminkt, wird bald zum Stammgast in Eitans Taxi.

Jeden Tag fährt er sie zum Trumpeldorfriedhof, wo sie das Grab ihres kürzlich verstorbenen irischen Jugendgeliebten besucht. Doch was sie für Eitan interessant macht, ist nicht nur ihr großzügiges Trinkgeld und ihre Fünf-Sterne-Bewertungen in der Taxi-App, sondern ihre Aussage, ihr Geliebter sei ermordet worden und ihr eigenes Leben sei in Gefahr.

Der israelische Schriftsteller Assaf Gavron: Foto philippe matsas / agence opale
Ein Kriminalroman, der sich nah an der heutigen Gegenwart bewegt: Mit Leichtigkeit gelingt es Gavron die private Geschichte der vier Protagonisten mit der großen Weltpolitik in Beziehung zu setzen und die martialische, titelgebende Bestrafung sogar ursächlich in die Entstehung des Staates Israel einzubauen, schreibt der Literaturkritiker Volker Kaminski.

Spiel mit der Genre-Literatur

Eitan und sein Freund Bar übernehmen bereitwillig die Ermittlungen, und so baut sich in rascher Folge ein komplexer Kriminalfall auf. Ausgangspunkt ist die so genannte "Mandatszeit" (1920 bis 1948), als britische Soldaten Palästina besetzt hielten und dabei in blutige Konflikte mit arabischen und jüdischen Untergrundorganisationen (wie die "Etzel") gerieten, die letztlich zum Abzug der Briten und der Gründung Israels führten.

Zu der Zeit ist es den Soldaten der Besatzungsmacht streng verboten sich mit jüdischen Frauen zu befreunden – doch genau dies geschieht: Die junge Lotta Perl und ihre Freundin Ruti verlieben sich in zwei Soldaten, haben bald feste Beziehungen mit ihnen und verbringen zusammen als "Kleeblatt" einen heißen Sommer der Liebe in den Kneipen Haifas und an den Stränden des Mittelmeers.

In jener politisch aufgewühlten Zeit kurz vor der Gründung Israels kommt es immer wieder zu Terroraktionen und in der Folge zu Verurteilungen der gefassten Untergrundaktivisten. So erhält ein junger Hebräer, der nach einem Bankraub geschnappt wurde, die drakonische Strafe von achtzehn Peitschenhieben.

Dieser ungewöhnlich grausame Vorfall und die daraus resultierenden Reaktionen der Gegenseite werden zu den entscheidenden Ereignissen im Roman, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon über sechzig Jahre zurückliegen.

Doch die Vergangenheit kehrt zurück, als sich das "Kleeblatt" von einst wieder in der Gegenwart in Israel versammelt und einer der Männer plötzlich und unerwartet stirbt – eben jener Geliebte Lottas. Wurde er ermordet, wie Lotta behauptet? Ehe diese Frage geklärt werden kann, gibt es bereits ein zweites Todesopfer, und die beiden Hobbyermittler haben bald alle Hände voll zu tun und geraten dabei auch selbst in Gefahr.

Unsterbliche Liebe und grausame Rache

Natürlich darf hier nicht zuviel von der Handlung verraten werden, die Gavron sehr geschickt und mit jeder Menge ‚falscher Fährten’ aufzubauen versteht. Auch wenn ihm dabei ein paar Ungereimtheiten unterlaufen und wir uns verwundert fragen, warum von dem immer brisanter werdenden Fall, in dem es mehrere Leichen gibt, nichts an die Ohren der Polizei dringt, besteht das große Lesevergnügen vor allem darin, dass die zwei Hobbyermittler über weite Strecken im Dunkeln tappen und wir als Leser ebenso nur stückweise die Wahrheit erfahren.

Obwohl sich die Geschichte stellenweise wie eine überdrehte Krimikomödie liest, in der auch typische Elemente wie Diamantenschmuggel, alte Rechnungen und nackte Geldgier nicht fehlen dürfen, besitzt er doch einen ernsten Hintergrund, der von unsterblicher Liebe und grausamer Rache erzählt.

Über den Kriminalfall hinaus lernen wir aus den Erzählungen Lottas und anderer Beteiligter viel über Geheimdienstaktionen aus der „Mandatszeit“ und den Widerstandskampf der "Etzel" und davon, wie verhängnisvoll sich jene achtzehn Peitschenhiebe für die zwei Liebespaare auswirkten.

Mit Leichtigkeit gelingt es Gavron die private Geschichte der vier Protagonisten mit der großen Weltpolitik in Beziehung zu setzen und die martialische, titelgebende Bestrafung sogar ursächlich in die Entstehung des Staates Israel einzubauen.

Ein Kriminalroman, der sich nah an der heutigen Gegenwart bewegt und dabei doch viel über unzerstörbare Bindungen eines langen Lebens erzählt.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2018

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