Armenier in Frankreich

Schrei nach Hilfe für Berg-Karabach

Die armenische Diaspora in Frankreich fordert von der Regierung, Armenien im Konflikt um Berg-Karabach zu unterstützen. Doch Präsident Emmanuel Macron lässt klaren Worten keine Taten folgen. Aus Paris informiert Lisa Louis.

Dutzende Frauen und Männer strömen auf den Platz hinter der Assemblée Nationale, dem französischen Parlament. Sie schwenken die rot-blau-orangefarbene Flagge von Armenien oder sind darin eingehüllt. Manche halten Schilder hoch wie "Erkennt die Republik Berg-Karabach an!" und "Stoppt Erdogan!". Laut rufen sie "Hajastan!" ("Armenien!").

Die Gesichter hinter den Masken sind angespannt, die Nervosität ist spürbar. Die Demonstranten sind an diesem Dienstag in Paris auf der Straße, weil sie sich von Frankreich erhoffen, dass es Armenien tatkräftige Hilfe leistet im Konflikt mit Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach. Schließlich wohnt in Frankreich die größte armenische Diaspora, mit bis zu 600.000 Armeniern. Doch bisher ist die französische Regierung eher zurückhaltend - zumindest, was Taten angeht.

"Unser Schrei kommt aus tiefstem Herzen", ruft Franck Papazian von einer kleinen Bühne aus der Menge zu, die inzwischen auf mehrere Hundert Menschen angeschwollen ist. Er ist Ko-Vorsitzender des Koordinationskomitees Armenischer Organisationen in Frankreich (CCAF), das diese Demonstration für Hilfe für Berg-Karabach organisiert hat, genauso wie etwa ein Dutzend weitere in den vergangenen Wochen, in Paris und ganz Frankreich.

"Wir können dieses Massaker an Armeniern nicht einfach geschehen lassen - wir brauchen eine Friedenstruppe vor Ort!" Die Menge jubelt ihm zu. Dann wird Franck Papazians Stimme ruhig: "Wir bitten darum. Man wird später nicht behaupten können, man hätte es nicht gewusst."

Macron: Die Türkei hat "eine rote Linie überschritten"

Infografik Konfliktregion Berg-Karabach und den Nachbarstaaten; Quelle: DW/AP
Spielball regionaler Mächte: Berg-Karabach hatte während des Zerfalls der Sowjetunion einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Darauf folgte in den 90er Jahren ein Krieg mit 30.000 Toten. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird bis heute international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt. Beobachter fürchten, dass sich der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der Türkei im Kaukasus ausweiten könnte.

Der Jahrzehnte alte Konflikt um die Region ist Ende September erneut aufgeflammt. In Berg-Karabach leben überwiegend Armenier, die Region gehört aber völkerrechtlich zu Aserbaidschan. Seit einem blutigen Krieg in den frühen 1990er Jahren wird Berg-Karabach von Armenien kontrolliert. Die selbsternannte Republik Arzach, wie Berg-Karabach sich nennt, wird nur von Armenien anerkannt. Nachdem die jüngsten Kämpfe begonnen haben, sind Hunderte Menschen gestorben und Zehntausende auf der Flucht, so heißt es. 

In der Auseinandersetzung wird Aserbaidschan von der Türkei unterstützt. Die Regierung in Ankara habe schon Hunderte Söldner und Dschihadisten nach Berg-Karabach entsandt, so Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Anfang Oktober. "Eine rote Linie ist überschritten - das ist inakzeptabel", sagte er.

Als Ko-Vorsitzender der Minsk-Gruppe setze er sich für einen sofortigen Waffenstillstand ein. Die Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) versucht seit 1992, im Berg-Karabach-Konflikt zu vermitteln; den Vorsitz teilen sich Frankreich, Russland und die USA. Doch zwei kürzlich ausgehandelte Waffenruhen wurden sofort wieder gebrochen - beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, als erste gegen die Feuerpause verstoßen zu haben.

Sehr viel mehr als Worte scheint Frankreich bezüglich der "roten Linie" jedoch zunächst nicht geplant zu haben. Auf die Frage hin, ob die Regierung nun weitere Maßnahmen gegen die Türkei plane, wie zum Beispiel wirtschaftliche Sanktionen, verwies ein Sprecher des Elysée-Palastes gegenüber der Deutschen Welle nur darauf, dass Frankreich im Rahmen der Minsker Gruppe dafür sorgen wolle, dass die Waffenruhe respektiert werde.

Armenier fühlen sich an den Genozid erinnert

Für Talin Mungan ist das nicht genug - sie will, dass Frankreich sofort jede politische und wirtschaftliche Verbindung mit der Türkei abbricht. Die 33-Jährige, armenische Flaggen um den Kopf und die Schultern gewickelt, ist mit etwa 20 weiteren Französisch-Armeniern aus Marseille in Südfrankreich nach Paris gekommen, extra zur Demo. "Dieser Konflikt ist die Fortsetzung des armenischen Genozids 1915 und 1916, bei dem die Türkei über eine Million Armenier getötet hat," erklärt sie der DW. Damals hätten ihre Großeltern in die Berge fliehen müssen. Sie seien von Kurden versteckt worden, hätten ihre Namen ändern und vorgeben müssen, sie seien Muslime. "Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie man jetzt unsere Brüder und Schwestern im Berg-Karabach massakriert," fordert sie.

Fünf Meter weiter steht der 40-jährige Samo, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Er stammt aus der westarmenischen Region Ararat und wohnt mit seinen drei Kindern seit zehn Jahren in Frankreich. "Zwei Dutzend meiner Freunde in Armenien sind nach Berg-Karabach in den Krieg gezogen, um an der Seite unserer Landsleute zu kämpfen", erzählt er der DW. "Ich habe Angst um sie, aber wenn ich in Armenien wäre, würde ich das gleiche tun. Wir haben keine Wahl - wir müssen unser Land verteidigen, wenn nötig, mit unserem Leben! Sollte Aserbaidschan Berg-Karabach erobern, werden sie sich bestimmt nicht damit zufrieden geben und auch den Rest Armeniens einnehmen wollen."

Armenier als Sündenböcke für Baku und Ankara

Solche Ängste und Vergleiche mit dem armenischen Genozid sind durchaus berechtigt, betont Mikaël Nichanian, einem auf armenische Geschichte spezialisierten Historiker an Frankreichs Nationalbibliothek, der selbst armenischer Herkunft ist. "Selbst ohne das direkte Eingreifen der Türkei könnte man eine solche Verbindung sehen", erklärt er gegenüber der DW. "Schließlich haben aserbaidschanische Politiker am armenischen Völkermord teilgenommen - sie waren Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt, das den Genozid in der Türkei erdacht hat."

Außerdem hätten Aserbaidschaner 1918 rund 20.000 Armenier in der Hauptstadt Baku niedergemetzelt, unter Anleitung der Türkei. "Beide Staaten gründen in einem Hass auf Armenier, die sie vor über einem Jahrhundert zum Sündenbock und Erzfeind erklärt haben. So vereinen sie ihre Bürger hinter einem gemeinsamen Ziel, um ihre autoritären Regimes aufrechtzuerhalten", urteilt er.

Französische Abgeordnete machen Druck auf Macron

Für ein aktiveres Vorgehen Frankreichs plädieren auch Parlamentarier aus Macrons Partei La République en Marche (LREM). Einige von ihnen haben eine Resolution unterzeichnet, die die Regierung auffordert, die Unabhängigkeit Berg-Karabachs anzuerkennen.

Armenische Demonstrantinnen Talin Mungan (links) and ihre Cousine in Paris; Foto: Lisa Louis/DW
"Erkennt die Republik Berg-Karabach an!": In Paris waren am vergangenen Dienstag zahlreiche Demonstranten auf die Straße gegangen, weil sie sich von Frankreich erhoffen, dass es Armenien tatkräftige Hilfe leistet im Konflikt mit Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach. In Frankreich die größte armenische Diaspora, mit bis zu 600.000 Armeniern.

Zum Beispiel Anne-Laurence Petel, LREM-Abgeordnete des südwestlichen Départements Bouches-du-Rhône. "Dabei geht es nicht nur um den Kaukasus", sagt sie gegenüber DW. "Man muss den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Schranken weisen. Er betreibt eine klare Expansionspolitik - auch im Mittelmeer, wo er sich mit Griechenland und Zypern um die Gasvorkommen streitet." Da müsse die EU gegenhalten - sonst besetze die Türkei bald auch Zypern und die griechischen Inseln.

Dem pflichtet ihr Kollege Guillaume Kasbarian bei, LREM-Parlamentarier des nordfranzösischen Départements Eure-et-Loir und armenischen Ursprungs. Er zieht eine weitere historische Parallele. "Im Jugoslawien-Krieg hat unser damaliger Präsident Jacques Chirac gezielte Luftattacken der NATO unterstützt, die schließlich den jugoslawischen Präsident Slobodan Milosevic in die Knie gezwungen und eine Eskalation verhindert haben. Auch wir müssen jetzt Zähne zeigen - sich nur auf die Bemühungen der Minsk-Gruppe zu berufen, ist nicht genug."

Die Demonstranten auf dem Platz hinter der Assemblée Nationale sind jedenfalls fest entschlossen, so lange zu protestieren, bis Frankreich und die internationale Gemeinschaft stärker eingreifen. "Wir werden diesem Massaker nicht tatenlos zusehen!" ruft Papazian ins Mikrofon. "In ein paar Tagen kommen wir wieder, und jeder von Euch sollte da sein und zehn weitere Leute mitbringen, so dass wir immer mehr werden." - "Ja!" schreit die Menge ihm entgegen. "Die Zeit drängt - morgen könnte es zu spät sein."

Lisa Louis

© Deutsche Welle 2020

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