Arabische Entwicklungsberichte des UNDP

Ideologisch gefärbt und eindimensional

Der renommierte Soziologe Faleh Abdul-Jabar kritisiert in seinem Essay die einseitige Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Zustände im "Arabischen Bericht über die menschliche Entwicklung" am Beispiel des Iraks.

Faleh Abdul-Jabar; Foto: DW
Fehlende wissenschaftliche Analyse und zu starke Voreingenommenheit bescheinigt der irakische Soziologe Faleh Abdul-Jabar den jüngsten UNDP-Berichten zur Entwicklung der arabischen Welt.

​​Die Herausgabe des "Arabischen Berichts über die menschliche Entwicklung" (AHDR) vor wenigen Tagen in Beirut sowie die daraus resultierende Kontroverse haben völlig vergessen lassen, dass nun auch ein neuer UN-Länderbericht über die menschliche Entwicklung im Irak vorliegt, der nicht weniger für Aufregung gesorgt hat.

Derartige Berichte der Vereinten Nationen zeichnen sich normalerweise durch ein hohes Maß an fachlicher Expertise aus, die auf fest umrissenen Begriffen, konkret greifbaren Indikatoren und zumeist fein abgestimmten, exakten Indikatoren beruht. Niemand kann dieses Fachwissen der UN-Experten in Abrede stellen.

Ideologische Scheuklappen

Doch sobald sich diese Experten von Fragen der Entwicklung (wie Bildung, Einkommen, Wohnen, Infrastruktur und Entwicklungsausgaben oder Sicherheit) inhaltlich entfernen, beginnt es, problematisch zu werden. Die wesentlichen Probleme bestehen in der Anwendung ideologisch gefärbter Kriterien und in den politischen Präferenzen der Verfasser.

Statt des Versuchs einer wissenschaftlichen Analyse der widersprüchlichen, politisch-ideologischen Ansichten in der arabischen Welt lässt sich eine deutliche Voreingenommenheit in den Berichten über die humane Entwicklung erkennen. Solche subjektiven Tendenzen sind jedoch in Dokumenten der Vereinten Nationen fehl am Platz.

Doch damit nicht genug. Auch werden die komplexen gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeiten Palästinas und des Iraks nur ungenügend berücksichtigt.

Ölförderung bei Mossul; Foto: AP
Die irakische Wirtschaft ist stark abhängig vom Ölpreis. Dieser hat sich seit seinem Allzeithoch von 147 Dollar je Fass im vergangenen Jahr allerdings mehr als halbiert.

​​Beispiel Irak: In sechs Kapiteln und mehreren Anhängen wird die Lage im Irak untersucht, anhand international anerkannter Standards zur Messung bestimmter Entwicklungsindikatoren, ausgestattet mit zahllosen Statistiken, Tabellen und Grafiken.

Das erste und zugleich umfangreichste Kapitel analysiert und wertet die quantitativen und qualitativen Entwicklungsindikatoren aus. Hier werden sinnvolle Vergleiche zur regionalen und internationalen Einordnung der Lage im Irak gezogen, die sich nur als desolat beschreiben lässt.

Zweifelhaftes Datenmaterial

Die quantitativen Daten beruhen zumeist ausschließlich auf offiziellen irakischen Angaben, darunter auch solche von vor 2003, obwohl diese bekanntermaßen deutlich von Schätzungen internationaler Institutionen wie beispielsweise die der Weltbank abweichen.

Angesichts der Tatsache, dass offizielle Statistiken in der arabischen Welt Gegenstand verbreiteter Kritik sind, bedürfte die Verwendung derart umstrittenen Materials genauerer Erläuterung. Und es stellt sich in diesem Punkt die berechtigte Frage, ob sich dies nicht hätte gänzlich vermeiden lassen.

Irakische Frauen vor einem Wahllokal, Januar 2005; Foto: AP
Faleh Abdul-Jabar kritisiert, dass der AHDR-Bericht kaum detailliert über die Lage der Frau im heutigen Irak informiert.

​​Allerdings lässt sich dabei auch einen ganz neuer Ansatz erkennen, der in allen Berichten des UNDP aufgegriffen werden sollte: Statt sich mit der üblichen Einteilung in Kategorien wie "Stadt und Land" zufriedenzugeben, unterscheidet der Bericht zwischen den verschiedenen irakischen Provinzen. Vielleicht hat das föderalistisch-dezentrale System des Irak hier den Anstoß zum Verweis auf diese regionalen Unterschiede gegeben.

Die Frage der Emanzipation der Frau wäre dagegen noch mittels einer Betrachtung des Frauenbildes konservativ-islamistischer Strömungen genauer zu analysieren, haben letztere doch politisch seit den 90er Jahren im Irak deutlich an Einfluss gewonnen, eine Tendenz, die sich seit 2003 noch verstärkt hat und sich in fast allen arabischen Ländern beobachten lässt.

Stockender Übergang zum demokratischen System

Im zweiten Kapitel überprüft der Bericht den Übergang vom totalitären zum demokratischen System, der als "stockend" und "instabil" bezeichnet wird, was im Allgemeinen wohl sicher zutrifft.

Wahlen, dezentrale Regierungsführung, die Entwicklung der Autonomen Region Kurdistan – all diese Faktoren werden in diesem wichtigen Kapitel aufgegriffen, genauso wie die Folgen der bis heute anhaltenden Gewalt im Irak.

Eine grundlegende Voraussetzung für eine zumindest annähernde demokratische Transition ist gewiss die Existenz eines stabilen Staates, der über das ausschließliche Gewaltmonopol verfügt und die politische Legitimität durch das Mandat des Volkes erlangt, sprich: durch demokratische Wahlen. Im Irak ist derzeit aber nichts dergleichen gegeben, da ethnisch-konfessionelle Spaltungen dies verhindern.

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn künftige UNDP-Berichte die verschiedenen Milizen als Produkt der politischen Zersplitterung und der mangelnden Anerkennung staatlicher Legitimität betrachten würden und auch auf deren ganz eigene wirtschaftliche Dynamik mit ihrem System der Tributzahlungen eingehen würden.

Eindimensionaler Blick auf das Gewaltphänomens

Des Weiteren beschränkt sich der Bericht bei der Beschreibung der "Soziologie der Gewalt" lediglich auf die Frage der Identität. Sicherlich ist Identität ein Faktor, aber wahrlich nicht der einzige.

Hinzu kommen der Konflikt um politische und wirtschaftliche Ressourcen wie Erdöl, die Machtkämpfe um die Führung innerhalb der einzelnen ethnisch-konfessionellen Gruppen, die ideologischen Differenzen, welche historischen Ursprungs sind, und nicht zuletzt die strategisch bedeutsamen Konflikte auf regionaler und internationaler Ebene.

Wie in der gesamten Region hat die politische Entwicklung im Irak in den letzten vier Jahrzehnten verschiedene Phasen durchlaufen: von der ideologisch geprägten Politik über die Politik der ethnisch-konfessionellen Identität, bis hin zu einer solchen Politik, die auf die Auflösung derartiger Identitäten abzielt.

Irakische Börse in Bagdad; Foto: AP
Die irakische Ökonomie habe einen rasanten, marktwirtschaftlichen Wandel erfahren, die heute durch eine unkontrollierte Liberalisierung geprägt sei, meint der irakische Soziologe Faleh Abdul-Jabar.

​​Das zweite Kapitel befasst sich auch mit der irakischen Wirtschaft, insbesondere mit dem Übergang zur Marktwirtschaft, der durch eine unkontrollierte Liberalisierung geprägt sei. Konstatiert werden in diesem Zusammenhang das Versagen des staatlichen Sektors sowie die nur schwach ausgeprägte Privatwirtschaft.

Außerdem bescheinigt der Bericht der Regierung einen schwer lastenden Schuldenberg, der mangels Umschuldung verursacht wurde, sowie einen gescheiterten Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes.

Die Perspektiven für die Erdölwirtschaft und des sich hieraus ergebenden Rentenkapitalismus werden leider ausgeklammert. Bodenschätze können zwar prinzipiell der ökonomischen Entwicklung eines Staates zugute kommen, sich jedoch auch zu einem Mittel der Kontrolle entwickeln, wodurch Rohstoffreichtum zum Fluch wird.

Flucht und Vertreibung

Auch wäre es wohl ratsamer gewesen, auf die grassierende Korruption im Irak, die schlimmste in der Region überhaupt, ebenfalls im zweiten statt im dritten Kapitel einzugehen, ein Abschnitt, der vor allem die soziale Lage thematisiert: Gewalt, Vertreibungen, und die Lage der Exil-Iraker.

Soziologisch betrachtet gilt Auswanderung als ein Akt des Protestes gegen Ungleichheit. In den 1990er Jahren verließen die Menschen den Irak hauptsächlich, um dem wirtschaftlichen Zerfall und der politischen Unterdrückung zu entkommen, heute geht es ihnen ums nackte Überleben.

Die allermeisten, wenn auch nicht alle irakischen Emigranten, kommen aus der gehobenen Mittelschicht. Diese Migrationsbewegung, die seit dem Beginn des Iran-Irak-Krieges 1980 ununterbrochen anhält, hat sozio-politisch dazu geführt, dass die gewaltbereiteren Unterschichten (bzw. Milizen dieser verarmten Bevölkerungsgruppen) gegenüber den abgewanderten, gebildeteren und wohlhabenderen Mittelschichten relativ an Bedeutung gewonnen haben.

Faleh Abdul-Jabar

© Qantara.de 2009

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

Der Autor ist irakischer Soziologe und Leiter des Irakischen Instituts für Demokratie-Studien.

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