Algeriens Petrodollars

Volle Staatskasse, arme Bevölkerung

Obwohl Algerien vom anhaltenden Ölboom profitiert, nimmt die Armut innerhalb der Bevölkerung weiter zu. Viele Algerier fragen sich daher, was eigentlich mit den Petrodollars geschieht. Von Youssef Boufidjelin und Hassan Znined

Obwohl der algerische Staat massiv vom anhaltenden Ölboom profitiert, nimmt die Armut innerhalb der Bevölkerung immer mehr zu. Viele Algerier fragen sich daher, was eigentlich mit den Petrodollars geschieht. Von Youssef Boufidjelin und Hassan Znined

Arbeiter vor Erdölraffinerie; Foto: AP
Algerien macht mit seinen Erdölexporten guten Profit, die Gewinne kommen dem Land aber kaum zu Gute.

​​Algerien, wichtiger Ölproduzent und nach Russland Europas zweitgrößter Gaslieferant, wird seit dem Beginn der so genannten vierten Ölkrise von 2003 von einer wahren Welle von Petrodollars überschwemmt. Die algerischen Geldreserven haben im Jahr 2004 32 Milliarden Dollar erreicht, Ende 2006 waren es schon 75 Milliarden und für 2010 rechnet man mit 160 Milliarden Dollar.

Die Hauptstadt Algier erscheint heute wie eine große Baustelle. Überall entstehen neue Bürogebäude, Einkaufszentren oder Brücken. Und selbst eine U-Bahn, seit der Unabhängigkeit von 1962 der große Traum der Staatsmacht, soll nun bald schon Wirklichkeit werden.

Modernisierung auf Kosten der Bevölkerung?

Und dennoch erinnert ein Detail brutal daran, dass von diesen Veränderungen nicht alle profitieren: unzählige Bettler, Männer, Frauen und Kinder, bevölkern die Stadt – geflüchtet aus den ländlichen Gebieten, die der Segen der Petrodollars nicht einmal gestreift hat.

Diese Tatsache macht überdeutlich, warum viele Algerier sich die Frage stellen: Was passiert eigentlich mit den Petrodollars? Die algerische Regierung hat eine ehrgeizige Initiative zur Unterstützung der Entwicklung des Landes gestartet, die alle Bereiche der algerischen Wirtschaft betrifft und das Land in die Moderne katapultieren soll.

Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika; Foto: AP
Trotz Bouteflikas Einschätzung, Algerien ginge es so gut wie nie zuvor, wird das Leben für die ärmere Bevölkerung immer unerträglicher.

​​So steht Algerien heute nicht vor dem Problem, Geld zu beschaffen, sondern Geld nicht zu verschwenden oder zu unterschlagen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Der algerische Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika schlägt sogar einen schärferen Tonfall an, sobald es jemand wagt, daran zu zweifeln.

Algerien sei es finanziell gesehen noch nie so gut ergangen wie heute, so Bouteflika. Dies habe es seit der Unabhängigkeit nicht mehr gegeben. Man habe von der "kostbaren Chance profitiert, um Algerien aus der Ära der Dunkelheit herauszuholen", so der Staatspräsident.

Geschäfte unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Doch nichts von all den glorreichen Ankündigungen Bouteflikas spüren die Menschen zum Beispiel in Ain Dafla: Die ländliche Region, keine zwei Autostunden südwestlich von Algier, leidet unter Trockenheit und Isolation. Während des Bürgerkriegs in den 90er Jahren wurde diese Gegend stark vom Terrorismus erschüttert. Viele Menschen sind seitdem in die Städte geflohen, doch viele andere möchten ihre Heimat nicht verlassen und versuchen weiterhin, dort zu überleben.

Der Bürgerkrieg, Folge des erdrückenden Wahlsiegs der Islamischen Heilsfront (FIS), zu Beginn der 90er Jahre hat das Land traumatisiert. Ein Guerillakrieg gegen die Sicherheitskräfte und ihre Unterstützer wurde geführt, dem mehr als 150.000 Menschen, vor allem Zivilisten, zum Opfer fielen. Schon damals waren soziale Ungerechtigkeit, Korruption und die schlechte Verteilung der Petrodollars wichtige Faktoren für den Wahlsieg der FIS.

Die Weltbank und andere Nichtregierungs-Organisationen bezeichnen heute ein Drittel der algerischen Bevölkerung als arm. Die algerische Regierung hingegen lehnt solche Zahlenwerke ab. Der Widerspruch zwischen dem offiziellen Diskurs der politischen Elite und der Realität zeigt sich nicht nur auf dem Land. Auch in den Städten träumen viele junge Leute davon, auszuwandern, um dem Elend in Algerien zu entkommen.

Ineffizienz aller Institutionen

Ahmed Ben Bitour, ehemaliger algerischer Premierminister, steht dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber. "Das Problem, das wir heute haben, ist die Ineffizienz aller Institutionen – der politischen Parteien, der Zivilgesellschaft, des Staates, des Parlaments, so Bitour. Ich glaube, dass wir eine Regierung haben, die nicht verstehen will, dass sie den Institutionen eine Stimme geben muss. Heute sind wir davon abhängig, was das Staatsoberhaupt machen will."

Jugendliche Bettler in den Straßen von Algier; Foto: Deutsche Welle
Unzählige Bettler leben in den Städten Algeriens: Ein Drittel der Bevölkerung wird als arm eingestuft.

​​Die Flut der Petrodollars hat Algerien dazu genutzt, seine Auslandsschulden vorzeitig zurückzuzahlen. Die Staatsverschuldung ist innerhalb von vier Jahren von 23 auf fünf Milliarden Dollar geschrumpft – was viele Kritiker sagen lässt, dass die algerische Regierung nicht mehr weiß, was sie mit dem vielen Geld anstellen soll, obwohl es einem großen Teil der Bevölkerung am Lebensnotwendigen mangelt.

Experten hingegen halten den Aufbau einer vielseitigen algerischen Wirtschaft für viel dringender. Denn eines ihrer größten Probleme ist die Abhängigkeit vom Erdöl. Zudem zählt Algerien zu den Erdöl exportierenden Ländern, die mit ihrem Reichtum am wenigsten gut gewirtschaftet haben – schlechte Verwaltung und Korruption sind vor allem die Gründe dafür.

Noch kann Algerien aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, um eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht ausschließlich vom Erdöl abhängt. Und nur so kann der Maghrebstaat das Vertrauen einer Bevölkerung wieder gewinnen, die ihren politischen Eliten äußerst misstrauisch gegenüber steht.

Youssef Boufidjelin/Hassan Znined

© DEUTSCHE WELLE 2007

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