Die Lobby des Hotel Spinzar in der Innenstadt von Kabul

Abschiebungen nach Afghanistan
Kabuls Hotel der Hoffnungslosen

Auch in Zeiten von Krieg und Pandemie werden Geflüchtete nach Afghanistan abgeschoben. Allein in den letzten Wochen fanden mehrere Abschiebeflüge statt. Die Betroffenen stehen oftmals vor dem Nichts – und landen in einem heruntergekommenen Hotel in der Kabuler Innenstadt. Aus Kabul berichtet Emran Feroz.

Das Hotel Spinzar liegt im Herzen Kabuls. Nahe der belebten Hauptstraße befinden sich der alte Basar, die Baghe-Omumi-Brücke sowie die bekannte "Moschee des Königs der zwei Schwerter“. Viele Menschen spazieren am Hotel vorbei, ohne dem Gebäude Beachtung zu schenken. Es wirkt unauffällig und etwas schäbig, so wie viele andere Bauten in dieser Gegend. Wortwörtlich übersetzt, bedeutet "Spinzar“ "weißes Gold“, doch davon ist, zumindest heute, nichts zu sehen. Der Alltag im Spinzar erscheint etwas öde. Ein Wachmann sitzt gelangweilt vor dem Eingang. Die seltenen Besucher filzt er kaum.

Der Rezeptionist ist mit seinem Handy beschäftigt. Manchmal ruft er Gäste auf, nach denen gefragt wird. Die Lobby mit den verstaubten Möbeln ist meist leer. Der Speisesaal wirkt unbenutzt.

Ausgerechnet hier landen mehrmals in der Woche abgeschobene Geflüchtete aus aller Herren Länder. Allein in den letzten Tagen checkten Abgeschobene aus Deutschland, Österreich und dem Iran im Spinzar ein – unfreiwillig. Für die abgeschobenen Afghanen bedeutet das Hotel einen ersten Schritt in ihr neues, altes Leben. Dass sie ausgerechnet hier landen, ist kein Zufall. Seit rund fünf Jahren arbeitet das Spinzar mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zusammen. Viele der "Gäste“ im Hotel sind keine wirklichen Reisenden, sondern verzweifelte Menschen, die in Kabul keine andere Anlaufstelle haben. "Vor einiger Zeit brachte sich im Hotel ein junger Mann nach seiner Abschiebung um. Da haben viele erst bemerkt, was hier vor sich geht“, erzählt ein Buchhändler, der in der Nähe arbeitet.

Lobby des Hotel Spinzar in der Innenstadt von Kabul; Foto: Emran Feroz
Hotelchef Abdul Karim Rahimzai hat das Spinzar vor rund drei Jahren übernommen. Seitdem hat er viele Abgeschobene kennengelernt. Er unterstützt das Vorgehen der europäischen Regierungen nicht. „Natürlich herrscht hier Krieg. Afghanistan ist eines der tödlichsten Länder weltweit. Denken Sie etwa, ich bin freiwillig hier?“, fragt er sarkastisch.

Das Hotel profitiert von der Zusammenarbeit mit IOM. Die Probleme der Abgeschobenen will das Personal dennoch nicht herunterspielen. "Wir unterstützen ihre Abschiebung nicht. Sie haben große Risiken auf sich genommen, um vor dem Krieg zu flüchten. Dass sie am Ende nach Afghanistan zurückgebracht werden, ist auch für uns schmerzhaft“, meint Jawed Noori. Er ist seit elf Jahren als Rezeptionist im Spinzar tätig. Laut ihm kommen die meisten Geflüchteten, die in den letzten Wochen und Monaten im Hotel übernachtet haben, aus Deutschland und Österreich. Noori sagt, dass viele der Abgeschobenen psychische Probleme hätten und oftmals den Drogen verfallen würden.

Terror ist ein Teil des Alltags

Eine dramatische Szene erlebte Noori vor einigen Tagen als ein blutverschmierter Abgeschobener weinend im Hotel auftauchte. Laut eigener Aussage war er am Flughafen von deutschen Beamten verprügelt worden. "Er hatte Frau und Kind in Deutschland, wurde aber einfach gewaltsam in den Flieger gesteckt. Kurz darauf wurde klar, dass der Mann zu Unrecht abgeschoben wurde. Er ist mittlerweile wieder in Deutschland. Das ist doch total verrückt und unmenschlich“, resümiert Noori.

In den letzten Monaten und Jahren gab es in der Nähe des Hotels Selbstmordanschläge und Bombenattentate. Immerhin liegen unweit des Spinzar das afghanische Außenministerium und andere Regierungsinstitutionen sowie Militäreinrichtungen, die regelmäßig zum Ziel von Anschlägen militanter Gruppen werden. Bei derartigen Attacken wird meist ausschließlich die zivile Infrastruktur in Mitleidenschaft gezogen. "Es gab noch keinen Anschlag auf das Hotel, doch wir alle erleben den Terror tagtäglich. Er ist Teil unseres Alltags geworden“, erzählt der Koch des Spinzar. Ein weiteres Problem in Kabul ist die hohe Kriminalitätsrate.

Die Nacht im Hotel Spinzar kostet mitsamt Verpflegung 1000 Afghani, etwas mehr als zehn Euro. Das IOM begleicht die Rechnungen, allerdings abzüglich der Summe, die  die Abgeschobenen bei ihrer Rückkehr von der Organisation als eine Art "Starthilfe“ erhalten. Sogenannte "freiwillige Rückkehrer“ bekommen mehr Geld als diejenigen, die zwangsweise zurückgebracht wurden. Im Großen und Ganzen geht es allerdings nur um wenige hundert Euro – damit kommt man in Kabul ohnehin nicht weit.

Afghanistan-Experte and Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network Thomas Ruttig; Foto: picture-alliance/dpa/AAN
Thomas Ruttig, Co-Direktor der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network, kritisiert die Abschiebungen nach Afghanistan. „Deutschland und Österreich behaupten, sie schöben Kriminelle ab. Medienrecherchen zeigen aber, dass es sich häufig höchstens um Kleinkriminelle handelt, die zum Teil ihre Strafen schon verbüßt haben,“ sagt Ruttig. Abschiebungen als de facto strafverschärfende Maßnahme seien zweifelhaft. Außerdem würden stets nur die schlimmsten Beispiele hervorgehoben, etwa Männer, die wegen Sexualdelikten verurteilt wurden. „Im öffentlichen Bewusstsein bezieht sich das dann auf die ganze Gruppe“.

"Wir sind so hilfsbereit wie möglich, doch auch unsere Hände sind gebunden“, erzählt Hotelchef Abdul Karim Rahimzai. Er hat das Spinzar vor rund drei Jahren übernommen. Das Hotel hatte in den letzten Jahrzehnten wechselnde Besitzer. Es wurde Mitte des 20. Jahrhunderts errichtet und gehörte einst der Spinzar-Baumwoll-Gesellschaft, die in den 1930er Jahren von der afghanischen Staatsbank gegründet worden war. Damals war es noch Eigentum des afghanischen Staates. Rahimzai hat seitdem viele Abgeschobene kennengelernt. Er unterstützt das Vorgehen der verantwortlichen Regierungen nicht. "Natürlich herrscht hier Krieg. Afghanistan ist eines der tödlichsten Länder weltweit. Denken Sie, ich bin freiwillig hier?“, fragt er sarkastisch. 

Abschiebung als zusätzliche Strafe?

Thomas Ruttig, Co-Direktor der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network, kritisiert die Abschiebungen nach Afghanistan. "Deutschland und Österreich behaupten, sie schöben Kriminelle ab. Medienrecherchen des NDR, oder in Einzelfällen auch von Flüchtlingsräten, zeigen aber, dass es sich häufig höchstens um Kleinkriminelle handelt, die zum Teil ihre Strafen schon verbüßt haben. Abschiebungen als de facto strafverschärfende Maßnahme sind sowohl rechtlich als auch faktisch zweifelhaft“, sagt er.

Laut Ruttig seien die Informationen der Bundesregierung sowie mitwirkender europäischer Behörden zu den Abschiebungen spärlich und lückenhaft. „Das zeigt, dass sie etwas zu verbergen haben. Es werden stets nur die schlimmsten Beispiele hervorgehoben, etwa Männer, die wegen Sexualdelikten verurteilt wurden. Im öffentlichen Bewusstsein bezieht sich das dann auf die ganze Gruppe“, ergänzt er.

 

Die prekäre Sicherheitslage in Kabul und in weiten Teilen Afghanistans ist eine Folge der ungewissen Zukunftsaussichten für Afghanistans Regierung. Vor knapp einem Jahr unterzeichneten die USA im Golfemirat Katar ein Abzugsabkommen mit den Taliban. Die Anzahl der verbleibenden US-Truppen ist seitdem auf rund 3.500 Soldaten geschrumpft. Die Gewalt im Land eskaliert weiterhin. Laut der Vereinten Nationen wurden 2020 mindestens 3.035 Afghanen getötet sowie 5.785 weitere verletzt. Die meisten Opfer gingen auf das Konto der Taliban. In den letzten Wochen und Monaten nahmen gezielte Attentate auf Journalisten, Aktivisten, religiöse Führer und andere Personen des öffentlichen Lebens zu.

Auch die Kabuler Regierung wird für die Eskalation mitverantwortlich gemacht. Währenddessen wird weiter abgeschoben. 2016 unterzeichnete die Europäische Union einen Abschiebedeal mit der afghanischen Regierung, der vor Kurzem erneuert wurde.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in Afghanistan mit dem von Joe Biden und der NATO letzte Woche angekündigten vollständigen Abzug der ausländischen Truppen entwickeln wird, der bis zum 11. September 2021 abgeschlossen sein soll. Welche Haltung wird Europa dann gegenüber asylsuchenden Afghanen einnehmen?

Emran Feroz

© Qantara.de 2021

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