Ablehnung eines rigiden Laizismus

Italien strebt nach einem "eigenen" Islam

Italien bemüht sich um Toleranz gegenüber den Muslimen. Selbst in öffentlichen Schulen wird das Kopftuch zugelassen. Allerdings besteht weiterhin erhebliche Skepsis gegenüber dem Islam.

Ziel der Regierung ist ein "italienischer" Islam.

Große Moschee in Rom, Foto: dpa
Große Moschee in Rom

​​In Italien, wo rund eine Million Muslime leben, ist in den letzten Jahren eine zuweilen bewegte Diskussion über die "islamische Herausforderung" geführt worden. Während anfänglich vor allem Überfremdungsängste wirtschaftlicher und kultureller Art eine Rolle spielten, trat seit den Anschlägen vom 11. September 2001 der islamische Fanatismus in den Vordergrund der Debatte.

Zwar ereigneten sich bisher in Italien keine folgenschweren Terrorakte oder "Hinrichtungen" wie in Spanien oder zuletzt in den Niederlanden.

Von der italienischen Justiz sind aber bereits über zwanzig radikale Muslime, die zum Teil mit al- Kaida direkt zusammengearbeitet hatten, wegen terroristischer Machenschaften verurteilt worden. Als Rekrutierungs- und Logistikbasis missbrauchten die Extremisten vorab die Moschee und das ihr angegliederte islamische Zentrum in Mailand.

Kopftuch in der Schule geduldet

Beim italienischen Innenministerium wie auch bei der Mailänder Staatsanwaltschaft wird man heute nicht müde zu betonen, dass nur ein geringer Teil der in Italien lebenden Muslime dem Integralismus, das heisst einer vollständigen Islamisierung der Gesellschaft, oder gar dem Terrorismus zuneige.

Ohnehin suchten nur gerade fünf Prozent der Muslime regelmässig eine Moschee oder andere Gebetsräume auf. Das betont auch der Islamismus-Experte des "Corriere della Sera", Magdi Allam, doch weist er in seinem neuen Buch "Kamikaze Made in Europe" darauf hin, dass der islamische Terrorismus auch auf dem alten Kontinent eine ernsthafte Gefahr darstelle, vergleichbar mit jener der Roten Brigaden.

Die italienische Regierung setzt offiziell auf Toleranz gegenüber moderaten Muslimen und auf Härte gegenüber Extremisten. Mit offenkundiger Genugtuung wird erwähnt, dass in Italien ein rigider Laizismus wie in Frankreich abgelehnt und das Kopftuch selbst in öffentlichen Schulen geduldet werde.

Es gibt selbst einige wenige Fälle von Lehrerinnen, die mit Kopftuch unterrichten. Innenminister Pisanu hat das auch immer wieder mit dem Hinweis gebilligt, dass auch seine sardische Mutter ein Foulard zu tragen pflegte.

In der italienischen Regierungskoalition polemisiert allerdings weiterhin die rechtspopulistische Lega Nord offen gegen die muslimischen Einwanderer.

Die viertgrösste Partei des Mitte- Rechts-Bündnisses ist gegen den EU-Beitritt der Türkei, will den Bau von Moscheen der Referendumspflicht unterwerfen, verdächtige Einrichtungen sofort schliessen lassen und die Burka, die auch das Gesicht verschleiert, auf allen öffentlichen Plätzen verbieten.

In einer Ortschaft in der Nähe von Como liess im Herbst ein von der Lega gestellter Bürgermeister einer Burka-Trägerin zweimal eine Geldbusse aufbrummen, die jedoch in der Folge vom Chef der lokalen Präfektur wieder aufgehoben wurde. Die Lega beruft sich auf ein weiterhin gültiges königliches Dekret von 1931, das die vollständige Maskierung ausser in "notwendigen Ausnahmefällen" auf öffentlichem Raum aus Gründen der Sicherheit verbietet.

Misstrauen gegenüber dem Islam

Wenngleich sich die Lega Nord in der Regierung in der Minderheit befindet, haben auch andere Regierungsvertreter immer wieder zumindest ein erhebliches Misstrauen gegenüber dem Islam erkennen lassen. Zwar hat Ministerpräsident Berlusconi seine Äusserung von der Überlegenheit der westlichen Zivilisation zurückgenommen und befürwortet auch eine Integration der Türkei in der EU.

Beträchtliches Unbehagen bekundete vor wenigen Wochen aber der Senatspräsident Marcello Pera, ein Philosophieprofessor von der Universität Pisa, der sich Berlusconis Forza Italia angeschlossen hat. In einem kürzlich unter dem Titel "Senza Radici" (Ohne Wurzeln) publizierten Briefwechsel mit dem im Vatikan einflussreichen Kardinal Joseph Ratzinger schreibt Pera, dass heute der gleiche Wind wehe wie in "München im Jahre 1938".

Der freie Westen riskiere mit dem in Mode gekommenen "Relativismus", seine Grundwerte aufzugeben, und neige immer wieder dazu, die Augen davor zu verschliessen, dass ihm der islamische Radikalismus den Krieg erklärt habe.

Dabei zitiert Pera den katholischen Padre Piero Gheddo, der beklagt, dass in keinem islamischen Land die Christen frei seien wie die Muslime im Westen und dass die Muslime eine Gewissensprüfung in Bezug auf ihr kollektives Verhalten nötig hätten.

Der Senatspräsident spricht zwar gewiss gravierende Missstände im "real existierenden Islam" an. Wenngleich sich Pera weiterhin für grösstmögliche Toleranz und für eine Fortsetzung eines ernsthaften interreligiösen Dialogs ausspricht und auch schon sagte, dass der Islam mit der Demokratie nicht unvereinbar sein müsse, sah sich Staatspräsident Ciampi unlängst zur Feststellung veranlasst, dass ein "Konflikt zwischen den Zivilisationen keineswegs unvermeidbar" sei.

Einige Islam-Experten erhoben zudem den Vorwurf, dass Pera einem gefährlich undifferenzierten Feindbild Vorschub leiste und suggeriere, dass es die Umma, die Nation des Islam, tatsächlich gebe und diese dem Westen den Krieg erklärt habe.

Magdi Allam vom "Corriere della Sera" gibt zu bedenken, dass dies eine irrige und gefährliche Vorstellung sei, die den islamischen Integralisten geradezu in die Hand spiele. Die Geschichte des Islam wie auch das Leben der Muslime sei vielmehr von einer starken Pluralität geprägt.

Wenig repräsentative Organisation

In der Regierung Berlusconi versucht vorab Innenminister Pisanu der islamischen Komplexität differenziert Rechnung zu tragen. Bevor er zu Forza Italia stiess, gehörte er den Christlichdemokraten an und gründete in den siebziger Jahren mit einem Parteikollegen die Associazione dei parlamentari euro-arabi. Zum steten Ärger der Lega Nord erachtet er eine fortgesetzte legale Einwanderung als wirtschaftliche Notwendigkeit.

Pisanu ist auch ein starker Befürworter des mediterranen Dialogs und setzt sich vehement für eine Förderung des moderaten Islam ein. Er ist dabei auch schon von Ciampi unterstützt worden. Pisanu, der von der Lega gern als "zu weich" gebrandmarkt wird, schreckte bisher aber nicht vor einem schonungsloses Durchgreifen gegen radikale Islamisten zurück.

Im letzten Jahr sorgte er etwa mit diplomatischem Druck bei der Grossen Moschee in Rom für die Absetzung eines ägyptischen Imams, der im Zusammenhang mit der Ermordung des Hamas-Führers Yassin zum heiligen Krieg aufgerufen hatte. Einige Monate später liess er einen senegalesischen Imam ausschaffen, der zu Selbstmordattentaten aufgerufen hatte.

Pisanu sucht den Dialog mit den moderaten Muslimen. Doch wie? Die Antwort fällt schwer, weil in Italien die islamische Pluralität besonders gross ist und repräsentative und vertrauenswürdige Organisationen kaum vorhanden sind.

Wie der Religionswissenschafter Andrea Pacini von der Fondazione Agnelli vor einiger Zeit in einem Vortrag ausführte, weist die muslimische Bevölkerung in Italien andere Charakteristiken auf als in anderen führenden europäischen Ländern. Die Einwanderung setzte einige Jahrzehnte später ein, und die muslimische Minderheit ist auch weit heterogener (siehe Kasten).

Vorwiegend Gastarbeiter

Heute leben in Italien mit einer Million immer noch relativ wenige Muslime. In Grossbritannien wird deren Zahl auf zwei Millionen, in Frankreich gar auf fünf Millionen geschätzt.

Im Kontrast zu diesen zwei Ländern haben in Italien auch erst wenige Muslime die Staatsbürgerschaft erlangt, der Familiennachzug steckt noch in den Anfängen. Von den insgesamt erfassten Muslimen sind rund 70 Prozent männlichen Geschlechts.

In Italien sind die Muslime mithin noch weitgehend Gastarbeiter, die schlecht integriert sind, während beispielsweise in Frankreich bereits die Hälfte die Staatsbürgerschaft erworben hat und einige Muslime in Gesellschaft und Politik und nicht zuletzt auch im Sport Ansehen geniessen.

Zwar gibt es in Italien bereits zahlreiche islamische Organisationen und religiös-spirituelle Bruderschaften. Doch ihre Repräsentativität und Orientierung ist stark umstritten, und zwischen den Gruppen besteht auch eine grosse Rivalität. Als führende Organisation präsentiert sich gerne die Unione delle Comunità e delle organizzazioni islamiche in Italia.

Diese Vereinigung macht geltend, dass ihr 80 Prozent der Moscheen und Gebetshäuser angeschlossen seien – doch was heisst das, wenn 95 Prozent der Muslime diese Einrichtungen gar nicht regelmässig besuchen?

Ferner wird vielfach befürchtet, dass die Organisation weiterhin von der integralistischen Ideologie der ägyptischen Muslimbrüder inspiriert wird, die sich zwar von der Gewaltanwendung distanzieren, doch eine Islamisierung der Gesellschaft von unten her und durch die Instanzen anstreben.

Moderat, doch letztlich Aussenseiter sind andererseits etwa die dem mystischen Sufismus huldigenden Mitglieder der Communità religiosa islamica, der auch grösstenteils italienische Konvertiten angehören.

Naturgemäss schlecht organisiert sind die zahlreichen kleineren religiösen Bruderschaften, die sich vom kodifizierten Islam abwenden und die Spiritualität betonen.

Alle Konfessionen vor dem Gesetz gleich

Zuverlässige Ansprechpartner finden sich auch nicht in der Grossen Moschee in Rom und beim dort ansässigen Centro culturale islamico d'Italia, wenngleich das Zentrum vom italienischen Staat als "moralische" Körperschaft offiziell anerkannt worden ist. Der Vorstand setzt sich vorwiegend aus den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschaftern islamischer Staaten zusammen.

Saudiarabien schien dabei immer wieder die erste Geige zu spielen, was andere islamische Staaten oft ärgerte und wie etwa im Fall Marokkos zu einer direkten Betreuung ihrer Bürger veranlasste. Das Zentrum wird von den Saudi auch massgeblich finanziert, nicht zuletzt über die in Mekka ansässige Muslim World League.

Die Idee, in Rom eine Moschee zu errichten, entstand übrigens 1973 bei einer Visite von König Feisal. Die angeblich grösste Moschee Europas, für die Rom gratis ein Territorium von 30 000 Quadratmetern bereitstellte, wurde 1995 eröffnet.

Nach Artikel 8 der italienischen Verfassung sind alle Konfessionen vor dem Gesetz gleich und sollen ihre Beziehungen zum Staat in Abkommen geregelt werden. Eine solche "Intesa", in der die spezifischen Rechte und Pflichten einer jeweiligen Glaubensgemeinschaft festgelegt werden, ist bisher mit den Muslimen nicht zustande gekommen.

Dafür werden ebenfalls die unzureichende Repräsentativität der miteinander stark rivalisierenden Organisationen verantwortlich gemacht. Mit einem Abkommen hätten die Muslime auch Anspruch auf einen Teil der freiwilligen Kirchensteuer (8 Promille), was die Sache zusätzlich erschweren dürfte.

Auch die Versuche, für ein Abkommen aus den verschiedenen Gruppierungen einen Consiglio islamico d'Italia zu bilden, sind bisher an Richtungskämpfen und persönlichen Animositäten gescheitert.

Als eine Art von Übergangs- und Notlösung will nun Innenminister Pisanu ein Beratergremium aus moderaten islamischen Persönlichkeiten und Vertrauenspersonen einberufen, die nicht nur der italienischen Sprache mächtig sind, sondern auch zuverlässige Demokraten seien und deren institutionelle Loyalität erwiesen sei.

Diese Consulta islamica wird aber, wie Pisanu betonte, keinen repräsentativen Charakter haben. Sie diene als Konsultativorgan, dessen Mitglieder der Innenminister selber auswählen will. Die Consulta soll Pisanu bei einem breiten Spektrum von Fragen beraten, von der Schule und Arbeitswelt bis hin zur religiösen Betreuung in Spitälern und Gefängnissen.

Ein weiteres Anliegen ist Pisanu aber auch die bisher völlig ungeregelte und stark variierende Ausbildung der Imame, die in Zukunft nicht nur Italienisch sprechen, sondern auch absoluten Respekt gegenüber "unserer nationalen Identität und den italienischen Gesetzen" garantieren sollen.

Eine schwierige Gratwanderung

Pisanu ist sich freilich bewusst, dass er eine heikle Gratwanderung angetreten hat. Er wisse, sagte er kürzlich an einer Tagung in Orvieto, dass der Weg lang, unsicher und streng sein werde. Sein Ziel sei indes ein "italienischer Islam", also nicht ein "Islam in Italien".

An die Stelle einer in sich geschlossenen, potenziell feindseligen Gemeinschaft müsse eine offene und integrierte Gemeinschaft aus italienischen Bürgern treten, die in einer Gesellschaft lebten, in der die religiöse und kulturelle Vielfalt respektiert wird.

Nikos Tzermias

© Neue Zürcher Zeitung 2005

Lesen Sie auch zum Thema auf Qantara.de einen Beitrag über Khalid Chaouki, den Präsidenten der 'Jungen Italienischen Moslems': Khalid und die Generation der Brückenbauer

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