Abderrahmane Abdellis "Songs of Exile"
Sehnsucht nach Heimat

Die aktuellen Ereignisse in Europa zeigen wieder einmal, dass Menschen überall auf der Welt flüchten müssen. "Songs of Exile“ des im belgischen Exil lebenden Algeriers Abderrahmane Abdelli fängt das Leid der Geflüchteten ein und verleiht ihren Hoffnungen und Ängsten musikalischen Ausdruck. Von Richard Marcus

Songs of Exile, erschienen beim Label ARC Music, ist die neueste Veröffentlichung von Abderrahmane Abdelli. Abdelli ist Berber und in Algerien geboren. Bereits 1986 musste er sein Geburtsland verlassen und lebt seither im Exil. Mit Blick auf seine Biografie könnte man fast sagen, er sei bereits seit seiner Geburt auf der Flucht.

Während des algerischen Unabhängigkeitskriegs – als seine Mutter mit ihm schwanger war – wurde das Dorf der Familie von der französischen Luftwaffe zerstört. So musste die Familie schon kurz nach Abdellis Geburt wegziehen und ließ sich in Dellys nieder, einer Stadt im Norden Algeriens an der Mittelmeerküste.

In Dellys begann auch die musikalische Laufbahn von Abdelli. Dort gab er mit 16 Jahren sein erstes Konzert im Rahmen der lokalen Unabhängigkeitsfeierlichkeiten. 1986 veröffentlichte er sein erstes Album Ayem-yema. Doch Politik und Gesellschaft standen seiner weiteren Entwicklung als Musiker in seiner Heimat Algerien im Weg: Ihm wurde ebenso wie anderen Musikern aus der Kabylei – der Heimatregion der Berber – verboten, in der Muttersprache zu singen.

Ungeachtet der Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung Algeriens einen der Berberdialekte spricht, dauerte es bis 2016, bis die Berber-Sprache Tamazight in der algerischen Verfassung amtlich anerkannt wurde. Die algerische Regierung behandelte bis dahin die Berber-Sprachen lange ebenso abschätzig wie das Französische. Man weigerte sich sogar, das Wort "Berber“ zu verwenden, da dies angeblich die nationale Einheit untergraben würde.

Ein Staatenloser in Belgien

Das erklärt auch, warum Abdelli als Staatenloser in Belgien strandete. Gleichzeitig erwies sich Belgien für ihn als Glücksfall, denn in Brüssel begann seine internationale Laufbahn als Musiker. Hier traf er auf Henri Bernard, ebenfalls ein Vertriebener, der zu seinem Mentor werden sollte und ihm den Weg zum internationalen Erfolg bahnte. Abdelli ging mit Peter Gabriel auf Tour und spielte auf internationalen Bühnen wie beispielsweise den britischen WOMAD-Festivals (World of Music and Dance).

Cover des Albums "Songs of exile" (herausgegeben von ARC Music)
"Wer mit der Musik Nordafrikas vertraut ist, der wird bei allen Songs dieses Albums Gänsehautmomente erleben,“ schreibt Richard Marcus. "Sei es bei den typischen Rhythmen der kleinen Handtrommeln, dem Wehklang der Geige, dem Zupfen der Mandola oder dem eindringlichen Gesang.“

Henri Bernard starb im Jahr 2008. Das Album Songs of Exile ehrt sein Andenken ebenso wie das aller Vertriebenen weltweit. Abdelli begann kurz nach Fertigstellung von Destiny mit den Arbeiten an diesem Album, doch ohne es zu beenden.

Jetzt hat er die damaligen Aufnahmen überarbeitet. Mit Rückgriff auf die ursprünglichen Gesangsaufnahmen in Mandola-Begleitung bat er Musiker weltweit um Mitarbeit an einer würdigen Ehrung seines verstorbenen Freundes.

Dabei ist jeder der insgesamt dreizehn Songs dieses Albums mehr als nur eine persönliche Hommage an einen Freund. Auch handeln die Songs nicht einfach von der Geschichte von Abdellis Vertreibung aus Algerien. Zwar wären sie in diesem Kontext durchaus eingängig, doch Abdelli ging einen anderen Weg und schuf Songs, die das Schicksal der Flucht und Vertreibung von Menschen weltweit ansprechen.

Wegweiser der Gefühle

Während Abdelli die Texte in einer Berbersprache singt, spricht die Musik zu uns und zu allen, die diese Sprache nicht beherrschen. Wovon die Songs handeln, zeigt uns ein kurzer Blick auf die Titel. Wir folgen einfach den Gefühlen, die uns die Musik wie ein Wegweiser weist, und lauschen dem Klang von Abdellis Stimme. So spüren wir Sinn und Zusammenhang hinter jedem Song.

So zum Beispiel beim dritten Stück "Ayahviv ruh“ – "Auf Wiedersehen mein Freund“. Es beginnt mit der vertrauten Musik Nordafrikas, dem Sehnsuchtslaut einer Geige. In diese Stimmung fallen Handtrommeln ein, die einen gleichmäßigen, ruhigen Rhythmus vorgeben. Aus dieser Klangkulisse erhebt sich Abdellis Stimme. Fast spricht er mehr, als dass er singt.

Wir verstehen zwar nicht exakt, was er sagt, aber wir fühlen durchaus die Bitterkeit und den schmerzlichen Verlust in dem Song. Da wir die Worte nicht verstehen, kommt dem Song eine noch tiefere Bedeutung zu als die persönliche Hommage, als die er möglicherweise gedacht war. Die ganz persönliche Trauer Abdellis steht stellvertretend für den universellen Schmerz vieler Menschen. Sein Schmerz über den Verlust eines engen Freundes wird zum Schmerz über das, was jeder von uns verloren hat oder verlieren könnte.

Wer mit der Musik Nordafrikas vertraut ist, der wird bei allen Songs dieses Albums Gänsehautmomente erleben; sei es bei den typischen Rhythmen der kleinen Handtrommeln, dem Wehklang der Geige, dem Zupfen der Mandola oder dem eindringlichen Gesang. Musikalisch hat sich Abdelli aus seiner persönlichen Komfortzone hinaus bewegt. Seine Mitmusiker spielen Instrumente, die man normalerweise nicht mit der Region in Verbindung bringt.
 

 

Im neunten Track des Albums, "Oulim Verik“ – "Schwarzer Herd“, werden wir von dem eindringlichen Ruf einer europäischen Konzertflöte begrüßt. Ebenso anmutig wie klagend entwickelt sich eine Stimmung, die zum eher düsteren Titel des Tracks zu passen scheint. Wenn ein Herd als ein sicherer Ort und als Zentrum jedes Heims gilt, als ein Ort, der uns nährt und wärmt, was ist dann ein schwarzer Herd?

Das Thema des Albums lässt uns die Bedeutung erahnen. Vor unserem inneren Auge sehen wir verlassene Häuser und ausgelöschtes Leben. Da wir die Sprache nicht beherrschen, können wir den Text nicht verstehen. Aber wir begreifen den emotionalen Sinn des Stücks. Weitere Instrumente setzen zur Begleitung der Flöte ein. Der Song wird immer intensiver und bringt uns zurück auf vertrautes nordafrikanisches Terrain.

Instrumente und Musikstile verschmelzen

Dies ist in gewisser Weise typisch für das Album und für die Sehnsucht Abdellis nach seiner Heimat Algerien. Zwar enthält das Album auch Musik aus anderen Regionen der Welt, die mit internationalen Musikern eingespielt wurde, aber es kehrt doch stets zurück zur Vertrautheit der Heimat – und der Sehnsucht nach ihr. Das verkörpern die Instrumente von Abdellis Heimat ebenso wie der Berberdialekt als seine Muttersprache.

Instrumente und Musikstile auf diese Weise zu verschmelzen, kann bisweilen gewollt und aufgesetzt wirken. Nicht so bei Abdelli. Er lässt eine Musik entstehen, die zu so vielen Menschen und für so viele Menschen wie möglich spricht.

Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine führen uns wieder einmal vor Augen, dass Menschen überall auf der Welt in die Flucht getrieben werden, sei es durch Krieg, Klimawandel oder Armut. Die Zahl der Vertriebenen wächst weltweit ständig.

Das Album Songs of Exile eines algerischen Berbers im Exil, das einem vertriebenen Europäer gewidmet ist, fängt das Leid dieser Menschen ein und verleiht ihren Hoffnungen und Ängsten einen musikalischen Ausdruck. Es bleibt zu wünschen, dass so viele Menschen wie möglich dieses wundervolle Werk hören werden.

Richard Marcus

© Qantara.de 2022

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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