"Zerrbild des Islam" - Khorchide wirft Sarrazin Schwarz-Weiß-Malerei vor

20.03.2019

Der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide wirft dem Islam-Kritiker Thilo Sarrazin vor, Extremisten den Rücken zu stärken. „Sie lesen den Koran wie ein islamischer Fundamentalist“, sagte der Direktor des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster am Dienstagabend bei einem Podium in der westfälischen Metropole.

Zugleich warf Khorchide dem früheren Berliner Finanzsenator und Buchautor Voreingenommenheit und Schwarz-Weiß-Malerei vor. „Man macht es sich zu einfach, wenn man behauptet: Der Islam ist doof und wird immer doofer, und dadurch wird auch die Gesellschaft immer doofer“, so Khorchide. „Wir brauchen in unserer Gesellschaft keine Feindbilder, sondern müssen zusammenhalten.“

Zu Beginn der Veranstaltung, die vom wirtschaftsliberalen Hayek-Club Münsterland organisiert wurde, hatte Sarrazin vor etwa 300 Zuschauern sein umstrittenes Buch „Feindliche Übernahme“ vorgestellt. „Was uns am Verhalten der Muslime beunruhigt, erklärt sich durch eine vom Koran geprägte Mentalität“, so Sarrazin. Der Koran begünstige Autoritätshörigkeit, belaste das Verhältnis der Geschlechter, befördere Rückständigkeit und behindere Meinungsfreiheit und Demokratie. „Der im Koran vermittelte Hass auf die Ungläubigen verleiht dem Islam seine expansive Eroberungskraft“, erklärte Sarrazin.

Nicht-Muslime seien in keinem muslimischen Land der Welt gleichberechtigt, konservative und fundamentalistische Strömungen überall auf dem Vormarsch. „Ich warne vor einer schleichenden Islamisierung durch demographische Überwältigung“, wiederholte der Buchautor eine seiner umstrittenen Kern-Thesen. Vor dem Veranstaltungsort in der Stadthalle von Münster-Hiltrup demonstrierten zu Beginn der Diskussion rund 100 Personen vom Bündnis „Keinen Meter den Nazis“.

Khorchide widersprach Sarrazin energisch und warf ihm vor, ein düsteres, beängstigendes Bild gezeichnet zu haben. Der Islam müsse viel differenzierter gesehen werden. Es gebe auch viele positive Tendenzen, gerade bei jungen Muslimen. „Das eigentliche Problem ist der politische Islam, der sich in deutsche Stiftungen und Bildungseinrichtungen hineinschleicht, und wir erkennen die Gefahr nicht“, warnte der islamische Theologe.

Es komme darauf an, Muslime aufzuklären und ihre Einstellung zu verändern. „Dafür wünsche ich mir Mechanismen der Begleitung vom deutschen Staat“, so Khorchide. Er selbst habe gerade eine liberale muslimische Gemeinschaft in Nordrhein-Westfalen gegründet und lade alle Muslime zur Teilnahme ein. „Die Zukunft hängt von uns Muslimen und unserer Arbeit ab", unterstrich der Islamwissenschaftler. (KNA) 

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