Youtube, App und Teddybär: Wie Kinder spielend ihre Religion erlernen

20.04.2020

Kinder aus religiösen Familien werden oft durch Eltern oder Lehrer an den Glauben herangeführt. Für Muslime, Christen und Hindus gibt es heute aber auch Serien, Apps und Spielzeug. Der Gedanke: Religion mag teils eine ernste Sache sein, kann aber auch richtig Spaß machen. Von Johannes Schmitt-Tegge

«Okay, lasst uns anfangen.» Der kleine Junge steht im animierten Video auf einem Gebetsteppich in seinem Kinderzimmer, im Hintergrund ist Vogelgezwitscher zu hören. «Wir stellen uns aufrecht hin und drehen unsere Füße in Richtung der Qibla, der Kaaba in Mekka.» Kindgerecht erklärt die 3D-Figur die ersten Schritte des täglichen Gebets für Muslime - Hände in Schulterhöhe heben, gefolgt von dem Satz: «Allahu akbar», Allah ist der Allergrößte.

Mit zwei Millionen Aufrufen ist der kurze Clip bei Youtube einer der erfolgreichsten aus der animierten Serie «Ali and Sumaya». So heißen die beiden Hauptfiguren, die Kindern spielerisch die Welt des Islam beibringen sollen. Für ganz junge Muslime, aber auch für christliche oder hinduistische Kinder, ist im Internet eine bunte Welt aus Serien mit religiösen Inhalten entstanden. Dazu kommen Apps und Spielzeug mit demselben Hintergedanken: Religion mag teilweise eine ernste Angelegenheit sein, kann aber auch richtig Spaß machen.

«Je mehr man über den Islam als Religion lernt, desto mehr versteht man, dass der Prophet Mohammed sehr freundlich und verspielt war», sagt Badheer Ballam, der «Ali and Sumaya» mit etwa zehn Mitarbeitern produziert. Die englischsprachige Serie erreicht vor allem Kinder in Großbritannien, den USA und Kanada, aber auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. «Unser Slogan lautet: Kindern den Islam mit Spaß und Liebe beibringen», sagt Ballam. Scheich Mohammed Dschibril, ein bekannter ägyptischer Geistlicher, lieh der Serie sogar seine Stimme und sein Gesicht. Inzwischen gibt es «Ali and Sumaya» auch als App.

Etwa 1,8 Milliarden Muslime gibt es weltweit, die meisten leben im arabischen Raum und in Asien. Wegen hoher Geburtenraten könnten es dem Pew Research Center zufolge im Jahr 2060 drei Milliarden sein. Kinder lernen den Glauben oft früh durch ihre Eltern, in der Schule oder im Koran-Unterricht einer Moschee. Im Fastenmonat Ramadan, der voraussichtlich am Donnerstag beginnt, gehören Zeichentrickserien mit moralischer Botschaft seit vielen Jahren zum Fernsehprogramm.

Inzwischen ist Youtube - die unangefochtene Plattform für alles von Kochrezepten bis Katzen-Content - dazugekommen. Zu den islamischen Hits zählen dort auch die bunten Geschichten von «Zaky and Friends» um den lilafarbenen Bären Zaky, eine Art Pu der Bär für Muslime. Dessen Clip zum arabischen Alphabet wurde mehr als 75 Millionen Mal geklickt. Das Kinderlied ordnet jeden arabischen Buchstaben einem Wort zu, darunter «Allah», «Ramadan» und die Pilgerfahrt «Hadsch».

Religiöses Kinder-TV gab es schon vor Youtube - und längst nicht nur für Muslime. In den USA erzählt etwa ulkiges Obst und Gemüse in den animierten «Veggie Tales» seit 1993 Geschichten aus der Bibel. Dort versuchten sich Entwickler - mit durchwachsenem Erfolg - auch an christlichen Videospielen, etwa «Captain Bible in Dome of Darkness» oder das «Bible Game», in dem Spieler Fragen zum Alten Testament beantworten müssen. Christen finden heute im Internet auch passende Brettspiele, Malbücher oder David und Goliath als Actionfiguren.

Und Hindus, denen die «Sesamstraße» als moralischer Kompass für ihre Kinder nicht ausreicht, können bald auch Netflix einschalten: Der Streamingdienst kündigte vergangenen Oktober die Serie «Ghee Happy» an über «eine süße Gruppe Hindu-Götter» in einem Kindergarten. Regie soll kein Geringerer als Sanjay Patel führen, der für das Pixar-Studio schon an erfolgreichen Titeln wie «Ratatouille» und «Die Unglaublichen» mitwirkte. Hindus stellen schätzungsweise 15 Prozent der Bevölkerung weltweit und zählen zu den größten Religionen.

«Kinder lernen spielerisch - egal, was sie lernen», sagt Farzana Rahman. Sie suchte Ende der 2010er Jahre vergeblich nach Spielzeug, um ihrer kleinen Tochter ihren islamischen Glauben zu vermitteln - und begann, selbst Spielsachen zu entwerfen und in China produzieren zu lassen. Heute verkauft die Londoner Unternehmerin ihre Waren laut eigener Aussage unter anderem nach Europa, Südafrika, in die Emirate sowie nach Saudi-Arabien, Nigeria und Israel.

«My Little Muslim Friends» - «meine kleinen muslimischen Freunde - hat sie etwa ihre Stoffpuppen im islamischen Gewand getauft. Im Angebot hat Rahman auch Kissen in Mond- und Stern-Form, die im Dunkeln aufleuchten und eine nächtliche Bitte («Dua») aufsagen. Oder der Teddybär «Penny», der sich zum Gebet verbeugen und einige Verse rezitieren kann. Ihre Spielwaren wie auch die animierten Serien seien ein Zeichen, dass Religion und religiöse Familien sich wandelten, sagt Rahman: «Sie gehen einfach mit der Zeit.» (dpa)

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