Widerspruch im Internet - Dua Zeitun kämpft in sozialen Netzwerken gegen islamistischen Extremismus

16.12.2015

Sie ist Tochter eines Imam, studiert Theologie und will Streetworkerin werden. In sozialen Netzwerken sucht Dua Zeitun Kontakt zu Jugendlichen, die sich für den IS begeistern. Sie will sie von ihren radikalen Thesen abbringen. Von Martina Schwager

Dua Zeituns Kinder sind stolz darauf, dass ihre Mutter sich gegen die Terrororganisation «Islamischer Staat» und ihre Anhänger in Deutschland engagiert. «Mama, du hilfst, dass die Jugendlichen keine Bomben bauen. Dann bist du eine Heldin», hat ihr Sohn (11) vor kurzem gesagt. Die 36-Jährige sucht auf Facebook und in anderen Netzwerken Kontakt zu jungen Menschen, die mit extremistischen Islam-Positionen auffallen. «Ich spreche sie an, frage nach ihren Beweggründen und diskutiere mit ihnen: über Schule, Familie, Freizeit und ihren Glauben.»

Mittlerweile steht sie über den von ihr gegründeten Verein «Mujos» («Muslimische Jugendcommunity Osnabrück») mit mehr als 1.000 Jugendlichen in Kontakt. Manche junge Muslime fühlten sich unverstanden und ausgeschlossen aus der Gesellschaft, sagt Zeitun: «Oft sind vermeintlich kleine Probleme wie Mobbing in der Schule oder Stress am Arbeitsplatz der Auslöser dafür, dass sie sich plötzlich für radikale Ansichten interessieren.»

Ihre Erkenntnisse decken sich mit denen der Experten. Anfällig seien besonders unsichere, suchende junge Menschen, die in der Schule und in ihrem sozialen Umfeld Probleme hätten und Misserfolg oder Ablehnung erfahren hätten, sagt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück. Die Salafisten böten ihnen einfache Antworten und eine enorme Aufwertung ihrer Person. Kiefer begleitet das Präventionsprogramm «Wegweiser» gegen gewaltbereiten Salafismus in Nordrhein-Westfalen.

Dua Zeitun weiß auch in religiöser Hinsicht, wovon sie spricht. Sie ist Tochter eines Imam und schreibt gerade ihre Bachelor-Arbeit in Islamischer Theologie. Sie will Streetworkerin werden. Auch den bekannten Salafisten Pierre Vogel hat sie erlebt. Außerdem betreut sie in einer katholischen Bildungseinrichtung Projekte für den interreligiösen Dialog.

Doch bevor sie den Jugendlichen ihre Sicht des Islam darlegt, hört Zeitun ihnen erst zu: «Ich will nicht Autorität sein, sondern Bezugsperson.» Nur wenn sie ihr Vertrauen gewinne und sie ernst nehme, könne sie glaubwürdig argumentieren. «Ich versuche den Jugendlichen deutlich zu machen, dass Radikale wie Vogel uns den Weg zum Islam versperren. Sie ziehen andere Menschen in den Dreck und verbreiten Angst.»

Immer wieder verabredet sich die junge Mutter mit den Jugendlichen in der realen Welt. «Wenn ich mit ihnen zusammensitze und ihnen auf Augenhöhe begegne, kann ich ein bisschen ihre Welle reiten.» Manch einen habe sie schon von seinen radikalen Ansichten abbringen können.

Der Salafismus-Experte Kiefer hält Zeituns Aufklärungsarbeit im Internet für sehr wichtig. Das Internet sei ein bevorzugtes Propaganda-Medium der radikalen Salafisten. Es sei gut, ihnen auf diesem Feld zu begegnen. «Frau Zeitun macht es richtig, dagegen anzudiskutieren.»

Auch einige professionelle Internet-Initiativen gegen die islamistische Radikalisierung existieren bereits - etwa die des Vereins «ufuq» unter dem Motto «Was postest Du?». Allerdings müssten die Anstrengungen in diesem Bereich deutlich verstärkt werden, fordert Kiefer. In vielen Bundesländern wie etwa in Niedersachsen seien Fachberatungsstellen noch im Aufbau.

Es gibt nach Ansicht des Islamexperten außerdem viel zu wenige Schulsozialarbeiter, die den Schülern Angebote machten zum sozialen Lernen oder zur Mediennutzung, damit sie vor radikalen Parolen gefeit sind. Es fehle an finanziellen und personellen Ressourcen: «Wir hinken immer hinterher. Die Entwicklungen überrollen uns ständig.»

Umso wichtiger sei es, dass möglichst viele dem Beispiel Dua Zeituns folgten und radikalen Äußerungen im Internet und sozialen Netzwerken mit Zivilcourage entgegenträten, betont Kiefer. «Jeder, der auf solche Posts und Einträge stößt, sollte ihnen widersprechen. Das Signal muss eindeutig sein: Was du denkst, ist falsch.» Dass könne zumindest Zweifel säen bei den oft sehr jungen Menschen. (epd)

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