Islamismusdebatte nach den Anschlägen von Paris

Phantom "Generation Allah"

Viele befürchten, dass junge Flüchtlinge aus dem Irak oder Syrien von hiesigen Salafisten rekrutiert werden. Die Fakten sprechen dagegen. Von Michael Kiefer

Viel ist in den vergangenen Wochen diskutiert worden über die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen und die damit verbundenen Probleme und Gefahren. Wie nicht anders zu erwarten, ging es dabei auch um den Islam und Gefährdungen, die möglicherweise von Islamisten ausgehen. Zwei Szenarien standen im Vordergrund.

Das erste Szenario geht davon aus, dass mit den Flüchtlingen aus Syrien und Irak einige hartgesottene Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) nach Deutschland oder Westeuropa einsickern könnten. Genau dies scheint sich nun bei den verheerenden Pariser Anschlägen zu bestätigen.

Das zweite Szenario geht von einer indirekten Gefahr aus. Im Mittelpunkt steht die Befürchtung, Muslime aus den Bürgerkriegsgebieten, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, könnten ein fruchtbares Rekrutierungsfeld darstellen für hiesige gewaltbereite Salafisten.

Ein prominenter Vertreter des zweiten Szenarios ist aktuell der ehemalige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber. Seine Befürchtungen konnte man unlängst in der "Süddeutschen Zeitung" nachlesen. Huber fürchtet um die gelebte religiöse Pluralität in unserem Land und mahnt, man könne nicht alle Haltungen hinnehmen, für die der Islam in Anspruch genommen werde. Besondere Sorge bereitet ihm die "Generation Allah", die durch junge muslimische Flüchtlinge Zuwachs erhalten könnte.

Negativ besetztes Schlagwort

"Generation Allah" – das ist ein neues Schlagwort, mit dem in den Feuilletons junge Muslime per Fremdzuschreibung in einem Kollektiv negativ vergemeinschaftet werden. Eine angeblich wachsende Problemgruppe, die – so die These – Anschluss finden könne an gefährliche Salafisten, die den Dschihad in Syrien, im Irak und andernorts befeuern.

Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber; Foto: dpa
Theologe Wolfgang Huber: "Es geht nicht nur um Anhänger und Unterstützer von al-Qaida oder dem IS, auch nicht nur um die steigende Zahl von Salafisten. Vielmehr muss man auch diejenigen in den Blick nehmen, die als Angehörige der 'Generation Allah' bezeichnet werden, junge Leute, die fundamentalistische Glaubensüberzeugungen mit der Ablehnung Andersdenkender verbinden."

Seinen Ursprung findet dieses Konstrukt in der Schrift "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen", die der Psychologe Ahmat Mansour vor kurzem vorgestellt hat. Neben vielen richtigen Beobachtungen findet man dort die sogenannte Generation Allah, die ein wesentlicher Teil der "Radikalen" sei. Mansour beschreibt eine Pyramidenstruktur mit drei Gruppen.

An der Spitze stehen die allseits bekannten Terrororganisationen IS und al-Qaida. In der Mitte folge die Muslimbruderschaft, zu der auch Explizit der türkische Präsident Tayyip Erdoğan gezählt wird. An der Basis stehe die "Generation Allah", die eine Basis für den Radikalismus bilde, und diese Basis sei nach Auffassung des Berliner Psychologen "breit".

Für die Prävention nicht hilfreich

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist das neue Großgruppenmodell "Generation Allah", das sich auf große Teile der muslimischen Jugendlichen bezieht, nicht belegt. Die aktuellen Daten der deutschen Sicherheitsbehörden zeigen, dass sich unter den nach Syrien ausgereisten jungen Menschen auch viele Konvertiten finden. Zudem kommt ein großer Teil der radikalisierten Muslime aus eher religionsfernen Familien.

Der Begriff ist daher nicht mit der Sachlage in Übereinstimmung zu bringen. Aufgrund der wenigen vorliegenden Daten zu Radikalisierten in Deutschland könnte man verallgemeinernd auch von der "Generation Bildungsverlierer" oder der "Generation der Orientierungslosen" sprechen. Für beides lassen sich ohne Schwierigkeiten Belege finden.

Gravierender sind die Einsprüche, die unter präventiven Gesichtspunkten gegen Gruppenkonstruktionen formuliert werden können. "Generation Allah" ist eine Zuschreibung mit eindeutig negativer Konnotation. Zuschreibungen dieser Art konstruieren eine fiktive Gruppe von möglichen Problemträgern. In der konkreten Präventionsarbeit sind solche Zielgruppenbeschreibungen kontraproduktiv, da sie muslimische Jugendliche pauschal mit einem ganzen Bündel an Risikofaktoren belegen. Der Präventionsarbeit in Schule, Jugendhilfe und Gemeinde erweist man mit solchen Gruppenkonstruktionen einen Bärendienst.

Die jüngere Forschung im Bereich der Radikalisisierungsprävention zeigt, dass die Markierung einer Zielgruppe eine Reihe von negativen Effekten auslösen kann. Zunächst kann konstatiert werden, dass sich ein Jugendlicher, unabhängig von Herkunft, Religion und Bildung, ungern als potenzieller Problemträger beschreiben lässt. Wird die betroffene Person dieser Zuschreibung gewahr, reagiert sie im Regelfall mit einer Verweigerungshaltung gegenüber auch gut gemeinten Präventionsmaßnahmen.

Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer; Foto: dpa/picture alliance
Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Er beschäftigt sich mit den Themenfeldern Migration und Rassismus. Er ist auch Geschäftsführer der Agentur für partizipative Integration in Düsseldorf.

Darüber hinaus – und das ist keine Petitesse – kann eine negative Markierung auch zu einer verletzenden Stigmatisierung führen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn die Gruppe als gefährlich dargestellt wird und diese Darstellung Anschluss hat an weitere öffentliche Diskurse, die gleichfalls mit negativen Bildern arbeiten. Bei dem Begriff "Generation Allah" ist genau dies der Fall, denn der Begriff nimmt Anschluss an Bedrohungsszenarien der Islamdebatte, die seit einigen Jahren kursieren und im Kontext der aktuellen Flüchtlingsdebatte neuen Auftrieb erhalten.

Stigmatisierungen bleiben auch in politischer Hinsicht nicht folgenlos. Sie bilden oft den Anfang einer Identitätspolitik. Die negativ Markierten nehmen die Stigmatisierungen auf und transformieren diese in positive Merkmale.

Alle Gruppen betroffen

Aus den genannten Gründen sollten Akteure der Präventionsarbeit und Pädagogik auf derartige Begriffe verzichten. Eine seriöse Präventionsarbeit kommt ohne Zuschreibungen aus, die auf mediale Effekte zielen. Sie fokussiert vielmehr die positiven Ressourcen, die auch in problembeladenen Zielgruppen zu finden sind.

Bei der Prävention gegen religiös begründeten Extremismus geht es übrigens nicht nur um Muslime und Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Die Biografien der ausgereisten jungen Männer und Frauen zeigen sehr deutlich, dass alle gesellschaftlichen Gruppen betroffen sind. Es sind eben nicht nur junge Muslime aus schwierigen Verhältnissen. Ebenso finden wir junge Menschen aus wohlsituierten "biodeutschen" Familien, die mit Islam nie etwas zu tun hatten. Die neosalafistische Mobilisierung ist deshalb ein gesamtgesellschaftliches Problem, um das sich mit ruhiger Hand und langem Atem alle kümmern müssen.

Michael Kiefer

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Phantom "Generation Allah"

Die "Generation Allah" ist kein Phantom, leider.
Zwar muss ich gestehen, dass ich die Schrift "Generation Allah" von Ahmad Mansour nur über sekundäre Quellen kenne - ich kann sie leider auch nicht kurzfristig erwerben-, aber ich finde die von Mansour gefundene Bezeichnung "Generation Allah" sehr anschaulich. Es ist allseits zu beobachten, dass islamistische Gruppen Zulauf haben, nicht nur im deutsch-muslimischen Milieu sondern auch in den islamischen Ländern. Das erste Ziel dieser Gruppen, die vorwiegend für junge Leute attraktiv sind (sie an sich binden), ist (in einer Vereinnahmung des Gottesbegriffs) "die Arbeit für Allah". Dieses Phänomen wird in der Bezeichnung „Generation Allah“ anschaulich ausgedrückt.

Darüber gibt es auch statistische Erhebungen, nämlich die steigenden Zahlen der Anhänger der (Neo-)Salafiyya, welche Michael Kiefer jedoch mit innerdeutschen Details (dass ein hoher Prozentsatz davon Konvertiten sei) als "unwissenschaftlich" abzuschwächen versucht. In einer weiteren Perspektive, die die islamischen Länder miteinschließt (und die dem nicht-deutsch gebürtigen Mansour anscheinend gegenwärtig ist), sind solche Entkräftungsversuche jedoch unhaltbar.

Michael Kiefer beklagt weiter die „einseitige Fokussierung des religiösen Milieus“, und es ist sein Verdienst, “Attraktivitätsmomente“ des Islamismus ins Blickfeld zu rücken (vgl. sein Huffington-Post Artikel zum selben Thema). Statt jedoch diesen Ansatz der Identifizierung von Attraktivitätsmomenten als Ergänzung auszuarbeiten, (etwa durch Aufzeigen der Nicht-Tragfähigkeit dieser Momente, Kritik einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die orientierungssuchende Jugendliche allein lässt), fokussiert Kiefer auf die Ablehnung des von Ahmad Mansour gewählten Ansatzes ....

Nach meiner Ansicht bietet sich der Islam –nicht nur, aber auch, leider- als Grundlage für extremistische, totalitäre Ansichten und Praktiken an.
Gilt nicht ganz grundsätzlich im Islam ein Überlegenheits- und Letztgültigkeitsdogma?
- Mohammed ist das Siegel der Propheten
- Der Islam ist die letzte Religion
- Die islamische Gemeinschaft ist die Beste aller Gemeinschaften ???

Sicher ist die Stigmatisierung von Muslimen der Präventionsarbeit abträglich –
das bedeutet aber nicht, dass das Vermeiden von Islamkritik der Präventionsarbeit zuträglich wäre.

Das Vermeiden von Islamkritik stempelt Muslime zu Unmündigen.
Vollkommen unnötig.
Auch Muslime sehen die Notwendigkeit, den islamischen Extremismus zu bekämpfen.
Soweit ich es überblicken kann, besteht Konsens (auch in islamischen Ländern, Marokko zB) über einen dreifachen Ansatz:
1. sekuritär
2. Prävention (auch allgemeine Prävention durch Wirtschaftsförderung)
3. Islamerziehung

Zu3.: Islamerziehung wird innerhalb der islamischen Länder (Marokko zB) durch Aufsicht über die Moscheen und durch Förderung einer gemässigten Lesart des Islam bewirkt. In Deutschland darf und muss Islamerziehung auch den Blick von außen -Islamkritik also- beinhalten.

Es wäre hier eine Stellungnahme zum Überlegenheits- und Letztgültigkeitsdogma des Islam interessant:
Wie ist damit in einer pluralistischen Gesellschaft umzugehen?
Wie ist damit im Zeitalter der Globalisierung umzugehen?

Auch mir missfällt es, wenn über den Islam nur Negatives berichtet wird.
Gerne würde ich von Michael Kiefer wissenschaftlich fundierte Darstellungen über die tragfähigen Attraktivitätsmomente des Islam hören, die den Islam in ein wohlwollendes Licht rücken und muslimischen Jugendlichen echte Orientierungshilfen geben würden.

betreff22.11.2015 | 16:50 Uhr

Ein fundierter Beitrag von Herren Kiefer. Besten Dank für die Entlarvung der Thesen als nicht haltbar.

Karls Meister 11.03.2016 | 08:42 Uhr