Schweizer Streit um Handschlag-Ausnahme für muslimische Schüler

11.04.2016

Religionsfreiheit oder Diskriminierung der Frau? Die Schweiz streitet darüber, ob sie Schüler zwingen darf, ihrer Lehrerin die Hand zu geben, wenn sie dies aus religiösen Gründen nicht tun wollen. Von Anne-Sophie Galli

Aus religiösen Gründen verweigern zwei muslimische Brüder in der Schweiz den an Schulen üblichen Handschlag zum Abschied nach dem Unterricht. Die Schulleitung wiederum erlaubt ihnen dies unter einer ungewöhnlichen Bedingung: Auch männlichen Lehrern dürfen sie nun die Hand nicht mehr geben. Das Ganze hat nun landesweit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

«Damit zollen wir dem weiblichen Geschlecht unseren Respekt», sagen die beiden Schüler der «Sonntagszeitung». «Niemand kann uns zwingen, Hände zu berühren.» Auch negative Äußerungen einer Lehrerin über den Propheten Mohammed sollen zur Weigerung geführt haben, sagte ein Familienfreund dem Boulevardblatt «Blick».

Jürg Lauener, der Leiter der betroffenen Basler Schule erklärt seine Ausnahmeregelung: «Wir haben versucht, mit den Eltern zu reden. Aber sie haben auf einer religiösen Ebene argumentiert. Da gab es einfach keine andere Lösung.»

Dem widerspricht Justizministerin Simonetta Sommaruga entschieden. Diese Sonderregelung gehe «überhaupt nicht» und verstoße gegen Schweizer Werte. Der Handschlag zum Abschied gehöre an vielen Schulen einfach dazu. «So stelle ich mir Integration nicht vor», sagte sie dem Schweizer Fernsehen.

Der 14-Jährige und sein 16-jähriger Bruder stammen aus einer streng religiösen Familie. Sie gehen ein und aus in der König-Faysal-Moschee, die sich strikt nach den Regeln des Propheten Mohammeds ausrichtet: «Der Prophet hat keine Frauen berührt, nur seine eigene», erklärt Moschee-Vorsteher Nabil Arab der ARD. Der Vater der Brüder ist laut Arab in den 80er-Jahren aus Syrien geflohen und predigt seit vielen Jahren als Imam an der Moschee das Freitagsgebet in arabischer Sprache.

Der Kanton Basel-Landschaft prüft nun rechtlich, ob man Schüler zwingen kann, ihrer Lehrerin die Hand zu geben, oder ob Religionsfreiheit wichtiger ist. «Beim Verweigern des Händedrucks werden Frauen diskriminiert», sagt die Sprecherin der kantonalen Bildungsdirektion, Deborah Murith. Auch islamische Dachverbände in der Schweiz sind sich uneins, ob ein Händedruck zwischen Mann und Frau in Ordnung sei.

Für die zwei Brüder steht fest, dass Politiker und Medien ihren Fall ausnutzen, um Stimmung gegen Muslime zu machen. Auf Facebook hätten sie Drohungen erhalten.

Auf der sozialen Plattform hat einer der Brüder auch ein Propaganda-Video der Terrormiliz Islamischer Staat und Videos des deutschen Salafistenpredigers Pierre Vogel geteilt, was die Diskussion um die Handschlagverweigerung weiter angeheizt hat. Die Jugendanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen ihn.

Sein Facebook-Profil hat er vor einigen Tagen gelöscht. «Ich war damals zwölf Jahre alt, da kannte ich den IS noch nicht einmal. Mir ging es nur um die Musik. Die hat mir gefallen», erklärt er der Sonntagszeitung. Sein Bruder fügt hinzu: «Mein Bruder und ich sind ganz klar gegen den IS. Der Islam verbietet es, Zivilisten zu töten.» (dpa)

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Leserkommentare zum Artikel: Schweizer Streit um Handschlag-Ausnahme für muslimische Schüler

Gespeichert von Ingrid Wecker am

Ich frage mich langsam aber sicher, ob WIR selbst eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben uns auf solche Diskussionen ueberhaupt nur einzulassen. Schlimmer wird es aber doch jetzt nicht mehr... Wer als Schueler an einer europaeischen Schule seiner Lehrerin nicht die Hand geben will, gehoert entsprechend diszipliniert und fertig!